Ausstellung in Graz zeigt hunderte Privatfotos von Wehrmachtssoldaten

Colette M. Schmidt
19. Oktober 2012, 18:40
  •  "Einer für alle!" schrieb ein Soldat auf dieses Foto, das in Russland entstand. Das Bild zeigt den Moment, als ein junger Mann erfährt, dass er als Geisel erschossen werden soll.
    foto: privatbesitz reinhard kahr

    "Einer für alle!" schrieb ein Soldat auf dieses Foto, das in Russland entstand. Das Bild zeigt den Moment, als ein junger Mann erfährt, dass er als Geisel erschossen werden soll.

Im Museum Joanneum sind geheime Alben aus den Schränken der Großväter zu sehen

Graz - "So sieht es im blöden Russland aus", schrieb ein Wehrmachtssoldat in den 1940er-Jahren auf die Rückseite einer Fotografie. Daneben sind die Namen der Kameraden notiert, die Abzüge des Fotos haben wollten. Es ist eines von vielen hunderten, die seit Freitag in der Schau Fremde im Visier in der Multimedialen Sammlung des Universalmuseums Joanneum zu sehen sind.

Die privaten Bilder, die Wehrmachtsangehörige an der Front machten, sind höchst unterschiedlich: Landschaften aus besetzen Ländern wie Norwegen oder Frankreich, die wie Urlaubsfotos anmuten, oder Farbdias, die zeitlich ganz nah scheinen, würde nicht dort und da eine rote Hakenkreuz-Armbinde aufblitzen. Aber in einem der drei Räume gibt es auch brutale Aufnahmen von Hinrichtungen oder Verwüstungen von Synagogen in Osteuropa, auf denen Soldaten stolz posieren.

Die NS-Soldaten fotografierten besonders viel, "viel mehr als etwa die Armeen der Alliierten", erzählt die Hamburger Kuratorin Petra Bopp, die in Graz von der Historikerin Petra Scheibenlechner unterstützt wurde, "denn sie sollten damit die NS-Ideologie verbreiten."

Beweismaterial

Ab 1941 wurde es den Wehrmachtssoldaten verboten, Hinrichtungen oder Massenerschießungen zu fotografieren. Wie zahlreiche schockierende Bilder der Ausstellung zeigen, hielten sich viele nicht an dieses Verbot. So schufen sie Beweismaterial etwa für die Verbrechen in Polen.

Bevor die Ausstellung nach Graz und damit erstmals nach Österreich kam, wurde sie bereits in vielen Städten Deutschlands und in den Niederlanden gezeigt. Das Joanneum ermutigte zuvor Steirer, die eigenen Familienalben zu bringen. 88 Alben, 908 lose Fotos und 345 Dias langten ein. Teile davon werden in drei Extravitrinen der Ausstellung gezeigt.

Kuratorin Bopp bekam besonders viel Resonanz aus der dritten Generation, also jener der Enkel. Während die Kinder der Nazis von "versteckten Alben des Großvaters, die er heimlich ansah", oft gar nichts wissen wollten, seien die Enkel interessiert an einer Aufarbeitung. Auch ein paar alte Kameras sind zu sehen. Ein Exponat, das ein Grazer brachte, ist die durch einen Einschuss zerstörte Leica seines Großvaters. Die Kamera rette dem Mann, der sie umgehängt hatte, das Leben. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

Share if you care
22 Postings
Naja

ich hab mir die fotos angesehen und nebenbei eine selchwurst verspeist. die wurst hat mir trotzdem geschmeckt.
wenn man sich solche bilder ansieht muss man sich auch in diese zeit hineinversetzen. das macht vieles leichter!

Wahnsinn das Photo

Es erzählt Geschichte, sodass es mir eine Gänsehaut aufzieht.
Der Gesichtsausdruck pure Verzweiflung, der Hintergrund abgeklärt bis amüsiert, aber der einzelne Soldat hinten rechts scheint zweifelnd, als ob er auch selbst den eisigen Vorgriff des Todes spüren würde.
Dazu das Arrangement, falls das nicht nur ein Ausschnitt ist müsste man meinen, der junge Mann wäre abscheulicherweise wegen des künstlerischen Anspruches des Photographen hingerichtet worden.
Als ob ein Gemälde aus Realität gemalt würde.

P.S. und ja, es ist grässlich, es ist verabscheuungswürdig, aber es ist im Auge des sensibilisierten Betrachters das beste Antikriegsbild das ich bis jetzt gesehen habe

88 alben

zufälle gibts...

zu erwähnen ist noch, daß bei der ausstellung freier eintritt ist.

Ein schreckliches Bild.

War sowas fürs private Album gedacht? Welches Glück, dass der Krieg so ausgegangen ist und nicht andersrum.

In der Tat ein schreckliches Bild, ebenfalls schrecklich finde ich aber auch Ihre Naivität zu glauben, Grausamkeit und Menschenverachtung seien ein Monopol irgendwelcher Nationen siehe Milgram-Experiment & Co

D.h. aus heutiger Sicht der Dinge

wäre es Ihnen also egal, ob die Achsenmächte den Krieg gewonnen hätten?
Ja, schrecklich naiv von mir, mir etwas anderes zu denken.

schon wieder einer der irrtümlich annimmt länder würden kriege gewinnen oder verlieren.......

in kriegen verlieren immer die menschen und gewinnen immer irgendwelche konzerne und kartelle, die sich daran dumm und dämlich verdienen - in diesem fall wären das die ig farben (bayer, basf, höchst), standard oil, ibm, union banking, etc, etc....

warum müssen Sie sich eines Totschlagsarguments bedienen, um Totschlag zu geißeln?

Das ist der einzige logische Schluss, der sich aus Ihrem Post ergibt, tut mir leid.

Es geht ja hier nicht darum, dass bei den Alliierten nur Mutter Theresas im Einsatz waren, sondern welchen möglichen Kriegsausgang man für den besseren hielt, oder?

warum wird die ausstellung nicht in wien gezeigt?

diese frage kann wirklich nur von sehr, sehr wizen menschen beantwortet werden. bei der frage, wie sie von wien nach graz kommen, kann ich ihnen behilflich sein, so sie dies wünschen.

vielen dank für das nette anbot!
nachdem die ausstellung bis 1.9.2013 läuft, wird
sich wohl ein weg finden lassen

Lassen wir der Peripherie doch auch ein bisserl Kultur!

Das ist aber nett von Ihnen, dass Sie den Menschen außerhalb Mundlhausens ein „bisserl Kultur“ gönnen. Vielleicht können Sie Ihnen dann auch noch beibringen ordentlich mit Messer und Gabel zu essen, denn außerhalb der Wiener Gemeindebau-Hochkultur und abseits der zutiefst vergeistigten Wiener Durchschnittsbevölkerung, ist es manchmal echt schwer den zivilisatorischen Anschluss nicht zu verpassen.

chapeau!!

Damit ihr Wiener endlich merkt's, dass nicht allein auf der Welt seid's.

Wenn wir Steier in die Oper wollen oder uns ein Rockkonzert geben, müssen wir auch ins g'schi.. Wien fahren.

Also Oper und Schauspielhaus in Graz sind so schlecht nicht.

Xöchta!

1226
19.10.2012, 20:32

Weil dann, genau wie bei der Wehrmachtsausstellung, wieder die ganzen FPÖ-nahen Rechtsextremen mobil machen würden und wir zu feige sind uns darüber hinwegzusetzen?

Äpfel und Birnen...

...Die Wehrmachtsausstellung damals war nicht an geschichtlicher Aufarbeitung interessiert, sondern an Propaganda wie zahlreiche, aus dem Zusammenhang gerissene Fotos bewiesen. So etwas ist nicht nur unseriös, sondern spielt jenen Verherrlichern des 3. Reichs, die auch sie so verachten, direkt in die Hände und schadet damit der Sache.

Weil die Krone dagegen ist.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.