Skipisten-Streit: "Die Bulgaren müssen ihre Natur nützen können"

Interview |

Laut Tseko Minew, Bankier und Chef von Bulgariens Skiverband, herrscht ein "Diktat" der Umweltaktivisten

STANDARD: Welche Rolle spielen die Wintersportunternehmen Ulen und Vitosha Ski beim Ausbau der Skiorte in Bulgarien? Trifft es zu, dass Ihre Bank die Investitionen dieser Firmen finanziert oder koordiniert?

Minew: Ich bin persönlich nicht an diesen Firmen beteiligt. Ein Blick ins Handelsregister zeigt, dass ich weder bei den Aktionären bin noch eine Funktion in der Verwaltung habe. Es ist sinnlos, dass wir diese Frage weiter erläutern. Die Bank wiederum kann im Prinzip nichts koordinieren, sie vergibt Kredite an Investoren. Die First Investment Bank hat zusammen mit der Bank Austria tatsächlich Projekte der Firma Ulen in Bansko unterstützt - mit Krediten. Auf dieselbe Weise hat die First Investment bei der Privatisierung einiger Lifte auf dem Witoscha Kredite an Vitosha Ski vergeben.

STANDARD: Die bulgarischen Medien schreiben trotzdem seit Jahren, dass Sie hinter den Firmen stehen. Beide sind auf den britischen Jungfern-Inseln registriert ebenso wie Anteilseigner Ihrer Bank.

Minew: Das sind Leute, die von weißen Mäusen träumen. Auf diesen Inseln sind Millionen von Unternehmen registriert, die in verschiedenen Industriebereichen investieren wie überall auf der Welt. Das ist ein Zufall. Ich habe 28,94 Prozent dieser Bank. Sie ist ein öffentliches Unternehmen, das strikt den bulgarischen Gesetzen folgt. Das Kapital der Anteilseigner ist gemäß den rechtlichen Auflagen aufgebaut. Diese eineinhalb Prozent von Aktionären auf den Jungfern-Inseln gehen mich nichts an.

STANDARD: Als das Forstgesetz geändert wurde, kam es zu Protesten in Sofia. Nehmen Sie die Einwände der Umweltaktivisten ernst oder sehen Sie andere Motive?

Minew: Vielleicht ist das die eigentliche Frage des Interviews. Als Präsident des bulgarischen Skiverbands ist es unmöglich, dass ich keine Meinung zu diesen Protesten habe. Die Bulgaren müssen das Recht haben, die Gegebenheiten ihrer Natur zu nützen wie die Bürger anderswo in der EU. In Österreich gibt es tausende Kilometer an Pisten, tausende Lifte, eine fantastische Infrastruktur. All das natürlich im Einklang mit der Natur. Und denken Sie an die Bedeutung des Wintertourismus für die Wirtschaftsleistung in Österreich, der Schweiz oder anderswo. Das möchten wir auch in Bulgarien haben.

Was Ökologisches aber sehen Sie in der Argumentation dieser Leute - und so steht es auch in dem neuen Gesetz -, die wollen, dass bestimmte Flächen aus dem Forstbestand ausgeschlossen werden und zwar nur für den möglichen Fall des Ausbaus von Liften und Skipisten? Und die sich damit in Flächen verwandeln, die urbanisierbar werden? Was für eine ökologische Denkart ist das? Dazu kommt noch im Fall des Witoscha-Gebirges, dass der Verwaltungsplan des Naturparks Witoscha den Ausschluss von Waldflächen verbietet. Ich denke, dieses Absurdum, das wir heute haben, die Blockierung eines jeglichen Ausbaus der Infrastruktur, war das eigentliche Ziel dieser sogenannten Ökologen.

STANDARD: Hat der zuständige Ausschuss im bulgarischen Parlament Sie um Ihre Meinung oder Ihren Rat gefragt, als das neue Forstgesetz ausgearbeitet wurde?

Minew: Ich glaube nicht, dass meine Meinung als Chef des Skiverbands in diesem Fall die wichtigste ist. Ich wollte deshalb etwas auf der Seite bleiben. Während der letzten Ausschusssitzung, bevor das Gesetz ins Plenum kam, gab es noch eine große Versammlung, zu der Investoren, Architekten, Vertreter von NGOs eingeladen waren. Wir waren mehr als 60 Personen.

Ich erinnere mich leider nur an eine große Kakofonie ohne irgendein sinnvolles Ergebnis. Aber ich erlebte während dieser Debatte etwas Unglaubliches. Vor dem ganzen Ausschuss und in Anwesenheit sogar einiger anderer Minister reichte der Landwirtschafts- und Forstminister Naidenow Herrn Toma Belew, der sich als Chef einer Koalition zur Bewahrung der Natur in Bulgarien versteht, einen schwarzen Filzstift. Und dann forderte er ihn auf, die letzten Änderungen an diesem Gesetzentwurf vorzunehmen, so, wie Belew es wolle. Alle seine Korrekturen kamen ins Gesetz. Das neue Forstgesetz wurde also unter dem Diktat einer grünen Koalition angenommen, unter Missachtung der Ansicht und der Kompetenz des bulgarischen Parlaments.

STANDARD: Belew, der frühere Direktor des Naturparks Witoscha, hat in einem Gespräch mit dem STANDARD erklärt, Sie hätten bei einem Treffen mit ihm alle rechtlichen Einwände gegen einen Ausbau der Skianlagen auf dem Berg weggewischt. War das so?

Minew: Mir hat keiner etwas vorgelegt. Ich weiß auch nicht, in welcher Eigenschaft Herr Belew mir gegenüber seine Einwände erhoben hätte. Ich bin nicht Vitosha Ski. Dieses Gespräch hat nie stattgefunden.

STANDARD: Wo würden Sie die Linie ziehen zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung Bulgariens und dem Erhalt von Naturparks?

Minew: Die richtige Balance ist die Lösung. Ein Drittel des bulgarischen Territoriums ist Gebirge. Wir haben 90 Gipfel über 2000 Meter und nur fünf wirkliche Wintersportorte. Das Potenzial ist aber viel größer, es könnten zehn bis 15 sein. Dieses Land hat 3,9 Millionen Hektar Forst laut der staatlichen Forstbehörde. Nimmt man die jetzigen fünf Sportorte und die geplanten Bauinvestitionen zusammen, sind lediglich 12.000 Hektar Wald betroffen. Das sind also 0,003 Prozent des ganzen Waldbestands in Bulgarien. Diese Zahl zeigt, wo man die Linie ziehen soll. (Markus Bernath, DER STANDARD, 22.10.2012)

Tseko Minew (52) ist ein Gründer und Mehrheitsaktionär der First Investment Bank, der größten bulgarischen Bank, sowie Präsident des bulgarischen Skiverbands.

Chronologie: Streit um Skipisten und Liftanlagen

Dezember 2011 Vitosha Ski, Eigentümer der Liftanlagen auf dem Witoscha-Berg am Stadtrand von Sofia, stoppt den Betrieb für die Wintersaison unter Hinweis auf legale Zwänge. Die Regierung legt Entwurf für neues Forstgesetz vor für den Ausbau von Pisten und Lifte. Umweltaktivisten sprechen von "Erpressung" der Regierung.

März 2011 Posten der Naturpark-Direktoren werden neu besetzt.

14. Juni Forstgesetz passiert Parlament, Straßenproteste in Sofia. Präsident Plewneliew legt Veto gegen das Gesetz ein.

25. Juli Parlament nimmt überarbeitetes Forstgesetz an, das faktisch keine neuen Investitionen erlaubt. Vitosha Ski kündigt Klage in Brüssel an.

9.-11. Oktober Zweiter großer Waldbrand auf dem Witoscha in diesem Jahr. Die Ursache soll natürlicher Art sein.

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