Frankfurter Buchmesse, Altersheime und andere Abgründe

19. Oktober 2012, 17:55
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Von Julya Rabinowich

Die einen schießen sich ins All, um das Gefühl der eigenen Belanglosigkeit und das große Ganze wahrzunehmen. Die anderen fahren nach Frankfurt zur Messe. Diese hat bei mir Wirkungen und Nebenwirkungen, über die weder Arzt, Apotheker noch Verleger informierten, aber auch einen völlig unerwarteten Aspekt entfaltet, nämlich mich sehr jung aussehen lassen. Ein Nesthäkchen.

Nicht dass all die anderen Teilnehmer so viel älter gewesen wären. Neben allen Nationali täten waren alle Altersklassen vertreten. Diese Spannbreite war beruhigend, ein Beweis für die Schreibfähigkeit in jeder Phase des Lebens. Ein Vorteil, den weder Tänzer noch Akrobaten noch andere Spitzensportler genießen. Man sollte nur einen klitzekleinen vernachlässigbaren Haken bedenken. Hat man das Alter des Fräuleinwunders hinter sich gelassen, gibt es nur noch eine kurze Durststrecke bis zur Altweiberweisheit zu bewältigen. Aber ich bin da optimistisch.

Wenn gar nichts klappen sollte, empfehle ich einen nur zu diesem Zweck angestellten, unbedingt verheirateten Haushälter, und mit diesem dann eine Affäre, die ohne Rücksicht auf Verluste vermarktet wird: der ARD-Stand wurde geradezu von einem Publikumstsunami überrollt, als Arnie seine Buchpräsentation abhielt. Ganz im Sinne eines Bildungsauftrags, was man in seinem Leben besser anders machen sollte. Nebenbei dürfte er laut Ohrenzeugen angemerkt haben, Österreich sei im Jahre 1945 besetzt gewesen. Wenn es denn so gewesen sein sollte: Vielleicht ist unter diesem Blickwinkel seine Politkarriere in den USA als logische Folge des Stockholmsyndroms zu betrachten. Arnie wirkte botoxbedingt ungerührt frisch.

Kachelmann, der Memoiren mit dostojewskireifem Titel - angelehnt an Schuld und Sühne - präsentierte, wirkte hingegen aufgrund der einstweiligen Verfügung und des Verkaufsstopps seines Werks etwas zerknautscht. Aber das alles erklärt natürlich nicht, warum ich mich diese berauschenden drei Tage lang so frisch wie absurd zu fühlen begann. Die Erklärung ist simpel. Während einige Kollegen im Nobelhotel residierten, hatte ich es wieder geschafft, meine Reise zu spät zu planen, verdankte nun das Dach über dem Kopf nur freundschaftlicher Intervention vor Ort, und zwar im Altersheim. Dort entdeckte ich: Jugend ist definitiv relativ.

Am Tag: Big Business im Bücherschungel. Des Abends: massives Rollatoraufkommen beim Lift. Der schmale Grat zwischen Dolce Vita im Frankfurter Hof und dem Lebensabend in Abgeschiedenheit führte mich schnell an den Rand der Lebenskrise. Für weiteres Schreibmaterial war dankenswerterweise gesorgt. Die Revolution gebar fleißig ihre Kinder, damit sie genug zum Fressen hatte. Bon appétit. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

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