Fußheberschwäche: Mit Neurostimulation besser gehen

    22. Oktober 2012, 09:09
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    Zuständige Nervenleitung wird mit Implantat unterstützt - Nervenleitungen müssen unbeschädigt sein

    Schlaganfallpatienten kennen zwei Phasen: eine relativ akute im Krankenhaus, in der es um lebensrettende Maßnahmen geht, und dann die wesentlich längere Phase, die mit einer Neurorehabilitation beginnt und als oft monatelange Genesungssphase weitergeht. Es geht darum, verlorene Kompetenzen neu zu trainieren. Die Mehrheit der Schlaganfallpatienten habt mit halbseitigen Lähmungen zu kämpfen. Viele von ihnen lernen wieder zu gehen, doch eine Fußheberschwäche, auch Fallfuß, vom Knie abwärts stellt sich als bleibender Schaden und Beeinträchtigung beim Gehen heraus.

    Das Gehirn ist nicht mehr in der Lage, Impulse bis in die äußersten Extremitäten zu schicken. "Patienten können das Bein zwar grundsätzlich bewegen, es aber nicht mehr koordiniert steuern", sagt Oskar Aszmann, plastischer Chirurg am AKH Wien. Fehlstellungen des Fußes, Gehen auf Zehenspitzen oder durch Spastik verursachte Krallenzehen sind die Folgen. Im Alltag bedeutet es, dass Patienten extrem leicht stolpern oder stark hinken, was sich negativ auf die Mobilität auswirkt.

    Das Medizintechnik-Unternehmen Otto Bock, bekannt für seine Prothesenlösungen, hatte die Idee, die fürs Gehen zuständige Nervenleitung durch ein Implantat zu unterstützen. Actigait heißt das Neurostimulationssystem, das 2006 zugelassen wurde und mittlerweile bei mehr als 130 Schlaganfallpatienten nach Fußheberschwäche zum Einsatz kommt. Aszmann ist seit 2006 mit Actigait vertraut, hat gute Erfahrungen gemacht.

    Von außen steuern

    Das vierteilige System funktioniert folgendermaßen: Ein Sensor an der Ferse registriert, dass der Patient den Fuß heben will, und leitet diesen Impuls an die runde Antenne, die mit einem Pflaster am Oberschenkel angeklebt ist, weiter. Dann kommunizieren Antenne und der im Oberschenkel implantierte Stimulator. Er registriert den Impuls und schickt ihn direkt in den von einer Manschettenelektrode ummantelten Wadenbeinnerv: Dadurch wird der Fuß, der sich heben will, unterstützt, und der Patient macht einen Schritt nach vorn. Auf diese Weise wird die Fußheberschwäche durch dieses lokale Unterstützungssystem am Bein ausgeglichen.

    Das System lässt sich auch von außen beeinflussen. Auf einer am Gürtel getragenen Steuerungseinheit lässt sich Actigait an- und ausschalten, aber auch individuell schwächer oder stärker stellen. Letzteres unterstützt Patienten etwa beim Aufwärtsgehen oder dann, wenn die Koordination durch Müdigkeit schwächer wird.

    "Von der Neurostimulation profitieren Schlaganfallpatienten, die generell mobil, also minimal gehfähig, sind", sagt Aszmann, der rund fünf Actigait-Patienten pro Jahr betreut. "Wir haben sehr genaue Kriterien, bei wem es funktioniert", sagt er. Das Wichtigste: Die neuromuskuläre Achse muss intakt sein, sagt er. Im Klartext dürfen also die Nervenleitungen im Bein nicht beschädigt sein. Für Patienten mit Bandscheibenvorfällen oder multipler Sklerose sei Neurostimulation deshalb meist nicht geeignet. (Karin Pollack, DER STANDARD, 22.10.2012)

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