Ökoschuster Heinrich Staudinger

19. Oktober 2012, 18:06
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Wenn einer dem Finanzsystem auf die Füße tritt

Heinrich Staudinger, der stets nur "Heini" genannt wird, hat seit jeher Erfahrung mit dem Unmöglichen. Mit dem für andere Unmöglichen.

Begonnen hatte es Ende der 1970er-Jahre, als dem damals 27-jährigen Bummelstudenten aus Schwanenstadt der "Earth Shoe" aus Dänemark auffiel. Auf dem standen sie, die damals aufkommenden Umweltbewegten.

Der Sohn eines Kaufmanns schnorrte Geld und fuhr los - per Anhalter nach Kopenhagen. Den Schlafsack habe er in einem Park versteckt, berichtete er später - damit die in der Firma nicht merken sollten, wie hoffnungslos abgebrannt er war. Und er bestellte die angesagten Erdenschuhe - im Wert von 300.000 Schilling (rund 22.000 Euro).

So hatte Staudinger den an sich unmöglichen Einstieg geschafft und verkaufte die erste Lieferung aus Dänemark im ersten Shop in der Wiener Josefstadt, den er GEA nannte. Nach der griechischen Erdgöttin - und als Abkürzung für "Gesunde Alternative".

Wegen dänischer Lieferschwierigkeiten bezog Staudinger später die ästhetisch leicht gewöhnungsbedürftigen Umwelttreter von der Waldviertler Schuhwerkstätte, die mithilfe von Sozialminister Alfred Dallinger (SPÖ) gegründet worden war. Mitte der 1990er-Jahre übernahm er selbst den krisengebeutelten Schuhbetrieb.

Später kamen Taschen, Möbel und Betten dazu - und alles wird nach hohen Ansprüchen der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit produziert. Der Betrieb wurde komplett nach dem Grundsatz der Bescheidenheit inmitten der konsumwütigen Gesellschaft ausgerichtet: "Nie ist zu wenig, was genügt", lautet ein Motto Staudingers. So verdient niemand mehr als das Doppelte des geringsten Lohnes.

Jetzt steht Staudinger vor der nächsten unmöglichen Herausforderung: Er will die Finanzmarktaufsicht (FMA) bezwingen. Denn um seinen Betrieb ausbauen zu können - und so mehr als 100 Arbeitsplätze in der Krisenregion Waldviertel zu schaffen -, hatte er sich von Privaten Geld ausgeborgt. Insgesamt drei Millionen Euro, für die er jährlich Zinsen ausschüttet.

Für die FMA ist dies ein "Bankgeschäft ohne Konzession". "Ich bin kein Verbrecher, kein Betrüger und habe niemanden um einen Groschen betrogen", hält dem Staudinger entgegen, der immer wieder darauf hinweist, dass es seit der Lehman-Pleite mit seinem Geschäft "steil bergauf" gehe: "Je mehr die Systeme wanken, umso mehr muss es Bürgerrecht sein, sich selbst zu organisieren." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

  • Heinrich Staudinger, der nur "Heini" genannt wird.
    foto: standard/corn

    Heinrich Staudinger, der nur "Heini" genannt wird.

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