Arioses Auswärtsspiel

  • Erwin
Schrott in seinem humorigen Element: als Figaro im gleichnamigen
Staatsopern-Gastspiel in Tokio.
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    foto: wiener staatsoper / michael pöhn

    Erwin Schrott in seinem humorigen Element: als Figaro im gleichnamigen Staatsopern-Gastspiel in Tokio.

Die Wiener Staatsoper kann auch auf logistisch anspruchsvollen Reisen ihre Form halten: Beim Japan-Gastspiel präsentierte sie "Salomé" und "Figaro", zwei Altinszenierungen mit frischer Besetzung

Alle vier Jahre drängt sich so ein Nippon-Gastspiel auf, und es ist für Logistik wie Beteiligte durchaus ein die Ausdauer testender Marathon. Dominique Meyer etwa wird quasi zum Weltreisenden: Der Staatsoperndirektor war schon in Tokio, ist aber schon wieder weg; es gibt auch in Wien "Kleinigkeiten" zu erledigen. Der tägliche Vorstellungsbetrieb läuft ja weiter, während 350 Personen einige Wochen lang in jenem fernen Land Oper zelebrieren, das vielen Klassikunternehmen Tourneeeinnahmen beschert.

Allerdings geht der Gastspieleinfädler bald noch einmal für elf Stunden in die Lüfte, um dem Japan-Finale der Seinen beizuwohnen. Diesmal ohne China-Zwischenstopp, wo er unlängst ebenfalls war, um einen Staatsopernbesuch (für 2017) anzubahnen.

Die Mühe lohnt sich für die Staatsoper nicht nur markentechnisch - sie rentiere sich auch, betont Meyer. Wie viel, mag er nicht verraten. Aber man mache Gewinn mit dieser Reise, die Salomé, Figaro, Anna Bolena und die Kinderzauberflöte nach Tokio und Yokohama bringt. "Sonst würden wir es nicht machen", so Meyer, der in Japan auch Dirigent Lorin Maazel traf, um dessen Rückkehr an die Staatsoper so allmählich in die Wege zu leiten.

Lange Containerreise 

Das Gastspiel dauert von 6. Oktober bis 6. November, die Vorbereitungen jedoch begannen vor zwei Jahren. Und bereits Mitte August waren 27 Container aufgebrochen, um mit Dekorationen, Kostümen und sonstigem gesättigt, nach Japan verschifft zu werden. Es dauert bis ans Ziel. Die 100 Tonnen Operngut brauchen etwa sechs Wochen, um, hoffentlich unbeschadet, anzukommen und dann jener Menschen zu harren, die auf insgesamt 75 Flügen in Sachen Oper unterwegs sind.

Einer war nicht dabei. Musikdirektor Franz Welser-Möst hat sich an der Hand verletzt und musste Salomé absagen. Eingesprungen ist Peter Schneider - und zwar fulminant. Das philharmonische Staatsopernorchester entfaltet in der Bunika Kaikan (2300 Personen passen in den nüchternen Mehrzweckraum) jene schnittige Verve, die nötig ist, um der Strauss-Partitur Aufgeladenheit zu verleihen. Das passt gut zu Gun-Brit Barkmin, die im Rahmen dieser jugendstilartigen Altinszenierung Salomés mörderische Zuneigung zum letztlich erfolgreich geköpften Jochanaan (profund Markus Marquardt) so differenziert wie exaltiert absolviert.

Die Besucher klingen zufrieden. Man könnte sich fast in Wien wähnen, wäre da nicht der Beginn des Abends gewesen. Da schien eine poetische Lautsprecherstimme ein melancholisches Gedicht vorzuhauchen. Wie Übersetzungsrecherchen ergaben, übermittelte sie allerdings nur die Bitte, auf Fotoschüsse und Handyeinsatz zu verzichten.

Tags darauf in der Kenmin Hall (2500 Plätze) von Yokohama, eine halbe Busstunde von Tokio entfernt: Die Vorrede ist nüchterner und Mozarts Figaro-Musik dann auch nicht energiegeladen wie bei Salomé. Peter Schneider setzt auf sanfte Tempi, und das Orchester klingt ein bisschen wie eine entschlummernde Schönheit. Hier fehlen die markanten Akzentuierungen. Und was von ihnen erahnbar bleibt, verpufft ein bisschen im Riesenraum. Immerhin die Besetzung: Erwin Schrott ist ein wendiger Figaro, der hernach an Fans diszipliniert Unterschriften verschenkt. Und er ist Conte d‘ Almaviva (nobel Carlos Alvarez) ein würdiger Gegenpart. Das Ensembleumfeld (etwa Barbara Frittoli als Gräfin) holt sich ebenfalls berechtigt Zuspruch - nach einer Inszenierung von Jean-Pierre Ponelle, die schon Karajan erlebt hat.

2016 steht wieder ein Gastspiel an. Man spricht, so Meyer, über den Rosenkavalier und etwas von Wagner. Auch dann werden alle nach Japan reisenden Künstler und Techniker wohl bei der Passkontrolle einem Automaten ihre Fingerabdrücke anvertrauen und von sich ein Foto knipsen lassen müssen. Auch dann werden sie sich, sofern mit der U-Bahn unterwegs, wundern, dass in Tokio jede Station ihre eigene putzige Melodie hat, die Ankommende begrüßt. Nur die Tsunami- und Atomkatastrophe wird womöglich kein Thema mehr sein.

Bei diesem Gastspiel jedenfalls lagen Strahlenfragen in der Gastspielluft. Mit der Staatsoper angereist war ja auch eine Spezialistin, die (bis dato nur entwarnende) Messungen vornahm - bezüglich des Essens, wie ein Aushang verdeutlicht. "Wer sein Frühstück gemessen haben möchte, bitte ein Gefäß im Büro der Wiener Staatsoper abholen ..." Und - dann mit dem zu testenden Omelett gefüllt - zu Doktor Horrak bringen. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 22.10.2012)

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