Roma und Sinti: Spätes Gedenken an einen Völkermord

Zwanzig Jahre dauerte es von der Idee bis zur Umsetzung: In Berlin wurde das Mahnmal für die 500.000 von den Nazis ermordeten Roma und Sinti eingeweiht. Die Volksgruppe wünscht sich, dass der Staat in Zukunft aktiver gegen Rassismus vorgeht

Es wird noch Laub gekehrt, da und dort an Gräsern gezupft. Ordentlich soll es in Berlin-Tiergarten aussehen. Dort, gegenüber dem Reichstag, weiht Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch das Mahnmal für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma ein.

"Erinnerungskultur ist mir sehr wichtig. Dafür müssen wir auch geeignete Orte haben", sagt sie. Auch Bundespräsident Joachim Gauck hat sich angekündigt - was ungewöhnlich ist. Üblicherweise treten das Staatsoberhaupt oder die Regierungschefin auf. Doch es scheint, als wolle die Staatsspitze gemeinsam die Bedeutung des Termins demonstrieren.

Zentraler Ort des Gedenkens

Das Holocaust-Mahnmal, das einen Steinwurf vom Reichstag entfernt an die sechs Millionen ermordeten Juden erinnert, gibt es seit 2005. Doch für den NS-Völkermord an Sinti und Roma, dem rund 500.000 Menschen in ganz Europa zum Opfer fielen, gab es bisher noch keinen zentralen Ort des Gedenkens. "Wir sind sehr dankbar, dass dieses Mahnmal zugänglich wird. Es ist ein Signal an Europa und die ganze Welt, dass Sinti und Roma kein Anhängsel der Shoah sind", sagt Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

Diesen Eindruck haben viele der 70.000 in Deutschland lebenden Sinti- und Roma-Familien. Während der damalige deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) die Ermordung der Juden während der NS-Zeit schon 1949 als Völkermord anerkannte, dauerte es bei den Roma und Sinti deutlich länger. Erst 1982 erklärte Kanzler Helmut Schmidt (SPD) offiziell: "Den Sinti und Roma ist durch die NS-Diktatur schweres Unrecht zugefügt worden. Sie wurden aus rassischen Gründen verfolgt. Diese Verbrechen haben den Tatbestand des Völkermordes erfüllt." 30 Jahre nach den Worten Schmidts bekenne sich Deutschland jetzt mit dem Mahnmal zu einem "würdevollen Gedenken", sagt Rose.

Konzipiert hat das Mahnmal der heute 81-jährige israelische Künstler Dani Karavan. Auf die Lichtung in Tiergarten setzt er ein rundes Wasserbecken mit schwarzem, "endlos tiefem" Grund, ein Zeichen für das Grauen. Auf einem Stein in der Mitte soll als Symbol des Lebens täglich eine frische Rose liegen.

Dass vom Beschluss der deutschen Regierung für das Mahnmal bis zu dessen Einweihung so viel Zeit verging, lag auch am Zwist zwischen dem Künstler und der Berliner Bauverwaltung sowie an Streit unter den Opferverbänden.

Chronologie auf Tafeln

Karavan missfiel die Umsetzung seines Brunnens, die Verbände diskutierten lange, ob die Opfer "Zigeuner" genannt werden dürfen. Nun wird neben dem Mahnmal selbst auf einer Tafel die Chronologie des Völkermordes nachzulesen sein. Dort heißt es, Sinti und Roma seien aus rassistischen Gründen "als Zigeuner" verfolgt worden.

Zentralratschef Rose hofft, dass die Politik sich nicht nur bei der Einweihung an die Ermordeten erinnert, sondern er hat auch konkrete Wünsche für die Zukunft: In Schulen müsse besser über Roma und Sinti informiert werden, um Rassismus entgegenzutreten: "Wir sind keine Nomaden, wir sind seit Jahrhunderten Bestandteil von Deutschland, stehen zu unserem Land und sprechen auch die deutsche Sprache." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 23.10.2012)

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kann man nicht auch einmal der vielen Opfer gedenken, die als Soldaten der Wehrmacht ums Leben kamen?

in einem Milieu wie hier im Standard bin ich mit diesem Ansinnen natürlich total fehl am Platz
Da glauben natürlich alle, die Wehrmacht bestand nur aus Freiwlilligen

Sie haben nicht unrecht,die Kriegsakteure sind staatlich beauftragte Mörder!

denen per Eid abverlangt wird, das Vaterland mit dem Töten der Feinde zu verteidigen. Das ist auch heute noch so. Deshalb finde ich dieses falsche Getue von wegen "alle Wehrmachtssoldaten sind böse" ziemlich verlogen!
Allerdings haben Recherchen ergeben, dass sehr viele Wehrmachtsangehörige nicht nur Opfer ihrer Profession sondern grausame Täter waren. Es ist nun einmal so: Der Krieg bringt das Schlechteste im Menschen an die Oberfläche, früher und heute! Das Gebot: Du sollst nicht töten, gilt jedenfalls im Krieg nicht. Wieso eigentlich?

Geh mal bei dir Zuhause

auf den Friedhof.

Man nennt diese Gedenkstätten

landläufig "Kriegerdenkmäler". Sie werden von einer Vereinigung namens "Kameradschaftsbund" gepflegt und erhalten. In vielen Dörfern gibt es eine organisierte sogenannte "Kranzniederlegung" jährlich zu einem Feiertag, den man "Allerheiligen" nennt.

gibts ab `45 bei diversen friedhöfen, kirchen, gemeindezentren.

"für den NS-Völkermord an Sinti und Roma, dem rund 500.000 Menschen in ganz Europa zum Opfer fielen, gab es bisher noch keinen zentralen Ort des Gedenkens"

Wenn die letzten Überlebenden nicht mehr unter uns sind, fällt es den Tätervertretern auch leichter über die Verbrechen zu reden.
Damit bricht in DE auch das Memorial-Monopol für die Juden auf.
IN AT wird es noch etwas dauern.

Davon können Sie angesichts der vielen roten Stricherln ausgehen! Wer vergibt diese eigentlich? Rassisten, Nazis oder die ganz normalen Österreicher mit dem goldenen Herzerl? Oder gar Juden, die um ihre Monopolstellung besorgt sind? Nun, das möchte ich nun wirklich nicht glauben!
Es ist eine Schande, dass die österreichische Regierung bei der "Wiedergutmachung" auf die Roma, Homosexuelle und Geisteskranke "vergessen" hat! Schon allein diese späte Anerkennung der mutigen Wehrdienstverweigerer spricht Bände! Gegenüber Deutschland hat Österreich noch sehr viel Aufklärungsarbeit und Abbitte bei allen Opfern zu leisten!

und um was geht es ihnen in ihrem Post eigentlich?
zu behaupten, dass die Juden das Gedenken monopolisiert hätten? Soll damit die Einzigartigkeit der Shoah relativiert werden?

quod erat demonstrandum est!

Hab ich doch Recht gehabt, ich fasse es nicht!
Die industrialisierte Ermordung ist per se eine ungeheuerliche Einzigartigkeit in der Geschichte, und sie betrifft alle, die im Dritten Reich der mörderischen Tötungsmaschinerie zum Opfer gefallen sind. Jeder Einzelne zählt, und die Ausklammerung der anderen Opfer ist unzulässig!

Die Zahl 500.000 ist aber unter Historikern mehr als umstritten.

Sie sind der Meinung, dass es nur 400.000 waren ? Dann ist ja eh alles O.K..

Weil mehr oder von Nazis ähh "Historikern" wie Honsik oder Irving umstritten?

Weil sich niemand die Mühe gemacht hat,

diese Menschen vorher, nachher oder während ihrer Vernichtung genau zu erfassen. So wenig waren sie den Tätern und den Zuschauern wert.

einzigartige Opferausgrenzung

Man nennt ja den Holocaust auch deswegen einzigartig, um die einzigartigen Entschädigungszahlungen die vielfach abstrakt ausfallen rechtfertigen zu können, während die Sinti, Roma und Polen und Franzosen und so weiter von Deutschenland unentschädigt blieben

Ihnen geht also v.a. darum zu sagen, dass nur die Juden nach '45 Entschädigungszahlungen bekommen hätten, weil sie durchsetzen konnten, dass der Holocaust als einzigartiges Menschheitsverbrechen zu sehen ist - d.h. es geht ihnen um Relativierung und um die Behauptung, dass es den Juden mal wieder nur ums Geld geht, oder versteh ich sie da falsch

In Sachen historischer Aufarbeitung dieser Zeit hätte man in Österreich selbst genug zu tun...

sehe ich auch so

Richtig Österreich hat es versäumt Reparationen zu fordern, der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg hat bis zu seiner Verhaftung durch die Nazis sich gegen den Anschluss ausgesprochen.

Und Deutschland!

Auch der deutsche Kanzler von Schleicher hat bis zur Machtübergabe gegen Hitler gekämpft. Deutschland sollte auch Reparationen fordern!

die größte und meist verfolgte ethnische minderheit der europäischen union braucht zeichen, wie diese und die solidarität der anständigen menschen in europa.

p.s.: auch die aufarbeitung der im holocaust getöteten hmosexuellen und "asozialen" wäre noch sehr, sehr wichtig.

Mahnmal für die ermordeten Homosexuellen

das gibt es in Berlin bereits. Wenn es auch meiner Meinung nach wertend wirkt, da es an das Mahnmal für die ermordeten Juden angelehnt ist, aber eben nur EINE Stele hat.

23.10.2012, 13:13
Ich verstehs nicht...

warum macht man für jede Opfergruppe ein eigenes Mahnmal? Warum macht man nicht ein großes "Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus"? So werden die Gruppen schön separiert und über die Größe des Denkmals vielleicht auch ein wenig gewertet (hunderte Stelen vs. eine Stele?)...

Aber dennoch gut, dass es diese Mahnmale gibt!

damit hat Berlin 2 wirklich eindrucksvolle Mahnmale wider dem Faschismus

Was hat Wien? Ein Russendenkmal...

sind 27 millionen tote russen im 2 wk zu wenig?

Das ist aber ein Befreiungssymbol,

eine Danksagung an die Rote Armee, die unter so großem Einsatz und Opfern uns Unabhängigkeit und Demokratie wieder gebracht haben.

in wien gibt es mehrere denkmäler gegen den faschismus. beispiele:
- platz vor der albertina (helmut-zilk-platz)
- morzinplatz
- salztorgasse
- reumannplatz
- grillgasse
- höchstädtplatz

und auch das "russendenkmal" ist ein denkmal gegen den faschismus.

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