Adelsmayr: "Würde jedem raten: Nichts wie weg"

Interview22. Oktober 2012, 17:47
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Er werde das Urteil nicht akzeptieren, sagt der in Dubai verurteilte Arzt Eugen Adelsmayr - Kollegen rät er, nicht auf der Arabischen Halbinsel zu praktizieren

STANDARD: Glauben Sie noch an Gerechtigkeit?

Adelsmayr: Generell natürlich schon, aber im Detail sicher nicht mehr. Da ist mir in den letzten beiden Jahren einfach zu viel Unrecht widerfahren.

STANDARD: Wurden Sie von den österreichischen Behörden in den letzten beiden Jahren ausreichend unterstützt?

Adelsmayr: Man hat mich mehr unterstützt, als ich mir gedacht habe. Aber es war natürlich schwierig, da es sich um ein laufendes Verfahren gehandelt hat. Jetzt gibt es ein Urteil, und ich hoffe auf internationale Hilfe. Wichtig wäre mir auch, dass jetzt ein österreichisches Gericht oder eine Staatsanwaltschaft meinen Fall noch einmal untersucht.

STANDARD: Würden Sie heute einem Kollegen raten, als Arzt in Dubai zu praktizieren?

Adelsmayr: Nein. Ich würde jedem Geschäftsmann, jedem Urlauber beim kleinsten Anzeichen irgendwelcher Probleme raten: Nichts wie raus. Sei es ein Streit in einem Lokal oder ein kleiner Verkehrsunfall - einfach schnell weg.

STANDARD: In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind sie ein, nicht rechtskräftig, verurteilter Mörder. Wie lebt man mit dieser Bürde?

Adelsmayr: So etwas ist natürlich extrem unangenehm und eine enorme Belastung. Aber ich versuche eben alles ein wenig differenzierter zu sehen. Es ist eine Farce und fast schon kabarettreif. Diese Gedanken machen die Situation ein wenig leichter erträglich.

STANDARD: Im schlimmsten Fall wird ein internationaler Haftbefehl gegen Sie erlassen. Jede Reise ins Ausland wird damit für Sie mitunter zu einem schwer kalkulierbaren Risiko. Fühlen Sie sich dadurch als unfreier Mensch?

Adelsmayr: Natürlich engt so etwas ein. Wobei die eingeschränkte Reisefreiheit das geringere Übel für mich ist. Außerdem bleibt mir ja auch im Fall eines internationalen Haftbefehls eine gewisse Bewegungsfreiheit. Österreich liefert mich nicht aus. Und auch im europäischen Schengen-Raum ist das nicht der Fall. Vielmehr quält mich die Verurteilung an sich. Dabei ist der Strafrahmen letztlich irrelevant. Ob das jetzt die Todesstrafe durch den Strang, drei Mal lebenslänglich oder zehn Jahre Haft sind - es ist die Verurteilung in einem Mordfall.

STANDARD: Funktioniert die Trennung im Kopf zwischen dem harten Gerichtsurteil und dem eigenen Wissen, unschuldig zu sein?

Adelsmayr: Es ist schwierig. Es ist alles so unbegreiflich. Drei Gutachten, darunter eines der Österreichischen Ärztekammer, entlasten mich klar. Und dann wird ein viertes, gefälschtes Gutachten - 19 Seiten mit entlastenden Argumenten fehlen - zur Urteilsfindung herangezogen. Ich werde verurteilt, der mitangeklagte indische Arzt freigesprochen. Man hat den Ausführenden freigesprochen und mich als Anstifter zu lebenslänglich verurteilt. Eine große Hilfe ist aber mein Buch, es hat mir die Möglichkeit gegeben, meine Sicht der Dinge genau zu beschreiben - und entlastende Dokumente zu veröffentlichen.

STANDARD: Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Sie als Intensivmediziner im Jänner 2009 im Rashid-Hospital in Dubai einen Patienten mit Querschnittslähmung durch unterlassene Hilfeleistung sowie eine Überdosis Morphin getötet haben.

Adelsmayr: Ich habe zum Zeitpunkt der angeblichen Tat nachweislich nicht mehr in dem besagten Spital gearbeitet. Es war eine Intrige. Auslöser war die Mitarbeiterbeurteilung des Jahres 2008. Zwei Ärzte waren extrem unzufrieden mit meiner Beurteilung. Die haben sich dann zusammengetan und gegen mich intrigiert. Ausschlaggebend aber war letztlich, dass ich mich in Dubai mit den Gesundheitsbehörden angelegt und gesagt habe, dass dort ständig Euthanasie praktiziert wird. Der Leiter der Behörde vor Ort ist der Bruder des Herrschers.

STANDARD: Der Prozess dauerte insgesamt 461 Tage, viel rascher war aber klar, dass es nicht leicht für Sie werden wird, das Gericht in Dubai von Ihrer Unschuld zu überzeugen. Haben Sie überhaupt noch mit einem Freispruch gerechnet?

Adelsmayr: Nein, ganz im Gegenteil. Ich habe mit einer Verurteilung gerechnet. Mein allerletztes Vertrauen, dass mir dort unten vielleicht doch Gerechtigkeit widerfahren könnte, war im Jänner weg. Da konnten wir beweisen, dass die Anklage auf einem gefälschten Dokument beruht. Was dem Gericht aber ziemlich egal war - man hat einfach nicht reagiert. Ab diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, dass das für mich nicht gut ausgehen kann.

STANDARD: Wie war der Moment der Urteilsverkündung?

Adelsmayr: Da denkt man nicht viel. Ich war fassungslos und bestürzt. Meine Anwältin hat mir das Urteil am Telefon mitgeteilt.

STANDARD: Sie waren bei der Urteilsverkündung in Dubai nicht anwesend. Hätte Ihre Anwesenheit etwas geändert?

Adelsmayr: Nein. Das Urteil gegen mich ist schon lange festgestanden. Ich habe mit meiner Kritik an der Behörde Majestätsbeleidigung begangen. Und da ist man eben in Dubai nicht zimperlich.

STANDARD: Sie könnten gegen das Urteil berufen, müssten allerdings wieder nach Dubai reisen.

Adelsmayr: Nur wenn man mir freies Geleit zusichert. Aber auch ohne in Berufung zu gehen werde ich weiterkämpfen. Ich bin aufgebracht, wütend und zornig. Ich werde das nicht akzeptieren.

STANDARD: Ihr Buch heißt "Von einem, der auszog ..." - würden Sie noch einmal ausziehen?

Adelsmayr: Momentan natürlich nicht. Der Schock sitzt zu tief. (Markus Rohrhofer, DER STANDADR, 23.10.2012)

Eugen Adelsmayr (53) studierte Medizin und Gesundheitswissenschaften in Wien. Anschließend arbeitete der Bad Ischler als Anästhesist und Intensivmediziner in Kitzbühel und Innsbruck. Von 2006 bis 2009 war Adelsmayr Department-Head der Surgical Intensive Care Unit am Rashid Hospital Trauma Center.

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    "Ich habe auch sehr schöne Erinnerungen an Dubai. Die hat mir der Prozess nicht kaputtgemacht." Trotzdem lebt Eugen Adelsmayr jetzt lieber in Bad Ischl.

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