Türkische "Märtyrer"-Welt

20. Oktober 2012, 11:03
28 Postings

Soldaten, die im Dienst sterben, bekommen in der Türkei automatisch den Titel "Märtyrer". Für Zivilisten soll das nun auch gelten.

Ein Märtyrer wird man in der Türkei – leider – schnell. Im Morgenfernsehen wird die Zahl der toten Soldaten der Nacht vermeldet, - allesamt neue „Märtyrer“. Zu Mittag hält der Regierungschef wieder eine Brandrede gegen Israel oder Syrien, die seine Staatsbürger bei Angriffen zu „Märtyrern“ gemacht haben, abends sitzt man auf einem der großen Fährschiffe über dem Bosporus, die den Namen eines „Märtyrers“ tragen; ein halbes Dutzend gibt es davon in Istanbul. Der Soldatentod ist Teil des türkischen Alltags.

Für den heutigen Kontinentaleuropäer ist das alles einigermaßen befremdlich, kriegserprobte Angelsachsen mögen sich leichter tun und darin etwas von ihrem Respekt vor den Toten und versehrten Veteranen der Nation erkennen. Doch das „Martyrium“ liegt nun schon einigermaßen weit aus dem Gesichtsfeld des modernen Menschen. Langes Leiden und bewusst auf sich genommener Tod für den eigenen Glauben ist eher etwas für schauerliche Ikonen und muslimische Selbstmordattentäter mit dem vermessenen Anspruch, ihre Tat zu rechtfertigen.

Beim türkischen „şehit“ aber, dem „Märtyrer“, geht Einiges durcheinander: Verklärung von Soldatentum und Vaterland, religiöse Untermalung für den Dienst an der Waffe, politische Vereinfachung, Sinnstiftung und Hilfe für die emotionale Bewältigung beim Tod eines Nahestehenden.

Als Anfang September auf einen Schlag 25 Soldaten bei der Explosion in einem Munitionsdepot in Afyon starben und zu „şehitler“ erklärt wurden, rebellierten die Hinterbliebenen. Nicht allein, weil der Verdacht nahe lag, dass der Tod ihrer Ehemänner und Söhne wenig mit Märtyrertum zu tun hatte, sondern sehr viel mehr mit unglaublicher Fahrlässigkeit von Vorgesetzten: Den 20 bis 25 Jahre alten Männern wurde befohlen, nachts Granaten in zwei Container zu stopfen; die Munition hätte – türkischen Medienberichten zufolge – korrekt auf fünf Container verteilt werden müssen. Die Familien der toten Soldaten waren wütend, weil im Benachrichtungsschreiben des Verteidigungsministeriums stand: „Märtyrer geworden durch eine Naturkatastrophe“. „Natürlich“ war an der Explosion eines Munitionsdepots aber nun wirklich nichts.

Das Ministerium erklärte später, es habe keinen entsprechenden Fall im Gesetz gefunden und deshalb „Naturkatastrophe“ gewählt. Die gesetzlichen Bestimmungen würden nun überarbeitet. Tatsächlich legt das Militärgesetz MSY 439 A zehn Fälle fest, um einem Soldaten den Status des „Märtyrers“ zu verleihen. Darunter ist der „Tod bei Erfüllung einer dienstlichen Aufgabe“, was wohl auch auf die Situation bei der Explosion des Munitionsdepots in Afyon zutrifft. In zwei Abschnitten des Gesetzes werden Einschränkungen bei offenkundiger „Disziplinlosigkeit oder Nachlässigkeit“ gemacht (Tod im Einsatz bei der „inneren Sicherheit“ und beim Untergang/Absturz/Explosion eines Militärvehikels); verstorbene Verteidigungsminister, Generäle und Admiräle können auf Wunsch ihrer Familien ebenfalls zu „Märtyrern“ erklärt werden.

Wie absurd und zugleich tragisch der Titel „şehit“ sein kann, zeigt der Fall von Sevag Balikçi, eines 25-jährigen Türken armenischen Ursprungs. Er war an einem 24. April – dem Gedenktag des armenischen Völkermords – im vergangenen Jahr von seinem „besten Freund“ in der Einheit erschossen worden; „aus Versehen“, hieß es zuerst, die jungen Männer alberten herum, aus dem Gewehr von Kivanç Agaoglu löste sich ein Schuss. Später korrigierte einer der damaligen Zeugen seine Aussage: Agaoglu hätte seine Waffe entsichert und auf Balikçi geschossen. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder läuft noch. „Şehit“ Balikçi war offenbar wegen seiner Glaubenszugehörigkeit gestorben, aber offiziell fürs türkische Vaterland.

Balikçis Tod hat etwas Bewegung in den Begriff des „Märtyrers“ gebracht. An der Totenmesse in einer armenischen Kirche in Istanbul nahmen auch hohe Militärs teil. Eine Diskussion darüber, ob auch Nicht-Muslime „şehit“ sein dürfen, hat die regierende konservativ-islamische AKP schnell abgestellt; gar keine Frage, entschied etwa Bekir Bozdag, einer der stellvertretenden Ministerpräsidenten. Nur Muslime können „Märtyrer“ sein, hatte zuvor der Chef der rechtsnationalistisch-religiösen MHP, Devlet Bahceli, behauptet.

Mittlerweile werden auch türkische Zivilisten zu Märtyrern. Regierungschef Tayyip Erdogan hat die toten Gaza-Aktivisten beim Sturm auf die Mavi Marmara im Mai 2010 „Märtyrer“ genannt, was im Zusammenhang mit den tödlichen Schüssen israelischer Soldaten natürlich einen religiös-politischen Sinn erhielt. Aber auch die Mutter mit ihren Kindern, die Anfang des Monats beim Einschlag eines syrischen Artilleriegeschosses in ihrem Haus starb, wurde ein „şehit“. Man kann darin ein weiteres Zeichen für die Entmilitarisierung der türkischen Gesellschaft sehen, die Erdogan und seine AKP betreiben; oder aber genau das Gegenteil: Jeder Türke ein Soldat des Vaterlandes, Uniform hin oder her. Die Ausweitung des „Märtyrer“-Kreises hat auch eine schlicht finanzielle Seite. Die Hinterbliebenen toter Soldaten erhalten im Allgemeinen Schadenersatz von rund 50.000 Lira (etwa 21.000 Euro) und eine Pension. Will der Staat auch die Familien normaler Bürger entschädigen, die bei Terroranschlägen und Militäreinsätzen umkommen oder auch im Dienst der Allgemeinheit, braucht er einen Rechtstitel. Familienministerin Fatma Şahin hat nun einen Gesetzentwurf zur Unterstützung "ziviler Märtyrer" vorbereiten lassen.

„Märtyrer“-Verbände kritisieren die Idee der „sivil şehitler“ als „unglückselig“. Als die Regierung auch für die 35 Schmuggler Entschädigung zahlte, die bei einem Bombenangriff der türkischen Luftwaffe im Dezember 2011 an der Grenze zum Irak ums Leben kamen, waren die „Märtyrer“-Verbände außer sich. Einen Schmuggler könne man wohl kaum mit einem Soldaten gleichstellen, empörten sie sich. Im Märtyrer-Gesetz gibt es zudem sogar einen Abschnitt über Soldaten, die im Kampf gegen Schmuggler getötet werden. Die Armee hatte die Schmuggler in Uludere für PKK-Kämpfer gehalten. Entschuldigt hat sich für das Bombardement niemand. Stattdessen gibt es ja den Titel „Märtyrer“...

Share if you care.