Masel muss der Mensch haben

19. Oktober 2012, 19:39
posten

Marko M. Feingold präsentiert seine wiederaufgelegten Erinnerungen: Ein 99-jähriger Jude blickt auf ein Jahrhundert zurück

Salzburg - Im Mai des kommenden Jahres wird Marko M. Feingold 100 Jahre alt. Zum 99. Jubiläum hat der Otto-Müller-Verlag den Erinnerungsband des 1913 im heute zur Slowakei gehörenden Banská Bystrica (damals Besztercebánya/Neusohl) Geborenen wiederaufgelegt. Der immer noch rüstige Salzburger stellt Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh am Montag in der Halleiner Stadtbücherei vor.

Feingold wuchs mit zwei Brüdern und einer Schwester in der Wiener Leopoldstadt auf. Gern streifte er durch den Prater, wo er von den Peitscherlbuam, Pülchern und Prostituierten viel für die späteren Jahre in den Konzentrationslagern lernen sollte. Feingold absolvierte dann eine Lehre als kaufmännischer Angestellter.

Nach dem Einmarsch von Hitlers Wehrmacht in Österreich flüchtete Marko Feingold nach Polen und in die Tschechoslowakei. Von Prag aus wurde er gemeinsam mit seinem Bruder nach Auschwitz deportiert. Es folgten Neuengamme, Dachau und Buchenwald. In allem Unglück hatte Feingold Glück, denn als er in Auschwitz bis auf 30 Kilogramm abgemagert und nicht mehr arbeitsfähig war, sollte er in Neuengamme verbrannt werden - das dortige Krematorium befand sich aber noch im Bau.

Schließlich erlebt Feingold - im Gegensatz zu den ermordeten Geschwistern - die Befreiung in Buchenwald. Der Zufall verschlug ihn dann 1945 nach Salzburg, wo er jüdischen Displaced Persons bei der Ausreise half. Von 1948 bis 1977 führte er ein Modegeschäft, 1979 wurde er zum zweiten Mal Vorsitzender der Kultusgemeinde. Schon 1951 war er im Zuge von Protesten gegen einen Veit-Harlan-Film wieder Zeuge antisemitischer Ausschreitungen geworden. Davon weiß Feingold ebenso zu erzählen wie über die aktuelle Fremdenfeindlichkeit in Österreich. (Gerhard Dorfi, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

Stadtbücherei Hallein, 06245/808 82, 22.10., 19.30

Share if you care.