Psychotherapie als Hilfe für junge Patienten

22. Oktober 2012, 09:02
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Kindern und Jugendlichen mit Konfliktlösungs-Problemen fehlt oft Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung

Gefühle sind keine einfache Sache, sie zu begreifen und richtig einzuordnen immer dann eine hilfreiche Strategie, wenn im Leben nachhaltig belastende Probleme entstehen. Auffälliges Verhalten, Konflikte mit Mitmenschen, schwere Beeinträchtigungen im Alltag: Immer dann kann Psychotherapie eine Behandlungsoption werden. Auch für Kinder und Jugendliche. "Es gibt keine Erziehungsratgeber, die ohne psychoanalytisches Grundwissen auskommen", erklärte Elisabeth Skale, Präsidentin der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung, die am vergangenen Mittwoch Kinder und Jugendliche ins Zentrum rückte. "Für Kinder werden in unserer Gesellschaft zu wenige Ressourcen zur Verfügung gestellt", eröffnete Skale den Abend, der in Freud'scher Tradition das Ziel hat, psychonanalytisches Wissen auch an Interessierte aus anderen Berufen weiterzugeben.

Die emotionale Basis jedes Menschen entwickelt sich in den ersten Lebensjahren, "ein Prozess, der von Geheimnissen, Magie, Neugier, Wissensdrang, Ängsten, Zorn und durch die Macht der anderen geprägt wird", erklärte Sabine Fiala-Preinsperger, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, in ihrem Vortrag mit dem Titel "Psychoanalytische und psychotherapeutische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Babys und ihren Eltern." Kinder, so Fiala-Preinsperger, messen allem und jedem Bedeutung bei. Wenn die Lebensumstände schwierig sind, gebe es immer Potenzial für krankhafte Episoden, sagt sie.

Keine Plätze

Und die Realität gibt ihr recht. Fünf Prozent aller Kinder in Österreich bräuchten psychotherapeutische Betreuung, nur 0,2 bis 0,5 Prozent können behandelt werden. "Wir müssen jeden Tag viele Familien mit massiven Problemen, die wir sicherlich lösen helfen könnten, abweisen, weil wir einfach keine Plätze haben", sagt Georg Sojka, ärztlicher Leiter des Instituts für Erziehungshilfe in Wien. Die Institution ist eine von fünf, die Psychotherapieplätze vergibt, für die Familien nicht bezahlen müssen. Ein bis zwei Jahre auf einen Therapieplatz zu warten sei ganz normal, kann Sojka berichten, für ihn als Kinder- und Jugendpsychiater, der weiß, wie viel in einem Jahr kindlicher Entwicklung passiert, sei diese lange Wartezeit nur sehr schwer auszuhalten.

"Wir haben keine genauen Zahlen, können aber aufgrund unserer Erfahrungen schätzen, dass 15.000 bis 30.000 Eltern bereit wären, ihre Kinder aufgrund von schweren Problemen in psychotherapeutische Behandlung zu schicken", bestätigt auch Barbara Burian-Langegger, Sojkas Vorgängerin am Institut für Erziehungshilfe. Das Abweisen sei nicht nur für die Kinder und ihre Familien sehr schwer, sondern auch für die Therapeuten selbst, "die Familien können sich die Therapie privat aber nicht leisten", bestätigt Burian-Langegger.

Dass Psychotherapie für Kinder und Jugendliche mitunter sehr aufwändig sein kann, demonstrierte Fiala-Preinsberger anhand von Fallbeispielen. Leo (5) hatte aufgrund seiner zahlreichen Ticks (Schreie, Schnalzgeräusche, zuckende Bewegungen) bereits die Diagnose Tourette-Syndrom, sollte medikamentös behandelt werden.

Werkzeug Psychoanalyse

In einer psychoanalytischen Kindertherapie konnte Fiala-Preinsperger beweisen, dass sich der Zustand des Knaben mit dem Werkzeug der Psychoanalyse verbesserte. Viermal pro Woche je eine Stunde: "Wenn Kinder und Jugendliche einen Leidensdruck haben, kommen sie gerne in die Psychotherapie", berichtet Friedl Früh, Supervisorin für Kinderanalyse und Kinderpsychotherapie, in der anschließenden Diskussion, in der auch ganz grundlegende Fragen gestellt werden durften. Etwa: Wann ist eine Störung pathologisch? Und was wächst sich auch ohne Behandlung wieder aus? "Sobald massive Störungen mehr als ein Jahr lang andauern und das Familienleben stark beeinträchtigen, besteht Handlungsbedarf", präzisiert Fiala-Preinsperger.

Für sie als Analytikerin gehe es zu Beginn darum, eine Vertrauensbasis aufzubauen und damit einen Raum zu schaffen, in dem Kinder sich selbst erleben können. Nicht Wegmachen von Symptomen, sondern das Anerkennen von eigentümlichem Verhalten als etwas für einen Erwachsenen Unverständliches und die Zusicherung, es aus dieser kindlichen Perspektive verstehen zu wollen, seien Grundvoraussetzung, so die Psychiaterin, die ihre jungen Patienten in vielen Sitzungen beobachtet, wie sie innere Konflikte in Spielen immer und immer wieder durchexerzieren.
Kindliche Hysterie

"Oft sind Symptome Schutzmechanismen", hat sie erlebt. Hysterisches Verhalten sei bei Kindern sehr häufig, kann sie berichten, "und durchaus kein Symptom, das nur für den Beginn des 20. Jahrhunderts charakteristisch war, wie von einigen Kollegen behauptet wird", sagt sie.

Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hätte ein Konzept für Kinder- und Jugendpsychoanalyse ausgearbeitet, allein es fehlt an den finanziellen Mitteln, es umzusetzen. Georg Sojka vom Institut für Erziehungshilfe weiß: Therapien mit Kindern und Jugendlichen dauern durchschnittlich zwei Jahre. Langfristig, so waren sich die Experten einig, helfen sie sparen: Ungelöste psychische Probleme können später höhere Gesundheitskosten verursachen. (Karin Pollack, DER STANDARD, 22.10.2102)

 

 

 

  • Sabine Fiala-Preinsperger: "Das Fantastische an Psychonanalyse ist, die Spielarten der kindlichen Seele zu entdecken. Symptome sind oft Schutzmechanismen."

    Sabine Fiala-Preinsperger: "Das Fantastische an Psychonanalyse ist, die Spielarten der kindlichen Seele zu entdecken. Symptome sind oft Schutzmechanismen."

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