Streit um die Burg: "Da lachen wohl die Hühner!"

Kommentar der anderen21. Oktober 2012, 18:42
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Neues zum Thema Dichtung und Wahrheit in der Kontroverse zwischen dem derzeitigen Burgtheaterchef Matthias Hartmann und seinem Vorgänger. Erwiderung auf einen "Clown, der im Verborgenen heult"

Was ist passiert. Meine lapidare Bemerkung in einem "Kurier"-Interview, dass ich an Wiener Theatern eine gewisse Boulevardisierung und Risikolosigkeit feststelle, führte zu einem aggressiven Aufschrei in Wien, der offenbar mehr Wahrheitsgehalt vermuten lässt, als intendiert war. Um mit Botho Strauss zu sprechen: "Das greift aber mächtig in die Tiefenschichten."

Man wirft mir gar Profilierungssucht und Rache vor. Wofür? Der Burgtheaterdirektor meint, ich sei gekränkt, weil er mein Angebot, Oberspielleiter zu werden, seinerzeit nicht angenommen habe (DER STANDARD-Interview vom 13. 10.). Ich weiß nicht, wann und wo er das geträumt hat. Ich habe nie einen Oberspielleiter berufen. Man stelle sich vor: Meine Regisseure an der Burg waren damals Breth, Kusej, Kriegenburg, Zadek, Bondy, Grüber usw. Denen hätte ich einen Oberspielleiter Hartmann vorsetzen sollen? Da lachen wohl die sprichwörtlichen Hühner. Das wäre, wie wenn man in die Champions League einen Regionaltrainer aus Osnabrück holen würde. Ich habe Hartmann nie etwas angeboten, daher konnte er auch nichts ablehnen.

Aber als er Burgtheaterdirektor wurde, haben wir ihn in allem gewaltig unterstützt. Daher ist seine Bemerkung, er hätte mit Schwachstellen fertig werden müssen, besonders infam. Die gesamte neue Struktur einer modernen Burg am Ende der 1990er-Jahre ist von mir vollzogen worden. Alle Arbeitsverträge in Technik und Licht, die wichtigen Personalentscheidungen, mit denen Hartmann heute arbeiten kann, stammen von mir und meinem Team. Die gewaltigen Umbauten von Kassenhalle, Vestibül, Buchhandlung, die Bühnenmodernisierungen sind damals entstanden.

Und vor allem das Schauspielerensemble der heutigen Burg wurde zu 80 Prozent von mir und meinen Regisseuren engagiert und aufgebaut. Überdies hat meine Betriebsdirektorin Karin Bergmann im Übergang und in den ersten Jahren für Hartmann den Laden geschmissen. Er konnte sein gesamtes Repertoire mitbringen und vorbereiten. Alles war organisatorisch und finanziell gedeckt.

Wenn er schon nicht "Danke" sagt für all die roten Teppiche, so sollte er zumindest schweigen und daran denken, was er in Zürich angerichtet hat. Ein guter Grund, im "Verborgenen zu heulen".

Aber in Österreich lernt man die Kunst des Verdrängens offenbar schnell. Das alles liegt weit zurück, und der Vorhang ist längst gefallen. Hartmann hat allerdings in einem recht. Ich war längst nicht so bekannt außerhalb des Theaters. Ich habe Seitenblicke gemieden, war nie auf dem Opernball, hatte kaum Zeit für die Wiener Gesellschaft, denn ich war Tag und Nacht damit beschäftigt, mich um die Künstler und die Arbeit zu kümmern.

Attribute eines Intendanten

Es ist aber doch eine viel interessantere Frage, wie ein Haus geleitet wird. Was passiert im Inneren? Der eitle Jahrmarkt, den Wien so liebt, hat ja für die Arbeit überhaupt keine Bedeutung. Ich halte die Glaubensfrage, ob ein Schauspieler, ein Regisseur, ein Dirigent oder ein Impresario ein Haus leiten soll, für überflüssig. Das Einzige, was zählt, ist, ob der Kopf sich ganz in den Dienst des gesamten Hauses stellt, ob er künstlerische Vorgänge und Notwendigkeiten erspürt und ob der die im Haus Arbeitenden mehr meint als sich selbst. Authentisch, gelassen, souverän und liebevoll wären die Attribute, die ich als Berufsvoraussetzung für Intendanten stellen würde. Und je komplizierter die Zeiten werden, umso mehr Sachkenntnis und Erfahrung sind vonnöten.

In meinem, in unserem Land sind vor allem die darstellenden Künste ein scheinbar unhinterfragtes Gut. Das macht sie oft auch unbeweglich, starr und wenig kämpferisch. Hier kann man von den Deutschen lernen. Umgekehrt hat man oft erlebt, dass Deutsche sich wienerischer verhalten als Österreicher, weil sie das Operettenhafte so anziehend finden.

Natürlich leidet man unter den Zuständen, den Verwerfungen, den Widrigkeiten im eigenen Land mehr, auch wenn man nicht zu Hause ist, da man ja doch immer ein Teil dessen bleibt, wo man herkommt.

Aber ich kann alle beruhigen. Ich habe keine Sehnsucht nach irgendeinem österreichischen Amt. Die Welt ist weit und hat viel zu bieten. Vielleicht eröffne ich im Ruhestand einen Heurigen in Neuwaldegg. (Nikolaus Bachler, DER STANDARD, 22.10.2012)

Nikolaus Bachler, von 1996 bis 2008 Burgtheaterdirektor, ist Intendant der Staatsoper in München.

Nachlese

Interview mit Matthias Hartmann: "Ich bin ein Clown, der im Verborgenen heult"

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    Nikolaus Bachler (im Bild) an Matthias Hartmann: "Wenn er schon nicht 'Danke' sagt (für all die roten Teppiche), sollte er zumindest schweigen und daran denken, was er in Zürich angerichtet hat."

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