Prozess um Erdbeben in L'Aquila: Sechs Jahre Haft für Wissenschaftler

22. Oktober 2012, 18:24
  • Sieben Wissenschaftler sollen leichtfertig die schwelende Gefahr eines großen Erdbebens ignoriert haben. Das Beben trat ein, 300 Menschen starben, die Wissenschaftler fassten sechs Jahre Haft aus.

Die Anklage warf den sieben Experten vor, die Gefahr des Bebens unterschätzt zu haben - Chefexperte für die Bewältigung von Naturkatastrophen trat zurück

Rom - Dreieinhalb Jahre nach dem verheerenden Erdbeben im italienischen L'Aquila sind im Strafprozess am Montag alle sieben Angeklagten zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt worden. Die Wissenschaftler wurden auch lebenslang von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Die Anklage warf ihnen vor, die Gefahr des Erdbebens unterschätzt zu haben, bei dem im April 2009 mehr als 300 Menschen ums Leben kamen. Die Staatsanwälte hatten nur vier Jahre Haft wegen fahrlässiger Tötung gefordert.

Italiens Chefexperte für die Bewältigung von Naturkatastrophen ist nach dem umstrittenen Urteil gegen sieben seiner Kollegen zurückgetreten. "Ich sehe nicht die Bedingungen, um in Frieden zu arbeiten", sagte Luciano Maiani am Dienstag der Nachrichtenagentur ANSA. Maiani war Präsident einer von der Regierung ernannten Expertenkommission, die Behörden zu den Risiken von Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Chemieunfälle und anderen Katastrophen berät. Weitere Mitglieder würden ebenfalls ihre Ämter zurücklegen, kündigte Maiani an.

Zu den Verurteilten zählen führende Wissenschaftler Italiens wie etwa der ehemalige Leiter des Instituts für Geophysik und Vulkanologie, Enzo Boschi, und Ex-Zivilschutzchef Franco Barberi. Die Wissenschaftler waren vor dem Beben zu dem Schluss gekommen, dass eine Reihe von vorangegangenen Beben in der Region auf keine erhöhte Gefahr hinweise. Ihre Empfehlungen dienten den Behörden als Entscheidungshilfe.

Serie kleiner Beben ignoriert

Die Angeklagten hätten die lange Serie kleiner Beben ignoriert, die Wochen vor dem Erdbeben registriert worden waren, und die wachsende Sorge unter der Bevölkerung heruntergespielt, meinten die Staatsanwälte. Die Verteidiger erwiderten, dass Erdbeben unvorhersehbar seien.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft von L'Aquila gegen die sieben Experten wurde nach einer Anzeige von 30 Bürgern eingeleitet. Fünf Tage vor dem großen Erdbeben hatte eine Kommission aus Funktionären des Zivilschutzes und Seismologen getagt und den Bürgern erklärt, dass keinerlei Erdbebengefahr bestehe.

Der Erdbebenexperte Giampaolo Giuliani, Forscher des Physikinstituts Gran Sasso in der Region Abruzzen, hatte ein Gerät entwickelt, mit dem er eigenen Angaben zufolge schwere Erdbeben vorhersehen konnte. Seine wiederholten Warnungen hatten für große Aufregung in der Bevölkerung gesorgt. Er war jedoch von der Staatsanwaltschaft der Stadt Sulmona wegen unbegründeten Alarmierens angezeigt worden. Das italienische Geophysik-Institut hatte Giulianis Prognosen als vollkommen unrealistisch bewertet. Das Institut hatte bekräftigt, dass das Erdbeben in L'Aquila nicht vorhersehbar gewesen sei. Dabei wurden 308 Menschen getötet und mehr als 1.600 verletzt. (APA, 22.10.2012)

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Das muss aber jetzt...

...bitte, bitte, bitte der Tiefpunkt in der Rechtsprechung eines europäischen "Rechtsstaats" im 21Jhd. sein, oder?

In einem Land, wo einerseits eine Vergewaltigung einer Frau mit Jeans nicht strafbar ist und andererseits ein korrupter Ministerpräsident ungeschoren davon kommt...

....wundert mich dieses Urteil eigentlich nicht.

Vor einem großen Erdbeben müssten doch viele Bewohner einer gefährdeten Region sehr negative Horoskope haben.,.Auch verkürzte Lebenslinien sollten gehäuft auftreten. Warum finanziert die Regierung nicht laufend solch alternative Vorhersagemethoden?

Könnte man das nicht noch nachträglich für Tschernobyl und Fukushima überprüfen? Sollte man nicht auch die Astrologen wegen unterlassener Warnungen vor Tschernobyl und Fukushima verurteilen?

So jenseitig das Urteil auch ist ....

eines muss man schon sagen: wenn es wissenschaftlich nicht gerechtfertigt ist, ein Beben vorherzusagen, dann ist es wissenschaftlich wohl auch fragwürdig KEIN Beben vorherzusagen und die Leute in Sicherheit zu wiegen. Genau das wurde aber gemacht.

Wenn man dann noch addiert dass das nicht irgendwelche Wissenschafter waren. Sondern Wissenschafter die in einer staatlichen Kommission gesessen sind und dafür bezahlt wurden. Dann kommen wir der Realität schon näher.

Kann man nach diesem richtungsweisenden Urteil...

... jetzt bitte alle Ratingagenturen, die Schrott-Aktien als bombensicher gewertet haben, zu 625 Jahren schweren Kerker verurteilen? Danke!

Wurden die nicht von Investoren verklagt?

Die haben dann leider kein Geld mehr für Anwälte gehabt ;-)

Damit dürfte endgültig das Zeitalter der Gegenaufklärung erreicht worden sein.

Dieser Artikel bringt das gut auf den Punkt: http://scienceblogs.de/primaklim... -den-knast

der einzige,

der in diesem Fall in eine geschlossene Anstalt gehört, ist der Richter ;-)

Es ist ziemlich bedenklich, Wissenschafter wegen eines Irrtums einzusperren, es sei denn, man kann ihnen nachweisen, dass sie absichtlich gelogen haben. Wenn es bei einem (unvorhersehbaren!) Erdbeben Tote gibt, dann sind am ehesten die Politiker schuld, die sich nicht um strengere Bauvorschriften gekümmert haben. Das ist gerade in Italien, einem Land voller alter und sehr alter Bauten, aber auch problematisch. Als Geologe würde ich mich ab heute überhaupt weigern, zum Thema Erdbebengefahr auch nur eine Silbe zu sagen. Hätten sie gesagt, die Gefahr bestünde und es wäre nichts passiert, könnten dann ja Bürger, die ihre Häuser verlassen haben, auf Schadensersatz klagen. Und wenn ich an die Ökonomen denke ...

es ist eben das Land der (göttlichen) Komödie

...also am Erdbeben waren die 6 sicher nicht schuld, wer weiss, ob Warnungen überhaupt ernst genommen worden wären. Jetzt sind's Verbrecher und müssen hinter Gitter.
Ein Anderer feierte VORSÄTZLICH auf Staatskosten Bunga Bunga, ruinierte den Staat und bleibt frei... schon a bissi strano

natürlich sind beben nicht exakt vorher zu sagen

aber ebenso kann man sie auch nicht ausschließen!

ich habe eine einfach regel:

je lauter und intensiver eine tatsache bestritten wird, desto wahrscheinlicher ist sie. ein 100% dementi ist daher eine definitive zustimmung. das gilt ganz besonders für die aussagen von politikern. erinnern wir uns an die vielen gesundbetungen der griechischen wirtschaft.

größte vorsicht ist bei folgenden formulierungen am platz:
"ich gehe davon aus..."
"damit ist nicht zu rechnen"
"wir können das ausschließen"
"lassen wir die kirche im dorf"
"das sind zahlenspiele"
...

interessantes Urteil

wichtige Hintergründe hier:

http://wattsupwiththat.com/2012/10/2... more-72835

Wattsupwiththat ist eine der daemlichsten anti science propagandaseiten des ganzen internets... wenn dort etwas zu irgend einem thema steht das nicht voellig geistlos ist, ist es reiner zufall

Der Artikel ist übrigens von Roger Pielke Jr. geschrieben für 'OST: Office of Science and Technology', Embassy of Austria in den US.

'reiner zufall'

Vorhersage von Extremereignissen

Es liegt in der Natur der Sache, dass Extrema (zeitliche und räumliche) i.a. nur probabilistisch vorhergesagt werden können, etwa in der Art: Wahrscheinlichkeit von 1%, dass in den nächsten 10 Jahren in der Region X. ein Beben der Magnitude grösser so-und-so eintritt. Ähnliches bei Überschwemmungen, grossen Industrieunfällen usw., alles Schätzungen, die i.W. aus Zeitreihen von Beobachtungen abgeleitet sind (inkl. oft weniger oder gar keiner Extrema; die muss man extrapolieren, etwa aus power laws).
Das Problem: wie geht man mit solchen probabil. Prognosen um? Welche Konsequenzen zieht man? Die Öffentlichkeit (insbes. Pol., Medien und Juristen) will Aussagen wie ja / nein, "gefährlich" / "ungefährlich", aber das ist eben unmöglich.

Vorsicht, liebe Wetterfrösche!

Wenn mal wer vom Regen überrascht wird, werdet ihr mit Klagen eingedeckt. Wird ein kleiner Murenabgang oder Schaden durch Hagel nicht richtig prognostiziert, gehts für ein paar Jahre hinter Gitter. Skurril! :-/

man sollte vielleicht eine Wahrsagerin einstellen. Muss es für jedes Naturereignis heutzutage wirklich einen Schuldigen geben? Wehe dem, bei dem beim Gartenfestl der Blitz einschlägt.

War bei einem derartigen Fehlurteil zu erwarten:

„Italiens führender Experte für die Bewältigung von Naturkatastrophen, Luciano Maian, ist zurückgetreten. (…) „"Ich sehe nicht die Bedingungen, um in Frieden zu arbeiten", sagte Maiani am Dienstag der Nachrichtenagentur ANSA. Maiani war Präsident einer von der Regierung ernannten Expertenkommission, die Behörden zu den Risiken von Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Chemieunfälle und anderen Katastrophen berät. Weitere Mitglieder würden ebenfalls ihre Ämter zurücklegen, kündigte Maiani an.“

Gut so,

sollen sie zurücktreten. Solange man gute Bezüge bekam war alles wissenschaftlich in Ordnung. Kein Problem. Schließlich mußte angemaßte Kompetenz zu Kopf steigen und man ging dazu über die Bevölkerung in Mitten einer langen Serie von Beben zu beruhigen. Und das in einer Gegend wo, wie jeder Nichtexperte weiß, alte und moderne/marode Bausubstanz vorherrscht. Besser ist solche Komission aufzulösen und genau das zu sagen was jetzt die Anwälte der Angeklagten nicht müde werden zu sagen, daß man keine Bebenevents vorhersehen oder eben ausschließen kann.

Unjd was wäre passiert, wenn die WIssenschafter gemeint hätten, ja, die Serie der schwachen Beben deutet auf ein größeres innerhalb des nächsten Jahres hin?

Evakuierung des gesamten Gebietes?
Für wie lange?
Und was wäre passiert, wenn nach einem Monat die ersten zurückkehren?

Erdbeben sind *nicht* vorhersehbar. Auch wenn viele das glauben möchten.

Abschaffung jeder Wissenschaft die nicht zu 100% immer gültige Ergebnisse liefert?

Manchmal wäre Schweigen so viel wertvoller......

Und die...

... die ihre Ämter nicht zurücklegen, können nicht mehr frei sprechen!

Hier tun welche so, als wäre die Sachlage irgendwie "kompliziert", aber das ist sie nicht.
Die sehr einfache Sachlage ist die, dass ein Wissenschafter dort nur mehr frei sprechen kann wenn er Alarm schreit, sonst riskiert er Knast... nach Giordano Bruno und Galileo gibt Italien wieder einmal ein kräftiges Lebenszeichen in einer bestimmten *Tradition* von sich

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