Wien: "Schocktherapie" vor Gericht

22. Oktober 2012, 17:52
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Klarer Freispruch in Prozess um Mord vor 25 Jahren

Wien - Der Alkohol und die Zeit sind keine Freunde der Staatsanwaltschaft. Zumindest nicht im Mordprozess gegen Harald K. im Wiener Landesgericht. Das Geschworenengericht unter Vorsitz von Martina Krainz soll klären, ob der 66-Jährige vor 25 Jahren einen Mann nach einem Streit vor dem Café Orient mit einem Bauchschuss getötet hat oder nicht.

Die Beweislage ist in etwa so dicht wie das Haupthaar von Inspektor Kojak. Im Wesentlichen stützt sich die Anklage auf die Ex-Frau des Pensionisten. Der soll er nach der Tat am 13. März 1987 gedroht haben: " So wird's dia a amoi gehn, den hob i daschossen und di werd i a daschiassen."

Was der auf einer Krücke in den Verhandlungssaal schlurfende Angeklagte in der Sache gar nicht bestreitet. Aber: Das sei eine "Schocktherapie" gewesen. Denn seine damalige Frau sei schwer alkoholkrank gewesen, er hoffte, ihr mit der Drohung die Augen zu öffnen. Ob das vor oder nach Zeitungsberichten über die Tat war, wisse er nicht mehr.

Die Frau habe ihn damals sogar angezeigt, die Polizei habe aber nur gesagt: "Ihr sad's a besoffene Partie", habe seine Wohnung durchsucht, nichts gefunden, und damit sei es erledigt gewesen. Und dass er von seinem ehemaligen Arbeitgeber einmal eine Faustfeuerwaffe bekommen hat, bestreitet er nicht, die habe er aber verkauft.

Das Problem der Staatsanwaltschaft: Die Ex-Frau und ihr Bruder verweigern die Aussage. Und Chefs, Personal und Gäste des Café Orient können sich nur noch schemenhaft und widersprüchlich erinnern. Weil es lange her ist. Und, wie ein Zeuge, der damals ein Gerücht in die Welt gesetzt hat, sagt: "Da hob i in da Fettn an Bledsinn gsogt."

45 Minuten Beratung genügen den Geschworenen: Sie fällen einen einstimmigen, rechtskräftigen, Freispruch. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 23.10.2012)

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