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Wer heute auf die Welt schaut, sieht einen Flickenteppich aus Hunderten von Organisationen, die gesammelt versuchen, die Welt angesichts globalen Wirtschaftens, internationaler Politik, Kriminalität, Terrorismus, Epidemien und Umweltzerstörung weiterhin regierbar zu halten. In den vergangenen 30 Jahren haben sich neue Akteure herausgebildet und konsolidiert. Etwa die Welthandelsorganisation oder der Internationale Strafgerichtshof - derweil haben sich die Rollen etablierter internationaler und zivilgesellschaftlicher Institutionen gefestigt.
Keine dieser Organisationen hat nationale Regierungen komplett ersetzt. Staaten sind immer noch wichtig: Ihr politischer Auftrag ist vollumfänglich und nicht auf ein bestimmtes Thema begrenzt, ihr Durchsetzungsvermögen ist weiterhin enorm. Doch die Zukunft gehört anderen: Wir beobachten schon heute die Vorläufer eines komplexen globalen Netzwerks, das künftig die Hauptlast weltweiter Herausforderungen schultern wird.
Ich rede vom Netzwerk der Städte, von globalen Städten. Dabei geht es nicht um die Prophezeiung eines Machtkampfes zwischen Städten und Staaten, sondern um die ganz pragmatische Einsicht, dass die dringenden globalen Probleme der Zukunft in Städten am frühesten, dringendsten und drastischsten manifest werden. Konkrete Handlungsansätze werden von Städten ausgehen müssen.
Seit den späten 1980er-Jahren ist diese Entwicklung bereits im Gange. Damals sind die ersten Städte zu strategischen Zentren der globalen Finanzwirtschaft herangewachsen. Über 100 Städte sind heute nicht mehr aus der globalen Architektur wegzudenken. Ihr Einfluss reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus und erstreckt sich in einem verzweigten (Wirtschafts-) Netzwerk über die gesamte Welt. Außerdem bilden Städte die Frontlinien im Kampf gegen neue Herausforderungen wie Klimawandel und Terrorismus.
Schon heute arbeiten immer mehr Städte immer enger zusammen. Sie tauschen Erfahrungen aus und beraten sich gegenseitig, wie sie der rapide wachsenden Zahl globaler Herausforderungen Herr werden können. Das sogenannte „C-40"-Netzwerk hat beispielsweise mehr zur Klimapolitik beigetragen als die meisten staatlichen Regierungen. Auf der jüngsten „Rio+20"-Konferenz gab es auf Initiative des örtlichen Bürgermeisters ein eigenes Gipfeltreffen der Städte, das ohne fehlplatzierten Nationalismus und starres Beharren auf Emissionsrechten ausgekommen ist. Im Gegensatz zum ergebnislosen Verhandlungsmarathon der diplomatischen Delegationen war dieses Treffen ein Erfolg.
Auf der anderen Seite des Spektrums haben viele Städte begonnen, eigene Anti-Terror-Streitkräfte auszubilden. Die Kooperation funktioniert hier sogar so gut, dass wir durchaus Grund zur Sorge haben sollten. Der Einsatz von Spezialeinheiten gegen Occupy-Aktivisten in New York hat gezeigt, wie leicht sich Städte in ihren Planungen verkalkulieren können.
Die Ansätze urbaner Geopolitik sind unverkennbar. Ein Großteil davon ist informell - und genau deswegen praktikabel und effektiv. Es geht also nicht nur um die Auflösung existierender Hierarchien, sondern auch um neue Formen globaler Zusammenarbeit und Interaktion. Unsere Zukunft wird nicht von den G8-Staaten bestimmt werden, nicht vom amerikanisch-chinesischen Tandem oder von den G20. Die Zahl der relevanten Akteure wird größer sein, und jeder einzelne von ihnen spezialisierter. Urbane Netzwerke werden Teil dieser neuen Architektur sein.
Zusätzlich gibt es neben dem Aufkommen globaler urbaner Netzwerke noch einen zweiten Trend, der sich innerhalb nationalstaatlicher Grenzen vollzieht. Geopolitik spielt sich immer stärker in begrenzten urbanen Räumen ab und nicht mehr am Sitz einer Regierung. Teilweise hat das ganz konkrete wirtschaftliche Gründe: Städte haben oftmals mehr Einfluss auf die globale Wirtschaft als die Entscheidungen eines Staatsoberhauptes oder Finanzministers. Wir können heute schon eine Zukunft vorhersehen, in der urbane Räume wichtiger sind als die Staaten, in denen sie geografisch verankert sind.
Washington, New York und Chicago sind die dominierenden Städte der USA; Peking, Hongkong und Schanghai treiben das Wachstum Chinas voran. Solange die EU existiert, ist die Achse Berlin-Frankfurt-Brüssel von enormer Bedeutung. Istanbul ist der Dreh- und Angelpunkt der Nord-Süd- und Ost-West-Achsen und, gemeinsam mit Ankara, ein aufstrebender globaler Knotenpunkt. São Paulo, Rio de Janeiro und Brasilia bilden neben den Städten Chinas eine zweite Achse politischer und wirtschaftlicher Macht. Die brasilianische Entwicklungsbank verfügt über mehr Geld als die Weltbank, und die Wirtschaft der brasilianischen Städte boomt.
Die Region des Nahen Ostens wird über die Städte Kairo, Beirut und Riad neu definiert. Beirut ist seit langem in globale Netzwerke eingebunden, Kairo ist eine alte Kolonialstadt. Über Riad wird die Ölwirtschaft der Golfregion abgewickelt. In Genf, Wien und Nairobi sind Organisationen ansässig, die sich mit Fragen sozialer Entwicklung und globaler Gerechtigkeit auseinandersetzen. Vor allem Nairobi wird in einer globalen Welt immer wichtiger, auch wenn diese Entwicklung bisher vom Glanz der Finanzknotenpunkte und Militärstützpunkte überstrahlt worden ist. Je stärker sich die drei zuletzt genannten Städte profilieren können, desto mehr werden umweltpolitische und soziale Fragen ins globale Rampenlicht rücken und die derzeitige Kultur der wirtschaftlichen Schockstarre und des Exzesses überwinden helfen.
Einige wichtige Städte fehlen in dieser Aufzählung, zum Beispiel London. Die Stadt steht auf eigenen Füßen und ist unabhängig von anderen erfolgreich. In diesem Sinn ist London vielleicht die ultimative globale Stadt der heutigen Zeit: eine Weltstadt ohne Weltreich. Das ist eine Leistung. Doch kann sie auch von Dauer sein? Nichts, das lehrt uns die Geschichte, ist wirklich von Dauer - außer den Städten. Sie haben alles überlebt: den Fall von Imperien und Königreichen, Revolutionen, Regierungen und den Kollaps von Banken. (Saskia Sassen, derStandard.at, 24.10.2012) Übersetzung aus dem Englischen @TheEuropean.de
Saskia Sassen, The European, ist Professorin für Soziologie an der Columbia University ist Sassen und Co-Direktorin des "Committee on Global Thought".
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Die im Artikel genannten Punkte sind keine neuen Entdeckungen.
Ich bezweifle stark, dass sich zukünftig groß etwas an der Autonomie der Großstädte ändern wird. Die nationalen Regierungen sind zunehmend abhängig von den Agglomerationen. Dies kommt stärker zum Tragen, wenn man die zunehmende Landflucht in den Entwicklungs-und Schwellenländern mitberücksichtigt.
Die Nationalstaaten können schlichtweg nicht auf ihre Metropolen verzichten (weder politisch noch finanziell).
Beispiel Türkei: Die etwa ein Dutzend Großstadtverwaltungen erhalten jeweils lediglich 5% der innherhalb der Stadt erwirtschafteten Gesamteinnahmen. Wie sollte man sonst die landwirtschaftliche Subventionen, Militärausgaben, etc. decken. Das ist der springende Punkt.
ich finde es höchst seltsam, dass eine soziologin eine stadt aus einem rein wirtschaftlichen gesichtspunkt betrachtet (mit daraus resultierender überregionaler/globaler macht).
schon da passiert eine falsche folgerung: viele kleine einheiten wirtschaften in summe besser als ein großer moloch!
und vor allem: das leben besteht aus so viel mehr essentiellen dingen als dem wirtschaftssektor. viele dieser dinge funktionieren ebenfalls in kleinen einheiten um vieles besser als in einer großstadt.
der mensch hat nur eine chance, wenn er den weg der dezentralisierung beschreitet.
ps.: die großstadt in 100 jahren wird -falls noch existent- züge wie in SF-filmen haben: sauber dank robocop und glaskuppel. oder pure anarchie und chaos.
Die Zukunft liegt im verdichteten mehrgeschossigen Wohnbau des Ballungsraums.
Alles zwischen Wien und Graz bitte baldigst zusperren, und die immensen Gelder, mit denen wir momentan das weite Land subventionieren müssen, kann bei der Uni und den Studierenden weit lohnender eingesetzt werden.
Mag ja alles stimmen, aber ich lese aus der Prognose hauptsächlich eine Urbanitäts-Nostalgie heraus, die Stadt als für sich selbst stehendes Gebilde mit klaren Grenzen und historischer Linearität begreift. Städte als Systeme stehen aber zunehmend mit ihren Umwelten (sozialräumlich, versorgungstechnisch, ökologisch usw.) in einem unauflösbaren und komplexen Zusammenhang. Wenn, dann sehe ich eher die Rolle von Regionen im Steigen begriffen, wobei freilich die zentralen Orte jeweils als Motor der Entwicklung wirken (können).
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