Deutscher Fußball in der Zwickmühle

22. Oktober 2012, 22:22
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Nach massiven Ausschreitungen um das Derby zwischen Dortmund und Schalke erhöhter Druck von Politik und Polizei, Vereine verweigern vorgeschlagenem Sicherheitskonzept jedoch die Zustimmung

Frankfurt/Main - Die Deutsche Fußball Liga (DFL) könnte hinsichtlich des Themenkomplexes Sicherheit schon bald das Heft des Handelns abhanden kommen. Noch bevor die Sicherheitskommission des Ligaverbands am Montag in Frankfurt zu einer Tagung zusammenkam, gaben bereits andere Akteure die Richtung vor. Nach den schweren Krawallen beim Derby zwischen Borussia Dortmund und Schalke 04 am Samstag steht das neue Sicherheitskonzept vor dem Aus, bevor es überhaupt beschlossen worden ist.

Vor dem Spiel war es in der Dortmunder Innenstadt zu Ausschreitungen gekommen. Dabei wurde nach Angaben der Polizei eine Gaststätte in Stadionnähe von Dortmunder Randalierern demoliert. Die Anhänger hätten das Mobiliar zerlegt und auf die Straße getragen, "um es als Wurfgeschosse gegen gegnerische Fans und Polizeibeamte einzusetzen", hieß es in einer Polizeimitteilung. Am Stadionvorplatz griffen Schalker Gewalttäter später unvermittelt BVB-Anhänger an, darunter auch unbeteiligte Fans. Bei dem Versuch, die Gruppen voneinander zu trennen, seien Beamte unter Beschuss gekommen.

Innenminister drückt aufs Tempo

"Die Ausschreitungen zeigen eindrucksvoll, dass die Zeit zum Handeln gekommen ist. Trotz der ausführlichen Gespräche im Sommer ist es offensichtlich nicht gelungen, die Gewalt in den Fußballstadien einzudämmen", sagte Lorenz Caffier, Vorsitzender der Innenministerkonferenz, im Gespräch mit "Sport Bild plus". Sollte sich die DFL mit den 36 Profivereinen aus der 1. und 2. Liga nicht auf ein Sicherheitskonzept einigen können, könnten also bald Politik und Sicherheitsbehörden am Wort sein.

Noch gibt sich die DFL aber zuversichtlich. "Die Mitgliederversammlung am 12. Dezember wird der Tag der Entscheidung sein. Und ich bin mit sicher, dass wir ein tragfähiges Konzept finden werden, dem die Vereine zustimmen können", sagte Liga-Vizepräsident Peter Peters nach dem Treffen. Am Dienstag will sich zudem der Vorstand des Ligaverbands mit der Problematik befassen.

Der Liga-Katalog enthält unter anderem die Einführung von gemeinsamen Standards, bei deren Nicht-Einhaltung vonseiten der Klubs Strafen wie die Einbehaltung von TV-Geldern möglich sein sollen. Zudem soll der Dialog mit allen Beteiligten weiter gesucht, die Thematik der Stadionverbote und der Einsatz der Sportgerichtsbarkeit soll ebenfalls neu geregelt werden. Es gibt ein Bekenntnis für die Beibehaltung von Stehplätzen, keinen Platz im Stadion soll dagegen Pyrotechnik haben.

Der Worte sind genug gewechselt

Caffier, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, kritisierte derweil indirekt das Vorgehen des Verbandes, das "Eckpunktepapier zur Förderung eines sicheren Stadionerlebnisses" als Diskussionsgrundlage zu bezeichnen. "Die am Samstag gezeigte Form der Gewalt gegen Fans gegnerischer Mannschaften sowie auch gegen Polizeibeamte dürfen die Vereine und die Politik nicht länger hinnehmen. Geredet ist nun genug. Jetzt müssen Taten folgen", sagte Caffier.

Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach sich für ein Ende des Dialogs mit bestimmten Fanvertretern aus. "Es gibt eine kleine Gruppe von rund 4000 Hooligans und Ultras, diese Gruppierung spricht nicht mit uns, die wollen gar nicht mit uns reden, diese kleine Gruppe erkennt Gesetze und Regelungen nicht an", sagte Nordrhein-Westfalens stellvertretender GdP-Chef Arnold Plickert am Montag in einem WDR2-Radiointerview. Die Zeit der Runden Tische mit Gewaltbereiten müsse vorbei sein.

Forderung nach Fußball-Staatsanwälten

Aus Sicht des Polizei-Gewerkschafters hat die Entwicklung den Einsatz besonders geschulter Staatsanwälte inzwischen zwingend erforderlich gemacht: "Wir brauchen Fußball-Staatsanwälte, die das Geschäft tagtäglich kennen, die die gruppendynamischen Prozesse kennen, damit wir einen einheitlichen Maßstab haben." Zudem forderte Plickert gezielte Stadionverbote "für erkannte Rechtsbrecher und Gewalttäter" und "klare gesetzliche Regelungen, damit wir Bereichsbetretungsverbote und Meldeauflagen verhängen können".

Klub-Kritik aus entgegengesetzter Richtung

Bereits zuvor hatten mehrere Vereine das geplante neue Sicherheitskonzept der DFL öffentlich abgelehnt, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Bis zum Montag konnten die Profivereine zu dem Konzept Stellung nehmen und eigene Ideen einbringen. Fortuna Düsseldorf verweigerte als erster Bundesligist seine Zustimmung. Als Vorreiter hatte Zweitligist Union Berlin "eine Vielzahl von oben herab bestimmten Maßnahmen und rechtlich anzuzweifelnder Sanktionierungen" kritisiert und den Vorwurf erhoben, der Maßnahmenkatalog stehe "dem notwendigen Dialog im Weg". Auch Hertha BSC und St. Pauli äußerten sich ablehnend.

Dabei hatte Liga-Chef Reinhard Rauball die Klubs eindringlich zur Solidarität gemahnt. "Das gemeinsame Vorgehen ist das A und O bei diesem Thema. Nur so kann das Vorhaben Erfolg haben. Es darf nicht sein, dass sich einige Klubverantwortliche zu Lasten der Solidargemeinschaft bei den Fans profilieren wollen", hatte Rauball gesagt. Bei der nächsten Vollversammlung am 12. Dezember soll das Konzeptpapier des Dachverbands verabschiedet werden. (sid/red, derStandard.at, 22.10.2012)

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