Verlorenes Bilderbuch einer Kulturepoche

Michael Freund
22. Oktober 2012, 17:46
  • Erni Griebler, porträtiert von Pepa Feldscharek, Wien, ca. 1933.
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    foto: jüdisches museum wien

    Erni Griebler, porträtiert von Pepa Feldscharek, Wien, ca. 1933.

Welche Rolle jüdische Fotografinnen in der Zwischenkriegszeit spielten und was sie dokumentierten: Eine Schau im Jüdischen Museum Wien gibt Antworten

Wien - Es sind drei Ansichtskarten, 1941 aus Kalifornien abgeschickt, adressiert an "Liebes Fräulein Riedl" in Wien und hier ordnungsgemäß mit Hakenkreuz abgestempelt. Auf zweien ist die Unterschrift zu lesen: "Dora Harvey".

So unscheinbar sie in dem Glaskasten wirken, zählen die Karten doch zu den spektakuläreren Objekten der reichbestückten Ausstellung "Vienna's Shooting Girls - Jüdische Fotografinnen aus Wien". Denn den Kuratorinnen Iris Meder und Andrea Winklbauer ist es anhand der Poststücke gelungen, den Lebenslauf einer der gezeigten Künstlerinnen zu vervollständigen: Dora Horovitz hatte gemeinsam mit Trude Geiringer in den Zwanziger- und Dreißigerjahren ein renommiertes Fotoatelier geführt, viel Prominenz ließ sich von ihnen ablichten. 1938 zog Horovitz aus Wien weg - ausgerechnet nach Berlin. Biografen nahmen ihre vermeintliche Spur auf, doch es handelte sich um andere Wienerinnen desselben Namens.

Erst die Vorarbeiten der beiden Ausstellungsgestalterinnen, verbunden mit Glück (ein Händler hatte die Karten aus einem Nachlass), führten dazu, dass man Dora, die sich nunmehr den Nachnamen Harvey gab, im kalifornischen San José orten konnte. Dort lebte sie bis 1978.

Nicht alle konnte sich ins Ausland retten. Die Arbeiten und Lebensläufe von insgesamt 70 Fotografinnen sind ab heute, Dienstag, im Jüdischen Museum Wien einzusehen.

Wie sie in der Branche der Lichtbildner reüssierten und wie plötzlich ihr Anteil verschwand, macht schon die Vorhalle der Schau klar. Eine Timeline, auf den Boden projiziert, zeigt, dass es 1907 acht professionelle Adressen gab - was damals mit Fotostudios ident war. Auf einer Karte von Wien wachsen die Punkte über die Jahre an. In den Dreißigern kann man sie nicht mehr zählen, vom ersten, zweiten und neunten Bezirk breiten sie sich über die ganze Stadt aus. 1941: kein einziger Punkt mehr.

Panorama kultureller Bezüge

Die Ausstellung geht chronologisch vor. Sie führt anhand von Vintage-Prints und, wenn anders nicht möglich, von Reproduktionen vor, dass bereits in der Kaiserzeit jüdische Frauen zu den Pionieren der Porträtfotografie zählten. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert ermöglichte die Emanzipation, insbesondere die Öffnung der Grafischen für Mädchen, verbunden mit dem Bildungs- und Erziehungsbewusstsein in jüdischen Familien, neue Karrieren. Welche Rolle Ateliers wie die der Madame d'Ora vulgo Dora Kallmus oder von Trude Fleischmann im Wiener Gesellschaftsleben der Zwischenkriegszeit spielten, ist seither schon belegt und gewürdigt worden.

Die Schau geht aber über die bekannten Namen hinaus. Eine systematische Rekonstruktion ergab, wie groß der jüdische Anteil in der Mode-, Kunst- und Porträtfotografie, bei Sozialreportagen und experimentellen Arbeiten war. Die Besucher gehen die Wände entlang und finden sich in einem Panorama des damaligen Lebens wieder, in einem dichten Geflecht kultureller Bezüge. Während des Ständestaates machten manche Fotografinnen zudem noch den austriakischen Schwenk zu Natur und Trachten mit. Danach war aus.

Der zweite Teil der Schau widmet sich den weiteren Schicksalen und Arbeiten der Vertriebenen. Wieder anhand vieler Originale bestens dokumentiert, zeigt er, in wie viele Richtungen ihre Leben weitergingen. Und wieder geht es um mehr als nur um Bilder. Sie stehen als Chiffren für Brüche, Traumata, Neubeginn. Manche Stellen bleiben leer: Über ein spätes Werk der seinerzeit international tätigen Pepa Feldscharek (siehe Bild links) ist seit ihrer Flucht nach New York, wie im Katalog steht, "nichts bekannt".

Bei der Begehung war auch die hier porträtierte Lisl Steiner anwesend, die als Elfjährige Wien verlassen musste und ihre Fotokarriere in Buenos Aires und New York begann, wo sie heute lebt. "Bin ich der letzte Mohikaner?", fragte sie die Kuratorinnen. Nein, war die Antwort, "eine der beiden letzten."

Die andere ist Elly Niebuhr, 1914 in Wien geboren. Sie ist die Einzige, die nach Wien zurückkehrte, eine zweite Karriere als Modefotografin begonnen hatte und geblieben ist. (Michael Freund, DER STANDARD, 23.10.2012)

Die Ausstellung läuft bis 3. März 2013. Der Katalog erscheint im Metroverlag.

Jüdisches Museum Wien

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15 Postings
Herzliche Gratulation an Daniela Spera,...

....für dieses Juwel der Milieu-Fotografie. In liebevoller Anordnung, umrahme die professionellen Passepartouts, atmosphärische Fotos, die unserem Land auch einen Spiegel der Scham vorhält und dem Besucher mit der Frage konfrontiert: Wie war es nur möglich, ein solches Potential an Kunst, vertrieben und nicht anerkannt zu haben. Gerade gegenwärtig, sollten wir diesmal die Zeichen an der Wand erkennen und aus den schrecklichen Fehlern unserer Vergangenheit lernen.

eine sehr interessante und angenehm gestaltete Schau - aber man muss genug Zeit mitnehmen: die Zahl der ausgestellten Fotos geht in die Hunderte!

ein wunderschönes foto!

naja...ich bin doch der Lord of the darkness! ;-)
Das heisst ich bin Lord der Unterwelt auf Deutsch gesacht...;-)

Wie klingt es niedlicher?

Die Hölle hält sich an die Gesetzte ich frage mich immer noch warum!

Danke Lisl Steiner :http://www.lislsteiner.com/
Danke Frau Direktorin Spera
Danke Heilwig Pfanzelter für die interessanten Gespräche
und die beeindruckende & bewegende Präsentation

Ein weiterer Beweis

wie viel ärmer die Kunstwelt ohne die Beiträge jüdischer Künstler ist.

Sorry, aber das ist eine Banalität sondergleichen.

Immer, wenn Künstler aus welchen Gründen immer an der Arbeit gehindert werden, wenn sie inhaftiert oder getötet werden, oder wenn sie einfach sterben, wird die Kunstwelt ärmer.
Egal, welchen persönlichen, religiösen oder ethnischen Background sie haben. Und das ist richtig so. Solche Kategorien spielen in der Kunst keine Rolle - außer für Politiker und Ideologen.
Etwas anderes wäre die Argumentation, wonach nicht die Kunstwelt an sich, sondern z. B. die Wiener Kultur ärmer geworden ist. Dies trifft deshalb zu, weil nicht bloß Künstler betroffen waren, sondern gerade auch Kunstsammler und nicht zuletzt die Träger einer typisch wienerischen bürgerlich-liberalen Kultur insgesamt (im Gegensatz etwa zu älplerisch-provinziellen Spießern).

Da haben Sie einen schönen Schmarrn verzapft,

jüdische Künstler und Wissenschafter hatten in der Vergangenheit eine herausragende Rolle in allen Kunst- und Wissenschaftsbereichen.
Dass diese Rolle nicht von der heutigen Generation dezimiert wurde sollte nicht verhindern sich trotzdem für vergangene Verbrechen zu schämen, ganz besonders in Österreich.

Die Arbeiterklasse war unterdrückt, der Adel sich zu fein um einen bürgerlichen Beruf auszuüben und die christliche beaurgeoise zu ängstlich, dass keiner wagte aus der reihe zu tanzen. Thats all

Sehr ästhetisches Foto!
Schade, dass Porträtfotografien heute nicht mehr so aussehen.

Wie wahr, wie wahr........zum Weinen!

Die Fotos in der Auslage des Fotostudios in meiner Nähe sehen aus wie Soft Porn Stills.

klingt interessant, da werd ich hingehn.

Sie haben keinen Geschmack!

haha...

...gut kombiniert^^

klingt interessant, da werd ich hingehn.

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