Europas russischer Blick auf die Ukraine

Interview |
  • "Die Orange Revolution wäre die Gelegenheit gewesen, der Ukraine eine europäische Perspektive zu geben", sagt Historiker Andreas Kappeler.
    foto: standard/kirchengast

    "Die Orange Revolution wäre die Gelegenheit gewesen, der Ukraine eine europäische Perspektive zu geben", sagt Historiker Andreas Kappeler.

Unter repressiven Vorzeichen wählt die Ukraine am Sonntag ein neues Parlament - Historiker Kappeler im Interview

Andreas Kappeler, Historiker und Buchautor, blickt im Gespräch mit Josef Kirchengast auf ein Land zwischen russischer Hegemonie und europäischer Einseitigkeit.

STANDARD: Sie kennen die Ukraine von Ihren Forschungsarbeiten sehr gut. Ist es nicht völlig egal, wer die Parlamentswahlen am Sonntag gewinnt, weil die sogenannten Eliten ohnehin tun, was sie wollen?

Kappeler: Wahrscheinlich denkt eine Mehrheit der Ukrainer genau das. Nachdem sie von den Helden und Heldinnen der orangen Revolution und inzwischen mehrheitlich auch vom neuen Präsidenten Wiktor Janukowitsch enttäuscht wurden, erwarten sie sich von dieser Wahl keine großen Änderungen. Zumal in der Opposition keine echte Alternative sichtbar ist. Die Einzige wäre Julia Timoschenko, und die sitzt im Gefängnis.

STANDARD: Kann von der Wahl dennoch Signalwirkung ausgehen?

Kappeler: Das finde ich schon. Ich bin über die Entwicklung der vergangenen zweieinhalb Jahre besorgt: Machtkonzentration beim Präsidenten, Einschränkung der Medienfreiheit, Druck auf einzelne Intellektuelle, was ich aus persönlichen Kontakten weiß, Umschreiben der Schulbücher - im Ganzen eine Richtung, die auf das russische Modell der gelenkten Demokratie hinauslaufen kann. Wenn die Wahlen mit einem großen Sieg der Partei der Regionen (von Janukowitsch, Anm.) enden, dann ist eine solche Entwicklung fast unausweichlich. Wenn die Opposition relativ stark ins neue Parlament kommt, dann hoffe ich, dass diese Entwicklung gestoppt werden kann.

STANDARD: Immer noch gilt aber Meinungsfreiheit als bleibendes Erbe der orangen Revolution.

Kappeler: Die Ukraine hatte nach der orangen Revolution die freieste Medienlandschaft und die fast einzigen freien Wahlen im postsowjetischen Raum mit Ausnahme des Baltikums. Diese Entwicklung ist gefährdet. Derzeit sind die zivilgesellschaftlichen Elemente noch vorhanden und werden sich hoffentlich wehren gegen weitere Einschränkungen.

STANDARD: Ihr neuestes Buch beleuchtet das komplexe ukrainisch-russische Verhältnis am Beispiel eines Wissenschafterehepaares. Inwiefern spielt dieses Verhältnis für die aktuelle Lage der Ukraine eine Rolle?

Kappeler: Einerseits versuche ich zu zeigen, dass die Verflechtungen Russlands und der Ukraine, der Russen und der Ukrainer, besonders eng waren. Auf persönlicher Ebene gab und gibt es kaum innerethnische Spannungen. Die andere mir sehr wichtige Botschaft: Seit dem 19. Jahrhundert wird das Verhältnis von einer grundlegenden Asymmetrie geprägt.

STANDARD: Das heißt, Russland akzeptiert die Ukraine nicht als eigenständige Nation?

Kappeler: Russland betrachtet die Ukraine als Teil einer orthodoxen allrussischen Nation. Es ist ein imperiales Verhältnis. Russland und weite Teile der russischen Gesellschaft nehmen die Ukrainer und deren Staat nicht wirklich ernst. Die ukrainische Sprache wird als verdorbenes Russisch angesehen, die ukrainische Hochkultur als Bauernkultur herabgemacht.

STANDARD: Trifft das Klischee von der Spaltung der Ukraine in einen proeuropäischen Westen und einen prorussischen Osten im Wesentlichen zu?

Kappeler: Von einer Spaltung würde ich nicht sprechen. Aber die Unterschiede in der kulturellen und sprachlichen Ausrichtung, im historischen Bewusstsein und in der heutigen politischen Orientierung sind groß. Genau jene westlichen Gebiete, die einst unter polnisch-litauischer und teilweise habsburgischer Herrschaft standen, wählen seit den 1990ern eher europanahe Parteien; die erst im 19. Jahrhundert besiedelten Gebiete im Osten und Süden sind eher prorussisch ausgerichtet.

STANDARD: Die EU gibt der Ukraine keine Beitrittsperspektive. Das als Ersatz gedachte Assoziierungs- Freihandelsabkommen liegt wegen des Falls Timoschenko auf Eis. Ist diese Politik der Lage angemessen?

Kappeler: Die orange Revolution wäre die Gelegenheit gewesen, der Ukraine eine europäische Per spektive zu geben. Das hat man nicht ausreichend getan. Jetzt kann die EU die aktuelle politische Tendenz nicht einfach schlucken. Die Inhaftierung Timoschenkos und anderer Exminister ist nicht hinnehmbar. Andererseits wäre es schlecht, die Tür zuzuschlagen, denn damit triebe man die Ukraine in die Arme Russlands. Die EU sollte wirtschaftlich präsent bleiben, die kulturellen und wissenschaftlichen Beziehungen ausbauen, das Visa-Regime liberalisieren. Die Ukrainer stehen Schlange vor unseren Botschaften in Kiew.

STANDARD: Offenbar mangelt es im Westen an einem der Realität angemessenen Bewusstsein.

Kappeler: Der Westen, Europa, hat die russische Position weitgehend übernommen. Aus westlicher Sicht steht die Ukraine seit 200 Jahren im Schatten Russlands, gelten ukrainische Sprache und Kultur als Variante des Russischen, werden ukrainische Namen russisch geschrieben etc. Die Ukraine hat noch immer keinen festen Platz auf der mentalen Landkarte der Westeuropäer. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 23.10.2012)

Andreas Kappeler (69) ist emeritierter Professor für osteuropäische Geschichte an der Universität Wien.

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Die einzige "Alternative" wäre also Julia Timoschenko....

Diese "Gasprinzessin" ist keine "Unschuld vom Lande", wie sie sich gerne darstellt.

Ihr Reichtum stammt aus äußerst dubiosen Quellen, während sie eine enge Vertraute des mittlerweile in den USA inhaftierten Ex-Premiers Lazarenko war.

Und das wird von Kapeller verschwiegen.

Es wäre mal angebracht, dass die westliche Medienwelt und die westliche Politik ihre rosaroten Brillen hinsichtlich ihres verklärten Blickes auf Julia Timoschenko abziehen.

Die Ukraine ist für uns Russen nichts anderes als eine Grenzlandschaft des großen russischen Reiches.

Wenn ein Russe was anderes behauptet, dann ist er schon umerzogen oder hat einfach keine Ahnung. In russischen Familien wird man somit aufgewachsen. Ich habe selber ukrainische Vorfahren, die sich selber zur russ. Ethnie zählen.

mit Grüßen

Na und ???

Verräter gibts überall...

Das Baltikum, Moldawien und der Kaukasus detto...

aber russland wird um eine Entkolionalisierung nicht herumkommen - jedes Imperium landet am Misthaufen, früher oder später - die "scheinen" dem russischen Militärstiefel was - alle - sogar die Sibirjaken wollen euch nicht....

Einmal mehr wird so getan

als würde nur Russland eine furchtbare imperiale interessengeleitete Außenpolitik machen - als ob westeuropäische Außenpolitik nur altruistische Menschenfreundlichkeit und Friede-Freude-Eierkuchen wäre.

Natürlich haben die westlichen Staaten ein eminentes strategisches Interesse, den Einfluss Russlands auf die Ukraine zu minimieren und den eigenen zu maximieren. Um das zu wissen, genügt ein Blick auf die Landkarte.

Was die Menschen in der Ukraine wirklich wollen, ist den Entscheidern in London, Paris, Brüssel, Berlin oder Wien genauso wurscht wie denen in Moskau und Kiew.

Die Entscheider in Brüssel wollen, dass die Ukraine eine echte Demokratie wird, in der die Menschen die Regierungen frei wählen können - insofern ist der Westen natürlich an der Meinung der UkrainerInnen interessiert.
Die Entscheider in Moskau hingegen wollen eine starke Präsidentenpartei, und daneben ein paar harmlose, präsidententreue, speichelleckerische Pseudoparteien als Zierde, so dass es den Menschen nicht möglich ist eine starke Opposition zu wählen.

So ein Unsinn. Der EU will wie Russland auch nur eine Scheindemokratie nur mit anderen Vorzeichen. Beiden geht es darum, den Zugang zu Ressourcen und Märkten zu sichern.

Klar, deswegen bemüht sich die EU ja auch so sehr um gute Beziehungen zu den vorbildlichen Demokratien in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens.

Typischer Pro-Westlicher Propagandaartikel: "Die Inhaftierung Timoschenkos und anderer Exminister ist nicht hinnehmbar"

Die Inhaftierung ist sehr wohl "hinnehmbar", da die gute Frau wegen Betrug, Korruption und diversen anderen Vergehen rechtskräftig verurteilt wurde. Nicht weil die Oppostion sein könnte. Und das Gasprinzesschen ist nun was Betrug auf hoher Niveau betrifft wahrlich kein kleiner Fisch. Die Verurteilung passt aber dem Westen (US/EU) nicht, daher wird laut Stimmung gemacht.

Der Westen (US/EU) sollte da eher mit guten Beispiel vorran gehen und nicht mit zweierlei Mass messen. Und akpzeptieren, dass die Orangenen US-hörigen Cowboys eben abgewählt wurden.

So ist es! GENAU SO!

Danke, lieber Peter!

Janukowitsch ist das schlimmste

was der Ukraine je passiert ist.
Ungebildet, korrupt, gierig und einfach dumm.

Sind Sie sicher, daß Sie nicht den Juschtschenko meinen?

Sind Sie sicher, d Sie wissen was Sie schreiben ?
Juschtschenko d war gestern, laengst vergessen, heute ist der gierige, korrupte ..... Janukowitsch "noch" im Amt!

also gestern war der Juschtschenko der gierige und korrupte? ich bin schockiert! dacht die ganz zeit dass das Ar*mattegesicht der altruistische besenreine Demokrat wäre.

Was Sie schon wieder lesen ?
Denken sich d Wort "Praesident" in den Satz und schon ist es auch fuer Sie verstaendlich!

Juschtschenko war gestern, heute ist der gierige und korrupte (jemand anders, nicht mehr Juschtschenko) ... Janukowitsch noch im Amt.

die Satzbildung ist ein Hund! ich sammle schon mal die überflüssige Kommas und Punkte für Sie, kein Problem, mache ich doch gerne - schonen Sie sich beim nachdenken.

Solange Sie den Inhalt verstehen brauche ich meinen Translator ja nicht zu wechseln. Danke fuer die Bestaetigung!

Sollen die Ukraine für ein EU-Visa Schlange

stehen, solange die Mehrheit der Bevölkerung träge ist und nicht dafür sorgt, dass sich das Land nach Westen bewegt, sollte die EU nicht allzu freimütig sein. Seien wir doch ehrlich, die meisten, die für ein EU-Visa Schlange vor europäischen Botschaften in Kiew stehen, wollen die Ukraine aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. Die EU müsste gezielt Eliten, wie Studenten und/oder Experten den Zugang nach Europa erleichtern.

Ehrlich, diese Leute stellen sich schon gar nicht mehr an, warum sollen Sie 35 Euro zahlen fuer "kein" Visa ?

Was mit einer Liberalisierung gemeint ist:
Wenn ein Geschaeftsman 3 x im Jahr nach Paris faehrt, warum muss er sich 3 x anstellen, immer wieder diese Formulare ausfuellen und trotzdem 1 bis 3 Wochen aufs Visa warten ? Die 1 bis 3 Jahresvisa werden nur sehr zoegerlich ausgestellt. Die meisten dieser Visa hat Ungarn, aber diese sind nur auf Ungarn beschraenkt und koennen nicht im Schengenraum verwendet werden. Solche Visa gibt es auch fuer Polen. Dafuer muessen Sie aber Ungarisch sprechen und mindestens eine Ungarische Grossmutter haben, detto fuer Polen.
Also niemand verlangt vollkommene Visafreiheit, aber jeder will ein Ende dieser Buerokratie und Willkuerschaft in den EU Konsulaten!

"Studenten und/oder Experten den Zugang nach Europa erleichtern"

Was soll dieser völlig Sinnfreie satz? Falls sie es nicht wissen: Die Ukraine ist ein Teil Europas. Schon längst. Man braucht keinem Ukrainer den Zugang nach Europa "erleichtern", denn er ist schon mitten drinnen, in Europa.

Bitte verwechseln Sie nicht die EU mit Europa. Das ist eben NICHT das Gleiche.

peterle...

tu ma nachhilfe in geografie geben ??? Die EU is das Ziel - ergo dessen Europa ...nur die Schweiz und die Norgn wollen draussen bleiben - für alle andren is EU gleich Europa ...aber das versteht einer, der die Russen in Europa verortet sowieso nicht...

....

das eine bedingt das andere .... Reisen bildet .... ändert .... verändert ...... entwickelt

"Inhaftierung Timoschenkos und anderer Exminister ist nicht hinnehmbar" - Warum, weil sie ein NATO-Fanclub sind? - Die Öl- und Gasmafia in der Ukraine (unter anderem) ist diesen Leuten zuzuordnen, die haben sich an Volkseigentum bereichert. Das ist eine Straftat. Die Inhaftierung ist also völlig ok, dass sie durch andere Verbrecher vorgenommen wird und Rechtsstaatsprinzipien keine Rolle spielen, sollte ein Thema sein, aber nicht die strafrechtl. Verfolgung an sich.

es soll also ihrer meinung nach jeder hinter gitter

der mit putin geschäfte macht ? da wären in österreich und deutschland die gefängnisse mit politikern voll..

da wären in österreich und deutschland die gefängnisse mit politikern voll..

was zu begrüssen wäre.

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