Was wäre Europa ohne seine Forscher?

22. Oktober 2012, 18:26
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Dutzende Nobelpreisträger warnen vor einer Kürzung des EU-Budgets für Wissenschaft und Innovation

An die Staats- und Regierungschefs der EU-Mitgliedsstaaten, Präsidenten des EU-Parlaments, der EU-Kommission und des Rates der Europäischen Union:

Oft heißt es, dass jede Krise auch eine Chance eröffnet. Die derzeitige Krise zwingt uns jedoch zu Entscheidungen. Eine dieser Entscheidungen betrifft die Wissenschaft und ihre Förderung. Im Jahr 2000 haben Sie und Ihre Vorgänger sich das Ziel gesetzt, Europa zur "wettbewerbsfähigsten, wissensbasierten Wirtschaftsregion der Welt bis zum Jahr 2010 zu machen. Das Ziel ist ehrgeizig und lobenswert, doch haben wir es noch nicht erreicht.

Wissenschaft kann uns helfen, viele der drängenden Fragen, die sich uns heute stellen, zu beantworten: neue Wege der Energienutzung finden, neue Produktionsformen und Ordnungssysteme entwickeln ... Und wir stehen erst am Anfang eines revolutionären neuen Verständnisses unseres Körpers, das die Gesundheit und die Lebensdauer aller in noch nicht abschätzbarer, vielfältiger Weise positiv beeinflussen wird.

Europa steht in vielen Bereichen der Wissenschaft an der Spitze. Um in der heutigen globalen, dynamischen Welt wettbewerbsfähig zu bleiben und dauerhaften Wohlstand sicherzustellen, muss dieses Wissen in innovative neue Produkte, Dienstleistungen und Industriezweige umgewandelt werden.

Wissen kennt keine Grenzen. Der globale Markt für ausgezeichnete Talente ist heiß umkämpft. Europa kann es sich nicht leisten, seine besten Forscher und Lehrer zu verlieren; umgekehrt gewinnt es viel, wenn es Talente von anderswo anzieht. Wenn die Mittel für exzellente Forschung reduziert werden, geht auch die Zahl der am besten ausgebildeten Forscher zurück. Im Falle einer drastischen Kürzung des EU-Budgets für Forschung und Innovation riskiert Europa eine ganze Generation talentierter Wissenschaftler zu verlieren - just zu einem Zeitpunkt, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

Der Europäische Forschungsrat (ERC) hat in bemerkenswert kurzer Zeit globale Anerkennung erfahren. Er finanziert die besten Forscher in ganz Europa, unabhängig von ihrer Nationalität: exzellente Wissenschaftler, exzellente Projekte. Somit bietet er eine unschätzbar wertvolle Ergänzung zu den nationalen Förderstrukturen für die Grundlagenforschung.

Forschungsförderung auf europäischer Ebene ist ein Katalysator für die effizientere Verwendung unserer Ressourcen und verstärkt nationale Budgets in zielführender Weise. Diese EU-Mittel sind daher besonders wertvoll. Ihr Einsatz hat gezeigt, dass damit wesentliche Vorteile für die europäische Wissenschaft erzielt werden, deren Erträge der Gesellschaft zugutekommen. Darüber hinaus steigern sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit Europas.

Signale der Ermutigung

Es ist entscheidend, dass wir auf gesamteuropäischer Ebene das Forschungs- und Innovationspotenzial in all seinem außerordentlichen Reichtum in ganz Europa unterstützen und, noch wichtiger, ermutigen. Wir sind überzeugt, dass auch die Generation der Nachwuchswissenschaftler ihre Stimme erheben wird - und Sie sollten hinhören, was diese zu sagen hat.

Unsere Frage an Sie, die Staats- und Regierungschefs, die sich am 22. und 23. November in Brüssel treffen werden, um das EU-Budget für 2014 bis 2020 zu beschließen, ist eine einfache: Wenn die Zahlen des künftigen Budgets für Europa bekannt gegeben wird, welche Rolle wird die Wissenschaft in Europas Zukunft spielen?

Signiert von Nobelpreisträgern und Trägern der Fields-Medaille: Sidney Altman, Werner Arber, Robert J. Aumann, Francoise Barre-Sinoussi, Günter Blobel, Aaron Ciechanover, Mario Capecchi, Claude Cohen-Tanoudji, Johann Deisenhofer, Richard R. Ernst, Gerhart Ertl, Sir Martin Evans, Albert Fert, André Geim, Serge Haroche, Avram Hershko, Jules A. Hoffmann, Roland Hoffmann, Robert Huber, Tim Hunt, Eric R. Kandel, Klaus v. Klitzing, Harold Kroto, Finn Kydland, Jean-Marie Lehn, Eric S. Maskin, Dalet Mortensen, Erwin Neher, Konstantin Novoselov, Paul Nurse, Christiane Nüsslein-Volhard, Venke-Traman Ramakrishnan, Richatrd J. Roberts, Heinrich Rohrer, Bert Sakman, Bengt I. Samuelsson, John E. Sulston, Jack W. Szostak, Sir Johne Walker, Ada E. Yonath, Rolf Zinkernagel, Harald zur Hausen, Pierre Deligbe, Timothy Gowers, Maxim Kontsevich, Stanislav Smirnov, Cedric Villani

Dieser Appell erscheint zeitgleich in "FAZ", "Le Monde", "El País" und anderen führenden europäischen Tageszeitungen. (DER STANDARD, 23.10.2012)

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    Zwei von rund 50 Mitunterzeichnern des internationalen Forscherappells: Ada Yonath ...

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    ... und Eric R. Kandel.

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