Spekulanten als Sargtischler der Altersvorsorge

Kommentar der anderen | Stephan Schulmeister, 22. Oktober 2012, 18:48

Anmerkungen zum Frontverlauf im Pensionsstreit mit Blick auf die generelle Schwäche einfacher Rezepte nach dem Muster "Wenn die Lebenserwartung steigt, muss man länger arbeiten"

Wer mehr ausgibt, als er einnimmt, muss sparen. Diesen Grundsatz verankern die EU-Eliten seit 20 Jahren in Regeln - von den Maastricht-Kriterien bis zum Fiskalpakt.

Wenn die Arbeitslosigkeit steigt, dann ist Arbeit zu teuer, also sollen die Reallöhne schwächer wachsen als die Produktivität. Dies ist seit 30 Jahren der Fall: Die Lohnquote sinkt.

Wenn die Lebenserwartung steigt, dann muss man länger arbeiten, sonst ist das Pensionssystem in Gefahr.

Ist das so? Symptomtherapien können die Krankheit verschlimmern: Seit sich die EU dem Sparen verschrieben hat, ist die Staatsschuldenquote stärker gestiegen als je zuvor. Das Gleiche gilt für das Rezept der Lohnzurückhaltung: Seit die Reallöhne hinter der Produktivität zurückbleiben (seit 30 Jahren!), steigt die Arbeitslosigkeit immer mehr.

Grund: Die einfachen Therapien können wesentliche Kettenreaktionen nicht berücksichtigen.

Wenn etwa Ölpreisschocks oder Finanzkrisen Rezessionen verursachen, erleidet der Staat ein höheres Defizit. Versucht er, dieses zu senken, ohne davor sichergestellt zu haben, dass die Unternehmer ihr Defizit ausweiten (mehr investieren) oder die Haushalte ihre Überschüsse senken (mehr konsumieren), dann produziert die Sparpolitik die nächste Rezession (wie derzeit in Europa).

Falsche Heilsverkünder

Wenn in Südeuropa Reallöhne und Pensionen gekürzt werden, um die Wirtschaft zu stärken, wird das Gegenteil erreicht: Die Schwächung von Kaufkraft und Vertrauen lässt Konsum und Investitionen einbrechen, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung steigen massiv. Am stärksten betroffen sind die Jungen.

Auch die "Common Sense"-Empfehlung - wenn die Lebenserwartung steigt, muss man länger arbeiten - könnte sich als zu einfach erweisen. Bei steigendem Wohlstand wäre es ökonomisch und ökologisch sinnvoller, die Lebensarbeitszeit zu senken - allerdings kommt man dann um die Verteilungsfrage nicht herum...

Fangen wir mit der Diagnose an: Schuld an der Misere sei das niedrige Pensionsantrittsalter. Warum ist dieses denn seit den 1970er Jahren gesunken? Im Wesentlichen: Weil immer weniger Jobs geschaffen werden. Das System reagierte zunächst mit Frühpensionierungen. Dies trug dazu bei, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich kleiner blieb als anderswo, doch die finanzielle Belastung stieg. Seit den 1990er Jahren wird der Mangel an "normalen" Jobs durch Schaffung prekärer Arbeitsverhältnisse "gemildert". Damit fließt aber weniger Geld in die Sozialsysteme.

Aber warum geht das Job-Wachstum seit 40 Jahren zurück (bei Vollbeschäftigung hätte unser Pensionssystem kaum ein Problem)? Kurzantwort: In den 1950er und 1960er Jahren lenken keynesianische Rahmenbedingungen das Gewinnstreben auf die Realwirtschaft. Bei permanenter Vollbeschäftigung gehen Gewerkschaften und Sozialdemokratie in die Offensive, der Zeitgeist dreht nach links, die neoliberalen Losungen werden für Vermögende wieder attraktiv.

Die Ent-Fesselung der Finanzmärkte erschwert unternehmerisches Handeln. Bei instabilen Wechselkursen, Rohstoffpreisen, Zinssätzen und Aktienkursen verlagert sich das Gewinnstreben von der (Job-)Produktion zu Spekulationen aller Art.

Zwischen 1982 und 2000 steigen die Aktienkurse fast auf das Zehnfache, Geld scheint arbeiten zu können, also lassen wir es für unsere Alterssicherung arbeiten! Die Umstellung auf Kapitaldeckung gibt dem Boom einen "langen Atem", der Crash 2000/2003 war das Vorbeben zur großen Krise. - Just zu dieser Zeit beginnt man auch in Österreich die Alchemie für die Altersvorsorge einzusetzen. Der ATX steigt bis 2007 auf das Fünffache, wer schon am Beginn Aktien hatte - in erster Linie Privatstiftungen - wird der große Gewinner, die meisten " Betriebspensionisten" und "Zukunftsvorsorgler" sind die Verlierer. Denn der ATX stürzt fast wieder auf sein Ausgangsniveau - die Pensionsfonds stiegen wie die Amateure zu spät ein und zu spät aus.

Ebenso wie Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung ist auch das Pensionsproblem Symptom eines Nicht-Funktionierens der gesamten " Spielanlage": Ein System, das sich am Grundsatz "Lassen wir unser Geld arbeiten" orientiert, in dem daher die Banker über die Unternehmer, die Finanzökonomie über die Politik und die marktreligiösen Geistesgrößen über handwerklich Denkende dominieren, zerstört sich selbst.

Die Pensionsreformen sind Teil dieses Implosionsprozesses: Unter den jetzigen "Spielbedingungen" wird die Anhebung des Pensionsantrittsalters die Jungendarbeitslosigkeit steigen lassen, bei gleichzeitiger Umsetzung des Fiskalpakts und zunehmender Ungleichheit wird die Rezession 2013 in eine Depression gleiten. Ein neuerlicher Aktienkursverfall ist dann wahrscheinlich, er wird die zweite und dritte "Pensionssäule" schwer ramponieren.

Mit Fortdauer der Depression werden sich die Politiker langsam von den marktreligiösen Experten emanzipieren (der IWF hat schon angefangen), man wird aus Not wieder lernen, systemisch zu denken, mit weniger Selbstgewissheit, dafür vor-sichtiger. Experimente mit Millionen Menschen, wie sie derzeit in Südeuropa durchgezogen werden, wird es so bald nicht mehr geben.

Dann wird man langsam die Hauptkomponenten des Europäischen Wirtschafts- und Sozialmodells stärken (wie nach der letzten Depression). Dazu gehören Vorrang für Unternehmertum gegenüber der Finanzalchemie und Sozialstaatlichkeit als Gegengewicht zur Marktkonkurrenz.

Daher gilt für die soziale Pensions-, Kranken- oder Arbeitslosenversicherung eben nicht: Jede(r) bekommt so viel raus, wie er/sie einbezahlt hat. (Stephan Schulmeister, DER STANDARD, 23.10.2012)

Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien.

Nachlese

Wider die Reformblockierer im Pensionenstreit

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"Weil immer weniger Jobs geschaffen werden"

Aber. War in Österreich in den gelobten (!) fünfziger Jahren ein größerer Bevölkerungs-Anteil erwerbstätig als jetzt? Frauen? Vielleicht sogar unter angenehmeren Arbeitsbedingungen?

Bei weitem nicht.

Theoreme, aus völlig falschen Axiomen abgeleitet, sind, werter Schul-Meister, halt auch falsch.

Schulmeister scheint einer der wenigen zu sein,

auf den das Pradikat "Experte" tatsächlich zutrifft, weil er seine Expertisen auf Fakten und nicht auf Ideologien aufbaut.

Hätten die Grünen noch einen Funken Verstand würden sie sich den A.... aufreissen um Leute wie Schulmeister oder auch Schratzenstaller zu bekommen und damit ein Stück seriöse Kompetenz zurück zu gewinnen. Leider gibts dafür keine Anzeichen.

Warum wollen Sie, dass

Schulmeister und Schratzenstaller medial mundtot gemacht werden?!

Ein Jammer,

dass Leute wie Schulmeister (aus persönlich verständlichen Gründen) nicht in der Politik sind. Hätten dort auch keine lange Lebensdauer.

Dieser Kommentar ist ein Beleg dafür, dass Politik nichts anderes mehr ist, als durch surreale Sprechakte (Sloterdijk) vermittelte Realitätskonstruktionen (Sloterdijk) für das "blöde Volk", hinter denen sich jedoch nur die konsequenten Vertretung von Partikularinteressen mächtiger Lobbys verbirgt.

Wäre es anders, müsste Schulmeister's Befund 1:1 in Politik umgesetzt werden.

Schulmeister ist nicht in Parteipolitik

In der Politik schon.
Und das ist auch gut so, wir brauchen auch politisch kluge Köpfe abseits der Parteipolitik.

in vielen Punkten kann ich dem Artikel...

zustimmen! Gerade in den letzten Tagen wurde publik, dass z.B die Sozialversicherung enorme Pensionsprivilegien nach wie vor gewähren, dies ist m.E. sofort abzustellen, auch andere Privilegien würden die Pensionsproblematik entscheidend reduzieren, der Generationenvertrag ist an und für sich ok, dritte Säulen etc. sind wiederum der Spekulation ausgesetzt!
Es sollte endlich angegangen werden, das Pensionsproblem ordentlich zu lösen und nicht immer jung gegen alt aufzuwiegeln!!!

faktum ist, dass das tatsächliche antrittsalter in österreich so niedrig ist wie in kaum einem anderen industrieland. und faktum ist auch, dass die asvg-pensionen so gut wie gedeckt sind. der punkt ist, dass alle pensionsversicherungen schlicht so geregelt gehören wie die asvg und damit wäre das problem so gut wie gelöst. vorerst zumindest, bist die arbeitende bevölkerung massiv zu schrumpfen anfangt so in 60-70 jahren - aber das ist eine andere baustelle.

In 60-70 Jahren sind wir längst bei der 25 Stundenwoche angelangt

... und die Produktivkräfte & Arbeitsteilung sind so fortgeschritten, dass damit trotzdem ein Volkseinkommen erwirtschaftet wird, das für alle gut reicht inkl. Transferleistungen für Entwicklungshilfe bei 5% des BIP.
Man hat dann z.B. auch erkannt, dass der ausufernde freie Handelsverkehr wie zu Beginn des 2 Jahrtausend mehr Umweltkosten verursachte als sinnvollen Nutzen stiftete, und in einer globalen Welt die Entwicklung besser jeweils vor Ort und mit kurzen Wegen vorangeht.
Auch hat man sich dann von der Wegwerfgesellschaft verabschiedet, Qualität und Langlebigkeit ist bei vielen Alltagsprodukte wieder gefragt, es gilt weniger der Tauschwert denn der Gebrauchswert und die Nutzung, die Dinge werden "geleast" und nicht mehr gekauft ...

Sehr guter Artikel, aber leider ist zu befürchten, dasz die letzten 3 Absätze zu optimistisch sind.

Schon vor der Jahrtausendwende hatte die FI die Demokratie in der Tasche:

Das Problem sei nur, erklärte Tietmeyer im Februar 1996 vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos, "daß sich die meisten Politiker immer noch nicht darüber im klaren sind, wie sehr sie bereits heute unter Kontrolle der Finanzmärkte stehen und sogar von diesen beherrscht werden".
Versammelte Minister und Hochpolitik zollte dies übrigens noch mit Applaus...

Und es darf(!) nicht vergessen werden, dasz Draghi ganz Europa diesen Februar massiv bedroht hat, mit seinem widerlichem Auswurf, der europäische Sozialstaat hätte ausgedient.

Kurzfristig hui - langfristig pfui ?

1) Nur wenn wir unsere Hemden etc wieder selber nähen haben wir weniger Arbeitslose und Ausgaben für Importe
2) Nur wenn wir die Kosten für unsere Exportware senken werden wir mehr verkaufen und mehr Geld für Öl- und Gas-Importe haben, die wir ja brauchen.
3) "Schulmeistereien" nützen uns in der Praxis nicht, weil sie langfristig nicht wirken

Und was wollen Sie mit Ihren Behauptungen sagen? Dasz der Neoliberalismus nicht funktioniert hat er jetzt über Jahrzehnte erfolgreich gezeigt.

die Pensionsfonds stiegen wie die Amateure zu spät ein und zu spät aus.

Die Pensionsfonds stiegen deshalb zu spät aus, weil die Akteure (Manager) der Pensionsfonds sich so Ihre persönlichen Gewinne und die Gewinne der Eigenspekulationen der Häuser sichern konnten!

Jede Fondsgeldanlage ist nur gut für die Manager dort und die Geldhäuser die dieses Fondsgeld dazu benutzen um die eigenen Gewinne zu sichern und zu erwirtschaften!

Spekulanten als Sargtischler der Altersvorsorge ? Seit wann heißen die Politiker Spekulanten ?

wer mehr ausgibt, als er einnimmt muss sparen?

wer zu viel ausgibt, soll gehen!

Ist eine moderne Volkswirtschaft fundamental anders als mein hypothetisches Dorf?

In meinem Dorf arbeiten alle, so lang sie können. Sie ernähren sich autark von der Landwirtschaft, bauen Häuser aus dem Holz des Waldes und weben Kleider aus der Wolle der Schafe. Eisen für die Sensen und Sägen müssen sie im Austausch für eigene Produkte importieren. Mein Dorf hat umso mehr zu essen, je mehr Leute sich um das Gemüse und die Tiere kümmern (und je intelligenter sie das machen). Wenn ein größerer Teil der Leute ab 60 oder 55 nicht mehr in der Landwirtschaft arbeitet und auch keine Pullover mehr strickt oder Brot bäckt, also in Pension ist, sinkt der Wohlstand. Wenn das Dorf jetzt eine Geldwirtschaft bekommt und ein Börse und einen Sozialminister und Elektronikindustrie, was ist dann fundamental anders?

in ihrem fiktiven dorf herrscht noch mangelwirtschaft deren größte herausforderung es ist ausreichend produktiv zu sein um den bedarf an waren zu decken.

wir haben aber keinen mangel an prodktivität, wir haben eine sehr ungleich verteilte geldmenge, und dadurch einen mangel an kaufkraft bei großen teilen der bevölkerung
in ihrem dorf ohne geld würde jede arbeitsersparnis durch automatisation allen zugute kommen.
in der geldwirtschaft bedeutet es aber dass arbeitskräfte freigesetzt werden, und somit zunehmend mehr mitglieder der gemeinschaft vom kreislauf der produktion und konsumation ausgeschlossen werden.
dies könnte nur durch eine insgesamte steigerung der produktion (wirtschaftswachstum)aufgefangen werden, aber wenn die arbeitslosen keine konsumkraft haben, und auch die werktätigen einem lohndruck nach unten ausgesetzt sind, geht das nur über schulden

So ist es.

noch was Entscheidendes:

In Ihrem hypothetischen Dorf herrscht, was den "Wohlstand" betrifft, völlig Gleichheit.

Das stimmt schon in Österreich nicht.
Und das stimmt in der EU schon überhaupt nicht.

zum Beispiel ........

dass in der Realität mehr importiert wird, als exportiert - also Schulden entstehen

oder

dass die "Geldwirtschaft" Wohlstand "erzeugt", der nichts mit einer Realwirtschaft (also unabhängig davon, wieviel Schafe Sie haben) zutun hat.

oder

........

Ihr hypothetisches Dorf ist nett.
Hat aber wenig mit der Realität zu tun.
Leider.

schulden entstehen nicht weil man weniger exportiert als importiert
auch länder mit exportüberschuss so wie DE und Ö haben schulden nie rückzahlbar sein werden.

die ursache liegt im geldsystem, bei dem neues geld immer nur durch einen kredit entstehen kann, die zinsen aber nicht mit geschöpft wurden

die länder mit handelsbilanzdefizit erwischt es bloß schneller

"Bei steigendem Wohlstand wäre es ökonomisch und ökologisch sinnvoller, die Lebensarbeitszeit zu senken "

Falsch sinnvoll ist es die Lebenszeit bei steigendem Wohlstand zu steigern und nicht fürher zu sterben um weniger zu arbeiten.

Die doppelte Fliege

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier sehr erfolgreich zwei Fliegen mit einem Schlag getroffen wurden:
Einerseits wurde Kanonenfutter für die heimischen Finanzmärkte zwangsrekrutiert (nicht vergessen: die Börse ist ein Nullsummenspiel, damit jemand dort etwas mitnehmen kann, muss jemand anderer Fehlinvestiert haben) andererseits erlaubte es dem Staat einen Rückzug aus einer seiner Kernpflichten (unter begleitender Senkung der Körperschaftssteuern) mit dem "beruhigenden" Hinweis, dass nun alles besser würde (für wen wohl?).

"Seit sich die EU dem Sparen verschrieben hat, ist die Staatsschuldenquote stärker gestiegen als je zuvor."

Jedoch: falls sich die EU dem Deficit-Spending verschreiben würde, dann stiege die Staatsschuldenquote noch viel stärker als je zuvor. (siehe USA).

Herr Schulmeister, der Rest Ihres Artikels ist genauso hanebüchen, sorry.

Was Schulmeister hier ein wenig umständlich zu erklären versucht ist dass der Staat sein Budget nicht durch Steuern erhöhen/Ausgaben senken allein im Griff hat.

Wenn der Rest der Wirtschaft nicht mitspielt sind staatliche Maßnahme zur Defizitbegrenzung völlig sinnlos.

Und die Wirtschaft = Unternehmen + Konsumenten spielt nicht mit. Die Unternehmen wissen nicht mehr wohin mit der Kohle, sparen pro Jahr 2-3 % NETTO (d.h. sie zahlen mehr zurück als sie Geld aufnehmen um es zu investieren) und geben es zum Zocken an die Finanzheinis, um das Geld "für sich arbeiten zu lassen". Die Konsumenten sparen lieber trotz Negativzinsen fröhlich weiter, die Banken wissen auch nicht mehr wohin mit dem Geld.

Wenn keine Steuern sprudeln und die Wirtschaft schrumpft war es das mit der Budgetsanierung.

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