Rohkost beschränkt die Hirngröße

Woran lag es, dass unsere Vorfahren ein so großes Gehirn entwickeln konnten? Neue Forschungen bestätigen, dass die Erfindung des Kochens eine der entscheidenden Voraussetzungen war

Washington - Wie viele Nervenzellen wir im Gehirn haben, hängt einerseits von Einzelfall ab. Andererseits sind es so viele, dass die Forschung immer noch nicht so genau weiß, ob unsere feuchten Prozessoren nun eher aus 100 Milliarden oder doch einer Billion Neuronen bestehen.

Für deren Betrieb ist eine ganze Menge Energie nötig, weshalb der US-Primatologe Richard Wrangham bereits vor einiger Zeit die Theorie aufstellte, dass unsere Hirnentwicklung Hand in Hand ging mit der Zufuhr von energiereicher, gekochter Nahrung. Andere Forscher hingegen halten es für wahrscheinlicher, dass der Mensch zuerst ein größeres Gehirn entwickelte und erst dann das Kochen erfand.

Wann der Urmensch erstmals begann, seine Nahrung zu erhitzen, ist unklar. Die älteste bekannte Feuerstelle, die 2008 in Israel entdeckt wurde, ist knapp 800.000 Jahre alt. Die dortigen archäologischen Funde zeigen aber nicht, ob dieses Feuer bereits zum Kochen genutzt wurde.

Was war also zuerst: Das Kochen oder das größere Hirn? Karina Fonseca-Azevedo und ihre Kollegin Suzana Herculano-Houzel von der Universidade Federal do Rio de Janeiro gingen die Frage etwas anders an: Sie berechneten, wie viele Kalorien ein Primat zusätzlich aufnehmen müsste, um ein Gehirn zu ernähren, das im Vergleich zur Körpergröße so groß wäre wie jenes des Menschen.

Das Ergebnis: Ein Gorilla bräuchte 733 Kalorien mehr, für die er zwei Stunden und zwölf Minuten länger fressen müsste. Hätten unsere Vorfahren sich so ernährt wie Gorillas heute, hätten sie neun Stunden pro Tag für die Nahrungssuche benötigt - Essen als Ganztagesbeschäftigung sozusagen.

Unsere Vorfahren dagegen hätten sich diesem Dilemma entzogen, indem sie begannen, ihre Nahrung zu kochen, schreiben die beiden brasilianischen Wissenschafterinnen im Fachblatt PNAS. Wenn Nahrung gekocht wird, liefert sie mehr Kalorien, weil die Nährstoffe besser verdaut und vom Körper aufgenommen werden können.

Fonseca-Azevedo und ihre Kollegin Suzana Herculano-Houzel gehen davon aus, dass sie eine direkte Bestätigung der Theorie von Wrangham geliefert haben. Denn Rohkost allein liefert Menschenaffen nicht genügend Energie, um zusätzliche Gehirnzellen versorgen zu können. (tasch/DER STANDARD, 24.10.2012)

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