Der Ösi als Held

19. Oktober 2012, 19:03
9 Postings

Irgendwo war zu lesen, Felix Baumgartner sei nun berühmter als Barack Obama.

Irgendwo war zu lesen, Felix Baumgartner sei nun berühmter als Barack Obama. Was für Österreich sicher stimmt. Nicht einmal für Österreich dürfte hingegen gelten, was "Österreich" Dienstag titelte: "Der Sprung, der die Welt veränderte." Das Land wirkt total unverändert, was nicht zuletzt mit Medien wie "Österreich" zu tun hat. Der Herausgeber zeigte sich seiner Berufung gewachsen und fellnerte: "Felix hat dem ganzen Land Flügel verliehen. Ein Überschall-Kolumbus. Ein Freefall-Vasco-da-Gama. Ein Hightech-Neil-Armstrong. Hat das in die Tat umgesetzt, was keiner für möglich gehalten hat."

Gerade noch gleichzeitig mit "Heute" schaffte er es, ein doppelseitiges Poster des "Überschall-Kolumbus" ins Blatt zu rücken, und weil es so originell ist, wollte "News" dabei sein: "Wir haben dem Salzburger Extremsportler ein Riesenposter gewidmet." Aber da zeichnete sich schon ab, dass andere sehr wohl "für möglich gehalten" haben, was der "Freefall-Vasco-da-Gama in die Tat umgesetzt" hat, und zwar schon vor zehn Jahren. "Der Wiener Ivan Trifonov wollte im freien Fall aus der Stratosphäre springen - was nun Felix Baumgartner tat", berichtete der "Kurier" am Mittwoch. "Ich gönne Felix Baumgartner den Erfolg. Aber das ist mein Projekt. Ich habe Lust, ihn zu klagen, aber ich habe nichts Schriftliches in der Hand, und auch nicht die finanzielle Power von Red Bull, um das durchzuziehen. Also muss ich zusehen, wie er mein Projekt als seines verkauft."

Die "Krone" zog einen Tag später nach und sprach säuerlich von "immer skurrileren Plagiatsvorwürfen", besorgt, ein großer Österreicher könnte den Ruhm des anderen verdunkeln. "In Amerika ist Felix Baumgartner mittlerweile so bekannt wie ein bunter Hund. Wenn das mit dem Rummel so weitergeht, kann er bald sogar unserer Steirischen Eiche in Hollywood Konkurrenz machen."

Die Häufung heimischer Helden wird allmählich Anlass zur Sorge. Manfred Deix sah in "News" schon große Söhne und Töchter schockweise aus der Stratosphäre purzeln. Der "Kurier" ging Donnerstag unter dem Titel "Jedes Land hat seine Spinner" der Frage nach, "warum es in Österreich so viele risikofreudige Gratwanderer gibt." Ein Sportpsychologe gab die Antwort. "Wir Österreicher sind ein Volk mit einer Lust an der Grenzüberschreitung. Unser ganzes Nationalbewusstsein ist ja zwischen Größenwahnsinn und Verzweiflung angesiedelt." Das kommt davon, wenn man es aus dem Boulevard bezieht.

So konnte "Heute" berichten: "Unterwasser-Felix" schafft Tauch-Rekord. Nach Felix Baumgartners Sprung aus der Stratosphäre stellte jetzt auch Freitaucher Christian Redl im Himalaya einen "Höhenrekord" auf. Es handelte sich dabei um "den höchsten Freitauchgang aller Zeiten", und der ging so vonstatten: "Christian tauchte im Himalaya-Gebirge auf über 5000 Meter Höhe drei Minuten lang ohne Sauerstoffflasche im nur zwei Grad kalten Gokyo-See". Gewiss "eine unglaubliche körperliche Leistung, denn auf dem Berg wird in dieser Höhe die Luft so dünn, dass sich nur 14 Prozent Sauerstoff darin befinden". Da ist Tauchen besser.

Es war in der "Presse", wo Professor Rudolf Taschner der Leistung des "Hightech-Neil-Armstrong" einen überraschenden Aspekt abgewann. "Es ist durchaus wertvoll zu wissen, dass die Ballonfahrt und der Sprung Felix Baumgartners zu keinen neuen physikalischen Einsichten geführt haben. Denn es ist beruhigend zu erfahren, dass die elementaren Gesetze der Physik unverrückbar auch in Situationen gelten, die von den meisten Beobachtern als buchstäblich überirdisch empfunden werden." Sollte Professor Taschner, als Baumgartner sich anschickte, springend die Welt zu verändern, doch leicht beunruhigt gewesen sein, er könnte dank Red Bull auch "die elementaren Gesetze der Physik" verrücken? Das zu wissen wäre "durchaus wertvoll". So aber konnte der Physiker Werner Gruber den Luftsprung seines letzten Erkenntniswerts berauben: "Echte Lebensgefahr sieht anders aus."

Ganz anders, wie Franz Welser-Möst in "News" "das Phänomen Baumgartner und seine Bedeutung" zu relativieren sich bemühte. "In der großen Musik ist etwas Gefährliches. Das kann ans Leben gehen". Beispiele? "Mein Kollege Sinopoli starb 2001 während einer "Aida"-Vorstellung in Berlin am Pult. Felix Mottl und Joseph Keilberth brachen an derselben Stelle im zweiten Akt "Tristan" tot am Pult zusammen. Daraus ersieht man, dass sich auch ein Künstler manchmal für oder gegen den Sprung aus der Stratosphäre entscheiden muss." Und das ohne Red Bull. (Günter Traxler, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

(FOTO) zu Der Ösi als Held
Share if you care.