Traumaspiel zwischen Film und Theater

  • Katie Mitchells stimmige Umsetzung von Friederike Mayröckers "Reise durch die Nacht".
    foto: stephen cummiskey

    Katie Mitchells stimmige Umsetzung von Friederike Mayröckers "Reise durch die Nacht".

Die britische Regisseurin Katie Mitchell hat Friederike Mayröckers Prosaband "Reise durch die Nacht" im Schauspiel Köln inszeniert

Alle Vorstellungen sind ausverkauft.

Auf der Bühne in der ehemaligen Fabrikshalle Köln-Kalk ist ein Schlafwagen aufgebaut. Hinter den Fenstern manchmal erleuchtet: Toilette, Schaffnerkabine und in einem Abteil - der Vorhang bleibt nur halb heruntergezogen - zwei Reisende im Nachtzug Paris-Wien, den die ÖBB schon lange eingestellt hat. Kameramänner umschleichen Abteil und Wagon, huschen durch den langen Gang. Ihre Aufnahmen sieht man auf einem breiten Streifen über dem Wagon, Zwei Scheinwerferzentrifugen lassen Lichtfetzen über den Zug flackern

Reise durch die Nacht, Friederike Mayröckers schon lange vergriffener Prosaband aus den Achtzigerjahren, liest sich als schlaflose Fahrt in einem rasenden Zug, übermalt mit Kindheitserinnerungen. Die britische Regisseurin Katie Mitchell hat diesen denkbar untheatralischen Text mit Duncan Macmillan und Lyndsey Turner für die Bühne bearbeitet.

Mit der präzise komponierten Inszenierung gelingt Mitchell die stimmige Umsetzung von Mayröckers künstlerischen Verfahren. Sie spaltet die Zugreisende in zwei Figuren. Die eine (Juliane Wieninger) quält sich stumm, mit ängstlichen Augen durch die Nacht. Die andere (Ruth Marie Kröger) liest in einem eigenen Abteil, das als Studio dient, nahezu ausdruckslos Mayröckers selbstreflexiven Text. Manchmal verlässt sie ihr Studio, wird zur Mutter der Reisenden. Dann wird ein anderes finsteres Abteil (Bühne: Alex Eales) zum lebenden vergilbten Kindheitsfoto, auf dem oft der Vater als noch junger Mann zu sehen ist. Traurig versucht er, eine Puppe zu reparieren.

Auch mit ihrer vierten Arbeit für die Bühnen Köln findet Katie Mitchell wieder eine große Anhängerschaft für ihre Mischung aus "Making of a film" und Theater. Wegen des großen Interesses mussten für den stets ausverkauften Mayröcker-Abend bereits Zusatzvorstellungen eingeschoben werden. Mitchells letzte Kölner Arbeit im Frühjahr galt ebenfalls einer Reise unter dem Gestirn der Melancholie, nämlich G. W. Sebalds Die Ringe des Saturn. Eine englische Wallfahrt. Auch in Reise durch die Nacht kann man sich dem Sog einer Bildersprache nicht entziehen, die an Filme von Alfred Hitchcock denken lässt.

Wenn es hinter dem milchigen Glas der Schaffnerkabine zum schnellen Sex zwischen der Reisenden und dem jungen Schaffner kommt, hat das zwar keine unmittelbare Entsprechung in Mayröckers Vorlage. Die Distanz, Fremdheit und gleichzeitige Nähe zum mitreisenden Lebenspartner bleiben Thema; aber auch die Gewalt, mit der er plötzlich zum Schlag ausholt: Bilder eines Albtraums, die noch lange nachbrennen und die abgründige Tiefe von Mayröckers Sprachwelten öffnen. (Bernhard Doppler, DER STANDARD, 23.10.2012)

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