Obama landet Pflichtsieg

Analyse23. Oktober 2012, 08:35
260 Postings

In der letzten Debatte ging der Präsident gegen einen müde wirkenden Mitt Romney in die Offensive - Erste Umfragen sehen Obama als Sieger

"Deadly Embrace" nennen die Amerikaner jene riskante Taktik, derer Mitt Romney sich in der dritten und letzten Fernsehdebatte vor der US-Präsidentschaftswahl in Boca Raton (Florida) zu bedienen versuchte. Dem Gegner schmeicheln, ihn in Sicherheit wiegen, ihm milde zustimmen. Und im entscheidenden Moment zum Würgegriff ansetzen.

Bloß: Romneys Strategie wollte nicht aufgehen. Der Republikaner arbeitete sich vor einem Millionenpublikum eineinhalb Stunden lang an seinem Anspruch ab, ein Politiker der Mitte und ein künftiger Staatsmann von Weltformat zu sein. Wo der in Umfragen bedrängte Präsident Barack Obama seine eigenen Erfolge lobte, etwa die Tötung von Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden, stimmte ihm Romney häufig frank und frei zu. Womöglich zu oft, um die wahlentscheidenden Stammwähler endgültig zu mobilisieren.

Der frühere Gouverneur von Massachusetts wollte ein starkes Unentschieden aus den beiden ersten Duellen über die Zeit retten. Bloß nichts riskieren, lautete scheinbar die Devise. Obama hingegen setzte diesmal voll auf Offensive. Im Gegensatz zu 2008 nicht, weil er es konnte, sondern weil er musste.

Der Amtsinhaber nahm daher von Beginn an das Heft in die Hand und nutzte jede Gelegenheit zu scharfen Repliken, die den eigentlich gut vorbereiteten Romney Mal um Mal aus dem Konzept brachten. Als Romney sich über die geringste Zahl an US-Kriegsschiffen seit 1917 beklagte, antwortete Obama, die Streitkräfte hätten heute auch weniger Pferde und Bajonette als damals, "weil sich das Wesen des Militärs eben geändert hat". Als Romney die Gefahr durch Terrornetzwerke wie Al-Kaida heraufbeschwor, nutzte der Präsident die Gelegenheit, seinen Herausforderer an dessen Aussage vom Sommer zu erinnern, wonach Russland die größte Bedrohung Amerikas sei. "Der Kalte Krieg ist seit 20 Jahren vorbei", belehrte Obama den Republikaner. "Mich anzugreifen ist kein Plan", antwortete Romney immer wieder.

Romney zieh Obama im Gegenzug fehlender Führungsstärke im Umgang mit den politischen Veränderungen in der arabischen Welt. "Wir sehen eine ziemlich dramatische Umkehr der Hoffnungen, die wir für die Region gehabt haben", sagte er. In mehreren Ländern seien Islamisten auf dem Vormarsch.

Schlagabtausch zu Israel

Und als Romney dem Präsidenten schließlich erwartungsgemäß Ignoranz gegenüber dem Verbündeten Israel vorwarf, erzählte Obama von seinem Besuch in Jerusalem, damals, als er selbst noch Präsidentschaftskandidat war: "Ich habe keine Spender mitgenommen, ich habe keine Spendenveranstaltungen besucht, ich bin nach Yad Vashem gefahren, dem Holocaustmuseum, um mich an das Wesen des Bösen zu erinnen und daran, warum unsere Verbindung zu Israel unzerbrechlich ist."

Mitt Romney, der das erste Fernsehduell in Denver gegen einen erstaunlich verhaltenen Obama gewonnen hatte, gab sich im wahlentscheidenden Battleground-Staat Florida viel zu defensiv, um den Präsidenten aus der Reserve zu locken. Wirkliche Fehler hat sich der Republikaner hingegen auch in der dritten Debatte nicht geleistet. Keine Spur von einem neuen Fauxpas der Kategorie "47 Prozent", nicht einmal eine Wiederholung des "Ordner voller Frauen"-Missgeschicks unterlief ihm.

Obama hat die Scharte der verlorenen ersten Debatte wieder ausgewetzt. Einer Schnellumfrage des Senders CNN zufolge schnitt er nach Einschätzung der Zuschauer am Montagabend besser ab als Romney. Ob diese letzte der drei TV-Debatten tatsächlich über Wohl und Weh der beiden Kandidaten entscheidet, ist aber mehr als ungewiss. Denn die eigentlich entscheidenden Themen Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik kamen dieses Mal nur am Rande vor. (Florian Niederndorfer, derStandard.at, 23.10.2012)

Link

New York Times: Die TV-Debatte im Volltext

  • Schlagabtausch in Boca Raton.
    foto: reuters/joe skipper

    Schlagabtausch in Boca Raton.

  • Worte des Abends.
    grafik: worlde

    Worte des Abends.

  • Michelle Obama und Ann Romney beglückwünschen ihre Ehemänner nach der Debatte.
    foto: reuters/win mcnamee/pool

    Michelle Obama und Ann Romney beglückwünschen ihre Ehemänner nach der Debatte.

  • Kaum zu halten: Mitt Romney.
    foto: pablo martinez monsivais/ap/dapd

    Kaum zu halten: Mitt Romney.

  • Die Obamas sind zuversichtlich.
    foto: pablo martinez monsivais/ap/dapd

    Die Obamas sind zuversichtlich.

  • Am großen Tisch ging es um die Welt außerhalb der USA.
    foto: epa/rick wilking/pool

    Am großen Tisch ging es um die Welt außerhalb der USA.

Share if you care.