Der Geifank macht die Stadt unsicher

Kolumne19. Oktober 2012, 18:03
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Ein anhänglicher Charakter

Seit es das Fahrrad gibt, gibt es auch den Fahrraddieb. Der eine gehört zum andern wie der Schatten zum Licht, wie Laurel zu Hardy, wie Faymann zu Spindelegger. Kaum hatte Karl Freiherr von Drais sein Laufrad (1817) erfunden, trat umgehend der erste Laufraddieb in Aktion. Den Laufraddieben folgten, in chronologischer Reihenfolge, die Kurbelvelozipeddiebe, die Hochraddiebe, die Junodiebe, die Dreiraddiebe, die Niederraddiebe und die Mountainbikediebe.

1948 drehte Vittorio de Sica seine "Fahrraddiebe" ("Ladri di Biciclette"). In den Umfragen der Filmkritiker - Was ist der beste Film aller Zeiten? - landet Ladri di Biciclette nach wie vor regelmäßig auf den ersten Plätzen. Kein Wunder. Auch Filmkritiker wissen um den Schmerz, den der Radfahrer empfindet, wenn ihm das Fahrrad gestohlen wird.

Die historische und geografische Allgegenwart des Fahrraddiebs hat alle Fahrradfahrer seelisch geprägt. Jedes Mal, wenn sich ein Radfahrer dem Ort nähert, wo er sein Fahrrad angekettet hat, da tut er es mit dem klassischen Wird-es-noch-dasein-Feeling, das ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist. Ungut.

Als wären wir von Fahrradieben nicht genug gequält, gibt es auch noch den Geistesschwachen Fahrradanketter ("Geifank"), der uns sekkiert. Kürzlich, als ich vor dem Fitnesscenter mein Rad von einem Verkehrszeichen loseisen wollte, stellte ich fest, dass ein Geifank sein Rad mit einem dicken, fetten Kettenschloss an den Rahmen (!) des meinen angekettet hatte.

Peinsam, weil man durch ein angekettetes Zweitrad stark am Gebrauch des eigenen Rades gehindert wird. Weder kann man bequem aufsitzen, und schon gar nicht kann man fahren. Und ein Fahrrad, mit dem man nicht fahren kann, hat in Wahrheit seine Existenzberechtigung verfehlt.

Ich hatte Glück im Unglück. Der Geifank war nicht auf ein halbes Jahr ins Ausland gereist, sondern hatte, als ich ein paar Stunden später wieder nach meinem Rad sah, in der Zwischenzeit seines von dem meinem losgekettet und war spurlos verschwunden.

Leider spurlos, sonst hätte ich ihn gefragt, was jemanden dazu bringt, sein Rad an ein anderes zu ketten. Zerstreutheit? Scherzbedürfnis? Torheit? Bosheit? Sexuelle Perversion? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es ihn gibt, den Geifank. Ein urbaner Lästling, der nicht von Pappe ist. Hüten Sie sich vor ihm! (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

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