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vergrößern 800x565Eine Beziehung, die blutig endet: Margarete (Nanette Waidmann) und ihr halbseidener Verehrer Heinrich Faust (Denis Petkovic) in einer grandiosen Inszenierung am Volkstheater.
Eine bestechend scharfe Nachjustierung der Gretchentragödie im Geiste von Deep Purple und mit Schauspielern in Bestform.
Wien - Was den fadisierten Gelehrten Heinrich Faust "so licht" macht, das ist die intensive Vorstellung eines nackten Frauenkörpers. Die Folgen sind bekannt. Im Dutzend spazieren sie splitterfasernackt auf High Heels durch sein schlaffes Gehirn - und zugleich in realiter über die Bühne des Volkstheaters. Dort hat Regisseur Enrico Lübbe den Urfaust radikal gekürzt und beschert dem Haus mit seiner gespenstisch dichten Inszenierung ein kleines Meisterwerk. (Klein nur insofern, als es sich im 65 Minuten Spieldauer handelt.)
Zwölf nackte Damen lassen den Blödmann-Faust des Denis Petkovic mit seinem jämmerlichen Text ("Liebes Fräulein, darf ich‘s wagen...") abblitzen. Ein Schlag ins Gesicht und basta. Die Dreizehnte aber durchschaut ihn nicht: Margarete, ein junges Geschöpf in Not, das den Avancen des hohen Herrn erliegt. Sie wird dies mit dem Tod ihres unehelichen Kindes büßen.
Ein höllisch eleganter Kuppler mit Namen Mephisto (Günter Franzmeier) rückt sie ins Licht. Da steht sie dann, gnadenlos von allen Scheinwerfern in dem sich mittig drehenden, transparenten Bühnenquader (Bühne und Kostüme: Michaela Barth) beschienen. Und allein an diesem kleinen Manöver eröffnet sich Lübbes Könnerschaft: In den einfachsten Gesten offenbaren sich die schärfsten Gedanken - auf diese hat Lübbe mit Co-Autor Torsten Buß Goethes Urfaust auch heruntergehungert.
Mindestens ebenbürtig zum Text wirkt hier das Theater mit seinen Raumordnungen, mit seinen Gesten und Stimmen und einer durch diese kompromisslose Verdichtung erzeugten und berückenden Stimmung, die die Teufelsmusik von Deep Purple (Child In Time) leitmotivisch durchströmt. Margarete (Nanette Waidmann) tritt in ihrer grünen Dorfmädchenweste also ins Blickfeld der gierigen Akademikeraugen. Am nächsten Morgen lehnt Faust an ihrem Bett; als er seinen Kopf von ihrer Schulter hebt, trägt er das Antlitz von Mephisto.
Diese mephistophelische Unterwanderung der Figuren verfehlt ihre Wirkung auf der Bühne nicht. Der Teufel kapert auch Textpassagen von Margarete, wenn sie beispielsweise mit leisen moralischen Bedenken vor dem Schmuckkästchen steht, das ihr Faust als Lockmittel hinterlassen hat. Luzifer hilft mit schneller Lippe gern ein bisschen nach.
Diese
klaren, kompromisslosen Regie-Gedanken hat das Volkstheater-Ensemble
auf ganzer Strecke mitgetragen. Kaum je hat man die hier engagierten
Schauspielerinnen und Schauspieler so aufblühen gesehen. Jedes
gesprochene Wort hat hier Gewicht, jede Bewegung ihr Ziel. Heike
Kretschmer etwa zeigt mit dem sorgfältigen Rollen ihres
Kleidersaumes, wie es um das drängende Begehren der Witwe Marthe
Schwertlein steht. Kein Schritt ist zu viel in ihrem Tanz um ein
wenig Liebesglück, für das sie gern ihre schönen Waden in Position
bringt.
Ganz vorne mit dabei
Der Teufel täte ihr gefallen (wie jeder andere auch), doch dessen pomadisierter Kopf will sich einfach nicht von Opfer Nummer eins, Margarete, abwenden. Messerscharf gelingt auch die Szene mit Lieschen (Nina Norváth), die ihr Tratschtussi-Dasein zudem in einem bemerkenswert unsympathischen Kostüm belegt.
Ein wenig erinnert der Abend mit seiner konzentrierten, melodischen Begleitung an Michael Thalheimer, der seinerseits für ebenfalls radikal verschlankte und musikalisch verdichtete Klassiker-Inszenierungen einsteht. Seine Elektra hat übrigens am Donnerstag Premiere im Burgtheater.
Das Volkstheater setzt mit dieser bravourösen Urfaust-Produktion in dieser jungen Saison nicht nur seinen Glückslauf fort. Es hat sich damit auch in die vorderste Reihe sämtlicher hiesiger Theaterhäuser katapultiert. Michael Schottenberg hat den Braten gerochen. Enrico Lübbe, designierter Intendant des Schauspiels Leipzig, wird hier dringend gebraucht. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 22.10.2012)
Montag, 19.30
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Ich finde solche "Modernisierungen" des Regietheater einfach jämmerlich. Leute, schreibt gefälligst euer eigenes Stück! Dürft sogar alte Themen benützen. Aber hört endlich auf, Klassiker von klassischen Autoren nicht mehr ihrer Zeit entsprechend aufzuführen!
Kotzig, einfach kotzig. (Und von Steuerzahlern zwangssubventioniert.)
Das ist aber schwierig, oder wollen Sie für Shakespeare alle Damen des Ensembles kündigen, für die alten Griechen das Dach der Burg abreißen und tagelang in der Sommerhitze auf Kothurnen spielen oder für Goethe die alten Lampen wieder nachbauen? Bitte um Vorschläge!
Gründgens meldete sich 1943 freiwillig an die Front - das hätte er als Nazi-Staatsrat von Görings Gnaden gar nicht gemusst. Er war aber anscheinend doch mit einer gewissen Inbrunst bei der (nationalsozialistischen) Sache - auch wenn er (übrigens im Vertauen auf den Schutz Görings) natürlich Leuten geholfen hat.
Ja, dieser Einsatz findet sich dann immer irgendwie ... ob das die massive Propagandawirkung rechtfertigt, ist trotzdem die Frage. Und gegen jene, die den Mut und die Courage hatten zu gehen oder aufzubegehren (Wenn es auch nur wenige waren), hat Gründgens dennoch keinen "Stand", tut mir leid. Und nein, ins Volkstheater bekommen mich keine zehn Pferde ...
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