Von Wikipedia überrollt: Der Untergang des Duden-Verlags

21. Oktober 2012, 13:23

Wie das Internet das Lexikon-Geschäft in die Knie zwang.

Von dem einst erfolgreichen Mannheimer Verlag Bibliographisches Institut (BI) wird nicht mehr allzu viel übrig bleiben, meldet die Nachrichtenagentur dpa. Das Internet und allen voran Wikipedia haben die Lexikon-Branche in ihrer alten Form einer Belastungsprobe unterzogen, die nicht alle überstanden haben. Von den 190 Mitarbeitern stehen 140 vor der Kündigung, in Mannheim sollen noch etwa 20 vor Ort bleiben, ein paar andere könnten mit nach Berlin umziehen, wo die BI-Mutter Cornelsen die Aktivitäten bündeln will.

Duden lebt weiter

In Berlin wird dann auch die Rechtschreibfibel Duden weiterproduziert. Gewinne konnte das BI in den vergangenen Jahren nicht mehr erwirtschaften. Dabei war nicht der Duden das Problem, sondern die Tatsache, dass durch das Internet große Teile des Geschäfts weggebrochen sind. Vor allem das Weblexikon Wikipedia mit seiner nahezu unerschöpflichen Fülle an Informationen - auch zu den abseitigsten Themen - ließ immer mehr Menschen die Frage stellen: Warum soll ich mir für viel Geld ein mehrbändiges Lexikon kaufen, wenn ich Informationen mit ein paar Mausklicks im Internet bekommen kann - und zwar kostenlos?

Geschäft aufgegeben

Dabei hatte der Verlag sogar versucht, selbst Kapital aus dem Internet zu schlagen. 2008 wollte man eine Art Brockhaus-Online in Konkurrenz zu Wikipedia aufbauen, das über Werbung finanziert werden sollte. Aus dem ambitionierten Plan wurde nichts, Brockhaus wurde danach an den Bertelsmann-Konzern abgegeben und das BI gab das Lexikon-Geschäft auf.

Brockhaus lebt

Die Bertelsmann-Tochter Wissenmedia verkauft die 2005 von BI produzierte 21. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie weiter. 2015 oder 2016 soll eine neue Edition erscheinen. Es gebe immer noch genügend Leute, die sich so ein Werk in das Regel stellen wollten, ist der Verlag überzeugt. Es wird allerdings auch eine digitale Version geben. (red, derStandard.at, 21.10.2012)

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Wikipedia ist kein Brockhaus

Ich erinnere mich sehr gut an eine Teilübung im Rahmen der Vorlesung "Gesellschaftliche Spannungsfelder der Informatik". Aufgabe war es fehlerhafte Artikel in der WP zu finden und zu korrigieren. Falls die Korrektur mehr als 7 Tage in der WP "überlebte" bekam man Punkte. Meines Wissens hat das niemand geschafft, bei ~800! Studenten(nicht alle werden sie natürlich gemacht haben). Kritisch zu betrachten ist auch die Autorschaft der WP. Außerdem fließen persönliche Weltbilder und Meinungen zu stark und subtil in die Artikel ein. Z.B. Las ich einen Artikel über CloudComputing. Ein Absatz beschäftigte sich mit dem Datenschutz und der Verfasser nannte die damit verbundenen Probleme in einem Atemzug mit Google. Ist das professionell genug?

"Es gebe immer noch genügend Leute, die sich so ein Werk in das Regel stellen wollten [...]"

Aber darin nachschlagen tut sowieso keiner ... Schade ums Papier!

Wikipedia...

die Mutter aller Seminararbeiten ;-)

Die Leute ham damals sicher auch gsudert, wie das Telefon die Telegraphen vom Markt vertrieben hat. Ist halt mal so, wenn sich was weiterentwickelt.

Wenn der BI früher reagiert hätte und mit Wikipedia irgendein Abkommen geschlossen hätte, als die Seite noch im Aufbau war, wäre das sicher auch gut ausgegangen. Oder selbst ein ähnliches Portal gestartet...

Stattdessen haben sich die trägen Dinosaurier halt gedacht, dass das Internet ne Modeerscheinung ist, die eh bald vorbei geht :)

... ist auch ein bischen so, wie bei VHS gegen Betamax... es setzt sich nicht umbedingt das "bessere" durch... und *gerade* obskure Dinge (oder moralisch (oder politisch?) an den Rand gedraengte) erzeugen oft eine hohe Nachfrage...

http://de.wikipedia.org/wiki/Form... ekorder%29

PeAcE

Zitieren allein genügt nicht, auch die Ursachen lesen.

..?
Ich schrieb doch, dass die Nachfrage nach "obskuren Dingen" eine der Haupt-Triebfedern war..? In dem Fall die Anzahl der verfuegbaren Videos im Verleih und Verkauf... vor Allem der Videos, die man nicht umbedingt mit der Familie ansieht...

Oder meinen Sie etwas Anderes?

PeAcE

Nun ja, ich war da gedanklich eher bei der seriöseren Seite und der Betrachtung, dass der VHS-Beatmax streit eher firmenpolitische Gründe als Nachfragegründe hatte.
Gerade die Wikipedia als nicht proprietäres System mit einem der Proprietätsmeister zu vergleichen, muss schiefe Ergebnisse zur Folge haben.
Wobei wir dann schon fast nahtlos bei der Frage des Sinnes und Unsinnes des geistigen Eigentums incl. dessen Verwalter wären.

Um die Riesen-Wälzer ist es schade..

.. aber es war schon lange absehbar.

Worum es NICHT schade wäre: Wenn damit auch gleich die Wikipedia-Ätzer verschwinden würden. Jene altgedienten (Latein-)Lehrer, die Intelligenz nach der Zahl der gespeicherten Zitate bemessen, die sie zu jedem F*rz absondern.

ich glaube, Sie haben nicht ganz verstanden, worin der Unterschied zwischen Bildung und dem Nachschlagen in WP besteht.

Bitte erklären Sie mir den Unterschied.

Das ist leider der Lauf der Zeit, Hufschmiede gibt es

auch nicht mehr viele...

So sterben einige Branchen vor sich hin und führen einen sinnbefreiten Abwehrkampf, statt ihre erheblichen Energien in etwas Neues zu stecken.

Also das war wirklich seit Jahren vorherzusehen...

Natürlich ist der Niedergang von Duden nachvollziehbar. Ich frage mich nur, ob die kommenden Jahrzehnte in ferner Zukunft dadurch auffallen werden, dass sie keine schriftlichen Quellen hinterlassen haben.
Selbst die Nationalbibliothek will ja dazu übergehen, einen Großteil der Bücher nur noch in elektronischer Version zu archivieren.
Bei Papier wissen wir, dass es hunderte, ja vielleicht sogar Tausende Jahre hält. Bei digitalen Datenträgern können wir davon ausgehen, dass wir eine permanente Wartung brauchen. Andernfalls sind die Inhalte für immer verloren.

"... permanente Wartung ..."

Sehe ich nicth so als Problem.

Eher dass einem der grosse Diktator den Draht zur Info abdrehen kann.

Beides ist ein Problem

Auch Papier muss ständig in einer von Menschen unterhaltenen Umgebung aufbewahrt werden.
Ob ich jetzt alle 30 Jahre das Gebäude oder alle 10 Jahre (bei qualifizierten Datenträgern länger) die Datenträger renoviere, dürfte auf Speichermenge gerechnet, beim Datenträger günstiger sein.
Die Durchführung ist eine organisatorische und keine Frage der technischen Machbarkeit.

Ich habe Bücher aus dem 17. Jahrhundert und Photos aus dem 19. Jahrhundert.
Der Wartungsaufwand dieser Dinge war minimal. Sie wären selbst bei Zerstörungen durch Feuer oder Feuchtigkeit noch fragmentarisch verwertbar.

Wenn ein Datenträger kaputt ist, sind oft genug alle Daten verloren. Ich wäre pessimistisch, dass eine DVD mehr als 50 Jahre übersteht.

Jahre

Ich waere auch aeusserst skeptisch, ob in 50 Jahren noch ein Laufwerk und ein Computer aufzutreiben sind, um DVDs auszulesen.
Vor nicht all zu langer Zeit habe ich 5,25 und 3,5"-Disketten verwendet, es liegen hier noch wo welche rum, ein Diskettenlaufwerk habe ich schon lange nicht mehr, auch kein Laufwerk fuer die DAT-Kassetten, obwohl ich glaube, dass der Dreck sowieso schon lange nicht mehr lesbar ist.

Es verwendet auch niemand DVD´s in professioneller Datenspeicherung.
Das macht man z.B. so:
http://www.nb.admin.ch/nb_profes... ml?lang=de

Es fehlt einfach die Langzeiterfahrung mit den neuen Medien!

Nochmal von vorne. Bei der professionellen elektronischen Datenspeicherung ist die Langzeitlebensdauer irrelevant, sie haben keine.
Das ist eine Organisationsfrage.

Themaverfehlung!
Es geht sicher nicht um Quellen, die professionell gespeichert werden. Sehr oft sind für die Historiker gerade Quellen, die den Alltag reflektieren interessant.
Firmendaten würden in Zukunft ein sehr verzerrtes Bild darstellen.

Wir sprechen hier vom Duden und Bibliotheken.
Wo ist jetzt die Themenverfehlung ?

Insbesondere ist es viel einfacher, riesige Datenbestände in digitaler Form jedes Jahrzehnt automatisiert in ein neues Format / auf einen neuen Datenträger zu migrieren.

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