Aufbruch in die Moderne

  • Grandioses Finale: Christian Nickel (Lord 
Windermere), Andrea Jonasson im Marlene-Dietrich-Outfit 
(Mrs. Erlynne) und Pauline Knof (Lady Windermere) in Oscar Wildes 
"Fächer". 
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    foto: erich reismann

    Grandioses Finale: Christian Nickel (Lord Windermere), Andrea Jonasson im Marlene-Dietrich-Outfit (Mrs. Erlynne) und Pauline Knof (Lady Windermere) in Oscar Wildes "Fächer". 

Andrea Jonasson wickelt alle um den Finger: Sie brilliert als Mrs. Erlynne, die sich selbstbewusst über Konventionen hinwegsetzt

Und sie verhilft der soliden Inszenierung von "Lady Windermeres Fächer" in der Josefstadt zu einem fulminanten letzten Akt.

Wien - Vor knapp einem Jahr hatte im Akademietheater Ein idealer Mann Premiere. Nun zog das Theater in der Josefstadt mit Lady Windermeres Fächer nach. Die beiden Komödien von Oscar Wilde sind, was Inhalt und Aufbau betrifft, nicht unähnlich. Man befindet sich in der besseren Gesellschaft Londons, stößt auf Menschen mit dunkler Vergangenheit, es geht um Liebe und Intrige, um hohe moralische Prinzipien, Ideale eben, und niedrige Instinkte.

Der ideale Gatte ließ sich, wie Elfriede Jelinek mit ihrer Version bewies, glänzend mit der gegenwärtigen Korruption in Österreich verknüpfen. Auch in Lady Windermeres Fächer gibt es ein paar treffende Sätze, die zeitgenössischer nicht sein könnten, etwa wenn es gleich zu Beginn heißt: "Die Menschen von heute scheinen das Leben als eine Spekulation anzusehen." Der Komödie fehlt aber die politische Dimension. Zudem sind die Zeiten, in denen ein Fächer als verräterisches Accessoire dienen konnte, passé. Eine Verortung in der Gegenwart geht sich beim besten Willen nicht aus.

Regisseur Janusz Kica und Bühnenbildnerin Karin Fritz verlegten die Handlung dennoch - von der viktorianischen Zeit in die 1920er-Jahre, als die Moderne so richtig begann. Auf Plüsch und Zierrat wird konsequent verzichtet; als Metapher für die brüchig gewordene Moral ist die Rückwand der puristisch gestalteten Guckkastenbühne voll Krakelüren: wie gediegenes Porzellan, deren Glasur zahllose Risse bekommen hat.

Wagnisse ging Kica allerdings keine ein. Er setzt lediglich auf Rasanz: Er peitscht die Schauspieler an die Rampe - und lässt sie nach ihren Minidialogen sofort wieder abtreten. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen, und manchmal, etwa während des mit Coverversionen von Bryan Ferry untermalten Hausballs, zu dem die Lady einlädt, gibt es zu viel der Unruhe. Zudem lässt Kica ohne Pause durchspielen. Das hingegen tut dem Abend gut. Denn dieser vermag sich von Akt zu Akt zu steigern - mit der zunehmenden Verweildauer von Andrea Jonasson.

Auch wenn schon in den ersten Minuten der Aphorismusklassiker "Ich kann allem widerstehen, außer der Versuchung" fällt: Pauline Knof als Lady Windermere und Martin Niedermair als ihr Verehrer mühen sich unbeholfen ab. Auch Christian Nickel fügt sich ein: Sein Lord Windermere ist nichts als ein idealer Gatte - ohne Fehl, ohne Tadel, ohne Sex.

So dürfen die Nebenrollen glänzen. Sona MacDonald spritzt als exaltierte Herzogin von Berwick mit zusammengekniffenen Augen Gift; Alexander Waechter serviert als Mr. Dumby jeden Satz knochentrocken. Gideon Singer ist als Butler wieder einmal die treue Seele. Und der leicht dümmliche Lord Augustus Lorton des André Pohl erlebt seinen herzerfrischenden letzten Liebesfrühling.

Andrea Jonasson aber, gekleidet wie die Dietrich, spielt sie alle an die Wand: Nicht nur die Männer auf der Bühne verfallen ihr. Selbstbewusst setzt sie sich über gesellschaftliche Konventionen hinweg - und zum Schluss brechen zarte (Mutter-)Gefühle aus ihr heraus. So nebenbei animiert sie im vierten Akt auch Knof und Nickel zur Profilierung. Bravo. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

Nächste Termine: 20. und 21.10.; 1., 2., 19., 22., 23., 24. und 26.11.

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3 Postings
Wenn jemand wie Andrea Jonasson auf der Bühne steht, fällt leider

plötzlich auf, welch mediokres, schauspielerisch wie sprachlich irrelevantes Darstellerpersonal sonst ständig die deutschsprachigen Bühnen bevölkert. Was daran schuld ist, weiß ich nicht, aber für die Zukunft schwant mir nichts Gutes.

Schon deshalb gilt es,

die Gegenwart - zumindest die mit der Jonasson! - ausgiebig zu genießen: was für eine Stimme, was für eine Allüre!

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