Libanon: "Wir schwören, wir werden euch kriegen"

22. Oktober 2012, 18:35
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Libanesischer Abgeordneter berichtet über Drohung vor Attentat - Gespannte Ruhe

Beirut/Damaskus/Washington - Im Libanon herrschte nach einer gewalttätigen Nacht infolge der Beisetzung des ermordeten Generals Wissam al-Hassan am Montag zunächst weitgehend Ruhe. Im Beiruter Sunnitenviertel Tajjouneh kam es jedoch zu Zusammenstößen zwischen der Armee und Bewaffneten. Ein Parlamentarier der antisyrischen Zukunftsbewegung erklärte, er und mehrere andere Angehörige seiner Fraktion hätten aus Syrien Todesdrohungen per SMS erhalten. Innenminister Marwan Charbel erteilte Armee und Polizei den Auftrag, hart durchzugreifen.

Weltweit herrscht Sorge, dass der Bürgerkrieg im Nachbarland Syrien auch den Libanon immer weiter in einen Strudel der Gewalt hineinziehe. Auslöser der Gewalt war das Attentat auf den Geheimdienstchef al-Hassan vom Freitag. Dieser gehört wie die meisten Aufständischen in Syrien zu den Muslimen sunnitischer Glaubensrichtung. Dagegen wird die prosyrische Regierung im Libanon von der schiitischen Hisbollah-Bewegung dominiert.

Nach den Ausschreitungen vom Wochenende erklärte der libanesische Innenminister Marwan Charbel, Armee und Polizei hätten den Auftrag erhalten, hart durchzugreifen: "Sie nehmen jeden fest, der Waffen trägt." Auch Oppositionsführer Saad al-Hariri schloss sich dem Appell zur Gewaltlosigkeit an, forderte aber zugleich erneut den Sturz der Regierung, in der die mit Syrien verbündete schiitische Hisbollah maßgeblichen Einfluss hat.

Hinter dem Mordanschlag auf den syrien-kritischen Geheimdienstchef vermutet die Opposition den Versuch des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad, das kleine Nachbarland in den Syrien-Konflikt hineinzuziehen. Auch Frankreich hat eine Beteiligung Syriens an dem schwersten Anschlag im Libanon seit der Ermordung des ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri 2005 als wahrscheinlich bezeichnet.

Schießerei in Tripoli

Fast alle Straßen, die am Vortag von Demonstranten blockiert worden waren, waren am Montag wieder befahrbar. Nach Angaben der Polizei waren in der Nacht bei Schießereien zwischen prosyrischen und antisyrischen Gruppen in der nördlichen Hafenstadt Tripoli drei Menschen ums Leben gekommen. Unter den Toten war ein neun Jahre altes Mädchen.

Der Abgeordnete Ammar Huri sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Lebanon Now, er habe vor dem Tod des Generals eine SMS folgenden Inhalts erhalten: "Wir schwören beim Leben von (US-Botschafterin) Maura (Conelly), wir werden euch kriegen, einen nach dem anderen, ihr Drecksäcke!" Nach dem Attentat hätten er und weitere drei dann eine zweite SMS-Botschaft bekommen mit dem Text: "Einer von zehn." Seither hätten sie alle zusätzliche Bewachung erhalten.

US-Außenministerin Hillary Clinton sicherte dem libanesischen Premier Najib Mikati in einem Telefonat Hilfe bei der Aufklärung des Bombenanschlages zu. Zugleich betonte Clinton das Bekenntnis der USA zur "Stabilität, Unabhängigkeit, Souveränität und Sicherheit des Libanon". (red, DER STANDARD, 23.10.2012)

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    Schon am Sonntagnachmittag demonstrierten Menschen anlässlich des Begräbnisses von Geheimdienstchef Hassan in Beirut. In der Nacht zum Montag kam es zu Feuergefechten.

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    Libanesische Armee patroulliert in den Straßen von Tripoli.

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