"Wir sind reif für Schrumpfungsthematik"

21. Oktober 2012, 18:42
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Simone Hain forscht über Leerstand, Schrumpfung und Lösungsmöglichkeiten

Simone Hain forscht über Leerstand, Schrumpfung und Lösungsmöglichkeiten. Maik Novotny sprach mit ihr darüber, welche Zukunftschancen in alpinen Regionen wie Eisenerz bestehen.

STANDARD: Sie haben lange Zeit über Schrumpfung in Deutschland geforscht. Wie steht Österreich im Vergleich da?

Hain: Beim Thema Schrumpfung heißt es oft, dass das ohnehin nur die ehemalige DDR betrifft. Das stimmt aber nicht. Auch wenn die Abwanderung hierzulande nicht so drastisch ist, ist Österreich reif für dieses Thema.

STANDARD: Hier betrifft es vor allem alpine Regionen. Woran liegt das?

Hain: Das liegt nicht unbedingt an den Alpen. In Orten wie Eisenerz geht es um industrielle Schrumpfung. Damit verbunden ist ein gewisses urbanes Anspruchsdenken. Diese Haltung findet man in deutschen Städten mit ähnlicher Problematik ebenso. Bei Dörfern gibt es mehr Vereinzelung und Egoismus. In kleinen Ortschaften tut man sich auch schwerer, Mittel gegen den Leerstand zu finden.

STANDARD: Viele setzen ihre Hoffnung auf den Tourismus. Inwiefern kann das Gewerbe vor Ort dadurch profitieren?

Hain: Einerseits verschärft sich der Wettbewerb der Tourismuszen tren immer mehr. Auf der anderen Seite gibt es aber auch im Tourismus eine starke Schrumpfung, von der meines Erachtens viel zu wenig gesprochen wird. In Kärnten beispielsweise sterben reihenweise Gasthöfe. Eisenerz hat das "Erzberg Rodeo" und den Wintertourismus, aber von den 5000 Besuchern im Jahr kommt kaum jemand in die Altstadt.

STANDARD: Wie sollte man also als Investor am besten vorgehen?

Hain: Wir brauchen mehr Realismus - und keine rosaroten Brillen! Wenn man sich wie hier in einem Schrumpfungsumfeld befindet, dann kann man nicht ohne weiteres mit marktrelevanten Entwicklungen rechnen. Für Eisenerz gab es Dutzende von Studien, aber die meisten waren unternehmerisch sehr naiv. Man sollte schon wissen, wie man eine Marke etabliert und wie lange das dauert.

STANDARD: Was können die Kommunen tun?

Hain: Eine Möglichkeit ist, mit den Nachbarorten zu fusionieren. Kleine und vor allem verstreute Gemeinden werden meist erst dann wahrgenommen, wenn sie sich zusammentun. (DER STANDARD, 20./21.10.2012)

Simone Hain ist seit 2006 Professorin für Stadt- und Baugeschichte an der TU Graz. Die Architekturhistorikerin forscht über Kulturlandschaften im Wandel und und begleitete unter anderem die Regionen Voitsberg und Eisenerz.

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