Der Hacker und sein Henker

  • "Assassinate Assange" im Wiener Brut-Theater.
    foto: arno declair

    "Assassinate Assange" im Wiener Brut-Theater.

Angela Richter zeigt ihr umstrittenes Stück "Assassinate Assange" im Wiener Brut-Theater

Wien - Ein heißes Eisen hat die deutsche Regisseurin Angela Richter mit ihrem neuen Stück Assassinate Assange angegriffen. Die im deutschen Feuilleton vieldiskutierte Arbeit ist nach ihrer Uraufführung in Hamburg derzeit - zum letzten Mal Montagabend - im Wiener Brut-Theater zu sehen.

Zehn Performer in weißen und zartrosa Affenkostümen tragen eine Auseinandersetzung mit Wikileaks-Gründer Julian Assange vor, die auf ausführlichen Gesprächen der Autorin mit dem Netzaktivisten beruht. Die Kostüme wirken wie Negativbilder der Affen in Stanley Kubricks 2001: A Space Odyssey, die Werkzeug und damit Waffen entdecken. Zugleich erinnern sie auch an die Gorillakostüme der anonymen Künstlerinnen der New Yorker Gruppe Guerilla Girls.

Das Internet ist aus dem sogenannten Arpanet des US-amerikanischen Militärs hervorgegangen. Die Kommunikationswaffe wurde so zu einem medialen Werkzeug. Doch mit Entstehen einer Hackerszene und der Gründung von Wikileaks wandte sich dieses Werkzeug gegen seine Erfinder. Hacker operieren anonym. Wie einst die Guerilla Girls.

Sich auf Julian Assange, der seine Anonymität schon vor zwanzig Jahren loswurde, einzulassen heißt aber nicht nur, ein heißes Eisen, sondern auch eine wirklich komplexe Materie anzurühren. Um diese Komplexität auf ein Theaterformat herunterzubrechen, braucht es einige Unverfrorenheit. Und die hat Angela Richter. In Assassinate Assange nimmt das Drama um Begehren und Verrat, Täter und Opfer mehr Raum ein als die Geschichte des aufständischen Netzaktivisten.

Perfekt passt die Figur von Assange in das Schema des ambivalenten Helden, das in der Popkultur immer wieder die Kassen klingeln lässt. Das versucht Richter erst gar nicht zu bereinigen. Stattdessen verweist sie auf die Problematik von Opferdiskursen. Sind die "gewikileakten" Institutionen Opfer? Ist der Leaker ein Opfer, wenn diese dunklen Imperien zurückschlagen? Und wessen Opfer sind die beiden Frauen, die in Schweden Vorwürfe gegen Assange erheben? Die letzte Frage ist die empfindlichste, und Angela Richter bereitet sie subjektiv auf.

Das öffentliche Spiel mit heißen Eisen hat - man erinnere sich an die Debatte um das Was gesagt werden muss-Gedicht von Günter Grass - zur Folge, dass ganz viele Menschen ihre Meinungen äußern. An die Fassade des Brut-Theaters etwa wurde vor der Wiener Premiere gesprayt: "Keine Bühne für Vergewaltiger." Und eine feministische Gruppe aus der Theater-, Film- und Medienwissenschaft forderte das Brut-Theater in einem offenen Brief auf, das "Projekt ,Assassinate Assange‘ abzusagen". Kann der Ruf nach Zensur ein Beitrag zur Debatte sein?

Im Stück wird aus dem Anruf einer Journalistin, die für ein Wiener Nachrichtenmagazin arbeitet, zitiert: Ob Richter mit Assange geschlafen hätte - und ob sie ein Interview mit ihm vermitteln könne. Gelächter im Publikum. Nicht zum Lachen dagegen sind die Materialien, die Wikileaks ans Licht gebracht hat. Nichts zu lachen hat auch Assange in seiner Zelle in der ecuadorianischen Botschaft in London. Angela Richter hat, künstlerisch passabel, die Widersprüchlichkeiten eines ganz realen politischen Dramas verarbeitet, das noch lange nicht zu Ende ist. Bei der Wiener Premiere gab es viel Applaus und keine Buhrufe.  (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 22.10.2012)

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16 Postings
feminist voices

"That fact that the media behaves like some kind of people’s court of mob justice in the case of Assange is very serious."
(Helene Bergmann, co-founder of Swedish feminst radio show "Radio Ellen")
http://khelenebergman.blogspot.co.uk/2012/06/j... ed-by.html

"The authorities care so little about violence against women that they manipulate rape allegations at will."
(Katrin Axelsson, spokeswoman for Women Against Rape)
http://www.guardian.co.uk/commentis... an-assange

thanks for posting those links!!! habe jetzt mal nur den ersten gelesen, da wird alles auf den punkt gebracht und zwar von einer frau und feministin. es ist echt schockierend und ich bin froh mal was vernünftiges gelesen zu haben.

Leider

war das Theaterstück kein solches. Es war eher eine Performance, die die Energien und Möglichkeiten des theatralischen Raums gar nicht genutzt hat (bzw. es vielleicht gar nicht wollte). Im Grunde war es wohl so etwas wie eine "Entertainment-Bildungscollage" für die Digital Natives - etwas, das man auch als Videoinstallation ins Netz stellen könnte, nur bitte deutlich kürzer. Wer die Anspielungen und Querverweise zuzuordnen wusste, hat sich streckenweise sichtlich gelangweilt, da auf der Bühne im Grunde nichts passierte.

Women-Against-Rape glauben die Anti-Assange-Hetze nicht

Wer wirklich nicht selbst zum Nachrecherchieren in der Lage ist findet alles dazu hier:
http://jasminrevolution.wordpress.com/2012/09/2... m-abseits/
Nur als kleine Denkanregung: Warum ist London so wild darauf, jemanden auszuliefern, der von zwei wenig glaubwürdigen Beschuldigerinnen NICHT DER VERGEWALTIGUNG (das ist reine Medienhetze), sondern eines viel geringerwertigen "sexuellen Missbrauchs" (Condom 1.nicht benutzt/2.angeblich absichtlich beschädigt) wegen angezeigt wurde? Bei Diktator Pinochet, dem Massenmörder und Massenvergewaltiger (mindestens 3000 Frauen in seinen KZs vergewaltigt, viele davon danach zu Tode gefoltert) hat London 1998 die Auslieferung unbedingt verhindern wollen! (siehe Link)

Wer immer noch von "Vergewaltigung" redet...

im Fall Assange, der ist nicht zu retten, weil hoffnungsloser Mainstream-Medien-Zombie...
Selbst die Feministische Organisation Women-Against-Rape, die Tausenden Vergewaltigungsopfern geholfen haben, halten die Vergewaltigungs-Hetze gegen Assange für eine Manipulation. Die Pappnasen-Feministinnen, die ihre Parolen ans Theater sprayen, sollten sich vorher mal besser informieren, statt sich wie Pappis Pinscher auf den nächsten Medien- Topfen hetzen zu lassen. Nachlesen kann der Recherche-Faule dies alles auf JasminRevolution oder anderen Blogs, die der offiziösen Journaille natürlich vööööllig unbekannt sind:
http://jasminrevolution.wordpress.com/2012/10/0... thos-assan

War ein einprägsames Erlebnis.
Vor allem die Polizeiprotokolle der Aussagen der beiden Frauen zu hören zu bekommen.
Und das Offensichtliche wurde noch offensichtlicher.

Seltsame Frage:Kann der Ruf nach Zensur ein Beitrag zur Debatte sein?
Es ist doch klar, dass aus der feministischen Ecke natürlich der Ruf nach Zensur kommen wird.
Nicht Genehmes zu verbieten ist schließlich totalitären Ideologien innewohnend.

Vorwürfe?

Warum wird immer noch von "Vorwürfen" gegen Assange gesprochen? Werden Vergewaltigungen in Schweden nicht angezeigt? Warum existiert bis heute (bald zwei Jahre später) noch immer keine Klage gegen Assange? Im New-Statesman wird behauptet, dass man Assange erst klagen könne, nachdem man ihn verhaftet hat. Ich dachte immer, dass die Klage zuerst kommt, dann der Prozess und zuletzt (falls schuldig) die Strafe.

Das Zauberwort lautet: Beschuldigteneinvernahme

Ohne eine solche wird idR keine Anklage erhoben. Dummerweise hat sich Assange eben dieser durch den Ausflug nach England entzogen.

Es macht ja Sinn, zunächst beide Seiten zu hören, bevor man Anklage erhebt und eine Sache vor Gericht bringt. Im konkreten Fall stellt(e) aber die eine Seite Sonderforderungen - und die schwedischen Behörden sind/waren nicht bereit, diesen nachzukommen. Was an sich ja normal ist...

Willst du tatsächlich behaupten, dass in Schweden niemand angeklagt wird, solange der Verdächtige nicht kooperiert? Das hört sich ziemlich daneben an. Ohne Zustimmung der Verdächtigen kommen die potentiellen Opfer nicht zu ihrem Recht? WTF?!?

Leseschwäche?

Ich weiß leider nicht, was sie an dem System nicht verstehen.

Natürlich kommt immer zuerst eine Beschuldigteneinvernahmen - und wenn der Beschuldigte nicht kooperiert, lässt sich die ggf auch zwangsweise durchsetzen (darum geht es ja hier). Üblicherweise ist man da auch kooperativ - weil man so evtl einen Prozess samt Untersuchungshaft und Jobverlust bereits im Vorfeld verhindern kann. Etwa, in dem man ein abgesichertes Alibi oder stichhaltige Beweismittel hat - dann wird das Verfahren eingestellt.

Wenn man dort nichts sagen will, dann hat die Justiz halt nur eine verwertbare Aussage und wird auf der Basis weitermachen - meist mit Anklage.

Ist doch eigentlich nicht wirklich kompliziert....

weitermachen

Zwangsweise kann niemand eine Einvernahme *durchsetzen*. Das nennt man nämlich Folter und ist in Europa (in den USA nicht mehr) *verboten*. Jeder Verdächtige hat das Recht zu schweigen.

Wann haben die schwedischen Staatsanwälte endlich vor weiterzumachen? Warum müssen die vermeintlichen Opfer bald zwei Jahre auf die verdammte *Anklage* warten?

Das ist schlichtweg falsch.
Er hat nachgefragt, ob er Schweden verlassen darf und das OK bekommen.
Und er hat sich in London selbst gestellt.

Ich kann es nicht nachvollziehen, weshalb konsequent Unwahrheiten verbreitet werden. Vor allem, wenn man, so man informationswillig und -fähig ist, ja an den Tatsachen nicht vorbeilesen kann.

Sie verbreiten leider juristischen Unsinn

Erstens geht es hier nach wie vor nur um eine Beschuldigteneinvernahme (was sonst, wenn es keine Anklage gibt).

Zweitens kann er sich "in London" nicht den schwedischen Behörden stellen - weil die dort keinerlei Exekutivgewalt haben. Das ginge nur via Rechtshilfe (Befragung im Auftrag durch britische Behörden), was Schweden aber nicht will. Macht jeder Staat nur in Ausnahmefällen. Und den britischen Behörden kann er sich nicht "stellen", weil die nicht ermitteln. Und deren Entscheidung akzeptiert er jetzt ja auch nicht.

Und natürlich durfte er ausreisen - allerdings wurde er geladen und ist dieser Ladung mit Gründen nicht nachgekommen, die die schwedischen Behörden nicht akzeptieren konnten/wollten.

Macht jeder Staat nur in Ausnahmefällen?

Anscheinend ist es nicht einmal selten. Anfang des Jahres sollen die Schweden einen Mordverdächtigen in Serbien verhört haben.
http://shar.es/cvsSv

Wozu soll dieser Mutual Legal Assistance act denn sonst gut sein?
http://www.government.se/sb/d/2710/a/15268

Assange ist ganz klar ein Ausnahmefall.

Nein SIE verbreiten den Unsinn ob jur. oder nicht

Selbstverständlich kann eine Staatsanwaltschaft in Ausnahmefällen eine Befragung im Ausland durchführen (auf Spesen reisen) oder durchführen lassen -und wenn dies kein Ausnahmefall ist, was dann?
Allein die Interpol-Fahndung wegen des angeblich (laut sehr zweifelhaften Beschuldigungen) begangenen Delikts ist in der Rechtsgeschichte einmalig -es ist ein Fall von politischer Justiz gegen einen Regimekritiker, alle anderen Erklärungen sind an den Haaren herbei gezogen.

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