Bleib, Blackberry!

21. Oktober 2012, 10:38
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Der Niedergang der Smartphones mit Volltastaturen ist ein schlechtes Omen für unsere Kommunikationskultur

Die New York Times hat vor kurzem die vernichtendste Kritik über ein elektronisches Gerät abgegeben, die man sich überhaupt vorstellen kann: Nutzer der ehemaligen Kulthandys Blackberry würden sich heute bereits dafür schämen, ihr Smartphone vor anderen herauszunehmen, weil es nicht so cool wie ein iPhone oder Samsung Galaxy  sei.

Auch ich bin seit fast einem Jahr stolzer Besitzer eines iPhone und bin sehr zufrieden damit. Davor aber habe ich jahrelang mich gegen die Applemanie gewehrt und habe ein Nokia E71 und E72 , die dem Blackberry nachempfunden sind, genutzt, während meine Kollegen rundherum schon längst auf iPhone umgestellt waren.

Erst als mein Dienstgeber, der Standard, mir für mein Diensthandy keine Wahl mehr ließ, gab ich nach.

Mein Widerstand hatte einen guten Grund: Das iPhone ist toll zum Surfen, Musikhören, Navigieren, Fotografieren, Spielen, und auch Email-Lesen. Bloß schreiben kann man darauf kaum.

Bei aller Übung bleibt die virtuelle Tastatur für längere Texte unbrauchbar. Man vertippt sich ständig, und nicht alle Fehler werden von der zugegebenermaßen hervorragenden Autokorrektur ausgebessert – manche sogar verschlimmbessert.  Die Zeile „von meinem iPhone gesendet“ in der E-Mail-Signatur bedeutet: „Entschuldigt die Fehler, auf diesem Ding geht es halt nicht besser.“

iPhone-Texte ähneln daher den klassischen SMS-Nachrichten: Kurz, fragmentarisch, ohne jede sprachlichen Nuancen.

Auf meinem Blackberry-artigen Nokia habe ich hingegen schön formulierte SMS, lange Emails, und auch so manchen Artikel verfasst  - und das dank Daumentechnik in hohem Tempo. Auch diesen Blog hätte ich auf dem Nokia schreiben können (bloß die Blog-Softwäre hätte nicht funktioniert, aber das ist eine andere Geschichte), auf dem iPhone nie.

Aber offenbar besteht kein Bedarf mehr, unterwegs ordentliche Texte zu verfassen. Auch Geschäftsleute kaufen fast nur noch iPhones und iPhone-Kopien. Handys mit Volltastatur werden immer weniger angeboten. Auch Nokia wechselt mit seinem Lumia 900 ins iPhone-Lager.

Das ist ein böses Zeichen für die Entwicklung unserer Kommunikationsgesellschaft. Wir wollen möglichst rasche, schön aufbereitete Informationen. Aber bei der Mitteilung unserer eigenen Gedanken begnügen wir uns mit Schreibinstrumenten, die uns auf das Niveau von Tafelklasslern bringen.

Deshalb mein Appell: Zeigt jedem, der ein Blackberry oder Ähnliches  zückt, euren Respekt und sogar Bewunderung, damit sie sich nicht schämen müssen, und fragt beim Kauf eines neuen Handys dezidiert nach Volltastaturen. Vielleicht haben die Hersteller Einsicht und entwickeln endlich Produkte, die wunderbare Bildschirme mit kleinen, festen Tasten kombinieren. Es würde viel dazu beitragen, die Qualität unserer zwischenmenschlichen Kommunikation wieder zu verbessern.

  • Blackberry in der Krise.
    foto: epa/mast irham

    Blackberry in der Krise.

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