"Jüdische Wähler nicht so anfällig für Agitation"

Die Republikaner versuchen, insbesondere die jüdische Wählerschaft anzusprechen

Sie kann in wichtigen Swing-Staaten wie Florida und Ohio entscheidend sein, wählt aber bisher mit großer Mehrheit die Demokraten.

 

Ohio, Nevada und Südflorida - das sind die Hoffnungsgebiete der Republican Jewish Coalition. Sie gibt sich alle Mühe, jüdische Wähler für die Republikaner zu begeistern. Ein Unterfangen, das sich der ultrakonservative Milliardär Sheldon Adelson neben all seinen anderen Großspenden für den rechten Flügel der Republikaner ganze 6,5 Millionen Dollar kosten lässt. Und ein Unterfangen, das nach der vorliegenden Datenlage so gut wie aussichtslos scheint - auch wenn die Coalition etwa in Florida massenhaft enttäuschte jüdische Wähler Barack Obamas im Fernsehen auftreten lässt.

Denn das "jewish vote" ist traditionell von den Demokraten abonniert. "Es besteht kein Zweifel daran, dass die überwältigende Mehrheit der jüdischen Amerikaner Demokraten sind und auch demokratisch wählen", sagt der aus Wien gebürtige Anthropologe Matti Bunzl, der an der University of Illinois lehrt. Daran werde auch das bei jeder Gelegenheit - so auch beim TV-Duell - anklingende republikanische Narrativ nichts ändern, der gegenwärtige Präsident sei in Sachen Israel ein unsicherer Kantonist.

Bunzl: "Diese Kampagne wird nicht so viel Einfluss haben. Die jüdische Bevölkerung ist durchschnittlich besser gebildet und nicht so anfällig für Agitation. Adelson geht es zudem gar nicht so sehr um die Juden, als vielmehr um eine strategische Allianz mit den fundamentalistischen Evangelikalen. Ich schätze, dass Obama diesmal auf 70 bis 72 Prozent des ,jewish vote‘ kommt." 2008 erhielt er 74 Prozent.

Das legen auch Zahlen der North American Jewish Data Bank nahe. Diese zitiert Wahlmotive von 2008: Damals kam die Sorge um die Existenz des Staates Israel erst an achter Stelle von 15 Wahlmotiven. Das hat sich nach Meinung der Analysten nicht wesentlich geändert. Gleich geblieben ist auch, dass die wichtigsten jüdischen Gemeinden (New York, L. A. und Chicago) nicht wahlentscheidend sein werden - deren Bundesstaaten sind ohnehin demokratisch. Stattdessen zählen kleinere Gemeinden, etwa in Cincinnati und Cleveland (Ohio) oder eben in Süd- und Zentralflorida.

In diesen Staaten können jüdische Wähler einen Unterschied machen. Deswegen kämpfen dort neben der republikanischen Coalition auch "Rabbis for Obama" oder Comedian Sarah Silverman um jede Stimme. Sie hat 2008 den "Great Schlep" organisiert. Eine Völkerwanderung, bei der die Enkel zu ihren jüdischen Großeltern nach Florida fuhren, um sie von Obama zu überzeugen. Diesmal sandte Silverman Adelson eine Videobotschaft: Wenn der seine Millionen an Obama spende, dann dürfe er ihr beim "traditionellen lesbischen Sex" zusehen. Eine Reaktion des Milliardärs blieb aus. (Christoph Prantner aus Boca Raton /DER STANDARD, 23.10.2012)

Wissen: Das "Jewish Vote"
Die Demokraten haben einen beeindruckenden Schnitt bei der jüdischen Wählerschaft: Seit 1916 haben sie bei Präsidentschaftswahlen durchschnittlich 71 Prozent der jüdischen Stimmen bekommen. Barack Obama kam 2008 auf 74 Prozent. Die meisten US-Bürger jüdischer Herkunft leben in New York, Kalifornien und Florida. Insgesamt sind es rund zwei Prozent der US-Bevölkerung.

Fast alle sind in die Wählerlisten eingetragen und gehen tatsächlich auch zu den Urnen (2008: 96 Prozent). Das macht sie insbesondere in Swing-Staaten zu einem beträchtlichen Machtfaktor. In Florida stellen die jüdischen Bürger 3,4 Prozent der Bevölkerung und acht Prozent der Wähler. Wechseln nur fünf Prozent davon ihre Parteipräferenz, sind das 25.000 Stimmen - für Bundesstaaten, in denen das Rennen so knapp ist wie in Florida, ist das enorm viel.

Hauptthemen für diese Wählergruppe sind laut Umfragen wie für alle anderen Wirtschaft, Steuern und Gesundheitsreform. Die Sorge um Israel als Wahlmotiv kommt erst danach. (pra)

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