"Und heute stehe ich vor einer Wand"

Reportage | Frank Herrmann aus San Antonio
21. Oktober 2012, 08:31

Sie fühlen konservativ und wählen demokratisch: Die Latinos könnten das Duell ums Weiße Haus entscheiden

Es ist ein ziemlich grobkörniges Foto, mit den Jahren vergilbt. Doch für Maria Mayela Rocha, die es säuberlich herausgeschnitten hat aus der Standard-Radio Post in Fredericksburg, Texas, ist es viel mehr: Damals, am 3. März 1993, war das Mädchen ausgesucht worden, um George und Barbara Bush im Rahmen einer Museumseröffnung mit artigem Knicks einen Blumenstrauß zu überreichen. Der Präsident nahm sie auf seinen Arm, beide lächelten um die Wette in die Kamera. Damals lebten die Bushs schon nicht mehr im Weißen Haus, aber was machte das schon? Für Maria war er immer noch "El Presidente".

Das Leben in der neuen Heimat schien eine gute Wendung zu nehmen. "Doch heute stehe ich vor einer Wand", sagt sie und versucht, nicht allzu verbittert zu klingen. "Vor einer Mauer, über die du nicht klettern kannst."

1990, als Mario und Rosa Rocha ohne Greencard aus Mexiko nach Texas zogen, die dreijährige Tochter im Schlepptau, fragte niemand groß nach Papieren. Texas brauchte billige Arbeitskräfte. In der Schule gehörte Maria immer zu den Besten. Später konnte sie Pädagogik studieren, weil die Eltern alle Ersparnisse zusammenkratzten. Nun will Maria Lehrerin werden - nur muss sie erst das Examen bestehen, und fürs Examen wird sie nicht zugelassen, weil sie keine Dokumente besitzt. Keine Sozialversicherungsnummer, um genauer zu sein. "Verrückt. Die Lehrer haben dir immer erzählt, in Amerika kannst du alles schaffen, wenn du es wirklich willst. Und dann scheitert es an einer Nummer."

Als Barack Obama Präsident wurde, hofften die Latinos auf eine Einwanderungsreform, de facto eine Amnestie, die zwölf Millionen Immigranten aus der Grauzone holen sollte. Vergeblich. Nach dem Gezerre um die Gesundheitsreform glaubte Obama, kein Kapital mehr für einen weiteren Kraftakt zu haben. Im Juni folgte eine Order, in der nicht nur Obamas Kritiker ein Wahlkampfmanöver sahen: Junge Hispanics, die mit ihren Eltern in die USA gekommen waren, sollten bleiben dürfen, zunächst für zwei Jahre. Ein Provisorium, aber auch eine Atempause. "Wir arbeiten mit dem, was wir kriegen können", sagt Alfredo Lozano, Marias Anwalt in San Antonio. Immerhin: Obamas Weg führe nach vorn.

Die Republikaner dagegen haben einen derart rabiaten Ton gegenüber den Latinos angeschlagen, dass Maria Rocha fürchtet, ein Präsident Mitt Romney könnte sie tatsächlich aus dem Land jagen.

Die Hispanics werden bei der Wahl die Königsmacher sein, die entscheiden, wer im Weißen Haus regieren wird. Obama braucht sie, um den zu erwartenden Einbruch im Milieu weißhäutiger Männer auszugleichen. Romney muss sie umwerben, denn mit den laut Umfragen nur 27 Prozent aus ihrem Elektorat kann er kaum gewinnen.

"El Presidente 2016"

Julián Castro lässt an einen blitzgescheiten Studenten denken, an eines dieser Genies, die mit ihren Professoren mindestens mithalten können. Er ist 38, steht in einem historischen Saal, einem umgebauten Pferdestall, vor einem Präsidium von Grauschöpfen und spricht über erneuerbare Energien. Es ist die Welt des Julián Castro, der im Übrigen mit typisch amerikanischer Großspurigkeit verkündet, San Antonio bis 2020 zur kreativsten Stadt der Welt machen zu wollen.

Aus Mexiko stammend, brach Castros Großmutter Victoria die Schule nach vier Klassen ab, um fortan für reiche Leute zu kochen. Victorias Tochter Rosie stieß zu La Raza Unida, der Bürgerrechtspartei der Mexican-Americans.

Julián studierte Jus in Harvard, mit 34 wurde er Bürgermeister San Antonios, der siebtgrößten Stadt der USA. Ihr Wahrzeichen ist die frühere Missionsstation Alamo, für stolze Texaner ein Heldenschrein: 1836 hielten dort 189 Freischärler 13 Tage die Stellung, um nicht vor dem mexikanischen General Antonio López de Santa Anna kapitulieren zu müssen. Am Ende wurden sie überrannt und getötet und mit der Zeit immer patriotischer verklärt - jedenfalls von den Anglos, den Angelsachsen. Rosie Castro sprach hingegen von einer "Bande von Betrunkenen und Betrügern und sklavenhaltenden Imperialisten". Ju lián gibt sich cool und neutral: "Alamo ist Texas' wichtigste Touristenattraktion."

In dem Mann mit dem Burschengesicht sehen seine Fans den ersten Hispanic, der es ins Oval Office schaffen könnte. Maria Rocha nennt ihn bereits? "El Presidente 2016", mit einem leicht spöttischen Lächeln, weil es doch recht verwegen klingt. Ein Präsident namens Castro - allein schon der Gedanke mache ihr Mut. Die Zeit, so hofft Maria, arbeitet für sie. (Frank Herrmann aus San Antonio, DER STANDARD, 20.10.2012)

Wissen: Die Latinos in Texas

Texas ist nach Kalifornien der US-Staat mit der zweithöchsten Zahl an Latinos: Rund 9,4 Millionen Latinos leben im an Mexiko grenzenden Staat, das macht ebenso wie bei Kalifornien einen Bevölkerungsanteil von 37,6 Prozent aus.

Ihre Arbeitslosenquote liegt mit 25,3 Prozent viel höher als im texanischen Durchschnitt (17,2). Auch verfügen über 39 Prozent der hispanischstämmigen Wähler in Texas über keinen High-School-Abschluss (Matura). Im bundesstaatlichen Mittel sind es bloß 15 Prozent.

Texas, seit 1845 Teil der USA, nahm erstmals 1848 an Präsidentenwahlen teil und wählte bis 1928 ausschließlich - und danach vorwiegend - demokratisch. Erst Ronald Reagan läutete 1980 die Wende ein: Heute gilt Texas als republikanisches Kernland. (gian)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 46
1 2

Julian Castro? Und ich dachte die Gefahr der kommunistischen Unterwanderung wäre nur Propaganda. Aber ehe man sich versieht, schickt der Castro einen Neffen als US-Präsidentschaftskandidat ins Rennen.

Also die Latinos in der Grauzone haben keine Dokumente bzw. Sozialversicherungsnummer und kriegen keinen Job deswegen. Aber wählen gehen dürfen sie??

Wie kommen sie darauf, dass sie keinen Job bekommen? Die meisten arbeiten (vor allem dort, wo sich die anderen zu gut dafür sind, etwa als Obst- und Gemüsepflücker) und sie zahlen auch fleißig Steuern. Sie wollen ja keine Probleme mit dem IRS bekommen.

Sie fühlen konservativ und wählen demokratisch

Bei der Überschrift hätte ich mir schon eine tiefergehende Analyse über die konservativen Werte der Latinos erwartet.

Und "weißhäutig"? Ist das jetzt der politisch korrekte Begriff für "weiß"?

.

das sind halt jene die ueberwiegend spanische gene haben, die mit ueberwiegend vor-kolumbianischen genen werden da nicht eingerechnet, in mexiko ist das ja etwa 50/50

Latinos ist ja auch keine Rasse. Die meisten Latinos sind ja auch Weiße!

Der politisch korrekte Begriff ist : "Non-Hispanic Whites"

Die Kinder der Atzteken und Konquistadoras.

Ist ein Highschool Abschluss wirklich das gleiche wie eine Matura? Bei uns haben nämlich ca. nur 40% eine Matura.

Von den Befaehigungen her ja, vom Niveau her keinesfalls.

Ja, ist das gleiche. Man kann es aber nicht mit einer HTL oder HAK vergleichen, da in einer Highschool hauptsächlich allgemein gebildet wird.

Der Unterschied zu uns ist wohl das man die Schule abbrechen muss falls man nicht bis zum Abschluss zur Highschool gehen muss. Bei uns ist das etwas anders.

Dafür ist ein Schlosser oder Elektriker aus Amerika auch nicht das gleiche wie bei uns. Die haben meist nur ein paar Kurse gemacht, als Elektriker ein paar Sicherheitsregeln gelernt und einen kleinen Test bestanden, und schon sind sie tolle Facharbeiter, zumindest drüben. Ich habe schon öfters mit amerikanischen Montagefirmen zusammengearbeitet und dabei die tollsten Sachen erlebt!

The american dream

Ich glaube, dass in den USA viele die Hoffnung haben auch einmal Reich zu werden um dann ebenfalls nichts abzugeben.

Latinos entscheiden? Eher nicht. Die sind vielleicht ein Faktor in Nevada oder Colorado. Die braucht Romney, wenn er Ohio verliert. Entschieden wird die Wahl falls es knapp werden sollte (bei über 2% Unterschied kann man das electoral college getrost vergessen) im mittleren Westen - Ohio, Iowa, Wisconsin, Michigan, Pennsylvania.

pennsylvania ist nicht einmal mit bauchweh

im mittleren westen ansiedelbar. selber us-highschool-absolvent?

Die geschilderten Schwierigkeiten sind ein großes Ärgernis.

Eine erfolgreiche Studentin soll auch ihren Abschluss machen können. - Eine Uni, die es bislang nicht gestört hat, dass eine "Illegale" bei ihr studiert, die ja bislang auch schon Prüfungen absolviert hat und Zensuren bekommen, eine solche Uni kann nicht erklären, warum jetzt der abschluss nicht möglich sein soll.

Gerade solche Einwanderer braucht ein Land. - Und dem wird sich auch kein vernünftiger Republikaner widersetzen.

Romney und Obama sollten hier schleunigst handeln. Am besten gemeinsam.

Irgendwie ist es interessant, in den USA buhlen teilweise die Kandidaten um die Stimmen der Zuwanderer, wie schaut es in Österreich aus, hier nutzt nur die FPÖ dieses Thema zur rechten Hetze.

Vergessen

Sie vergessen, dass Strache und die FPÖ durchaus um eine Gruppe von Zuwanderern buhlen - die aus Serbien stammenden.

Die große Einwanderung in Ö ist einfach so lang her, dass sie die FP-Argumentation nicht untergräbt.
In den USA weiß jeder, dass fast alle Familien in den letzten paar hundert Jahren rübergekommen sind, migrantische Vergangenheit haben und die (meist) freundliche Politik der USA sich positiv ausgewirkt hat.

Wenn man es übersieht, kommt der Zeitpunkt an dem die Einwanderer die Einwanderungspolitik bestimmen.
Kluge Politik bringt einen Staat nicht in diese Situation.

und frauen die frauenpolitik

Frauen stellen rund 50% der Bevölkerung und es gelingt ihnen kaum, Benachteiligungen in der Gesellschaft abzubauen...

Also wie lange werden die bösen Muslime brauchen, bis die armen "echten" Österreicher Bärte tragen müssen???

Und kinder die kinderpolitik, und die autofahrer die autopolitik... Waere echt arg schlimm und kommt sicher nie vor...

Schon mal was von Mathematik und Demographie gehört?

Sie verwechseln die Einwanderungspolitik wohl mit einem Kochrezept.

Die USA sind seit ihrer Gründung ein Einwanderungsland.

Und dass sie die Menschen integriert haben, die in ihren ursprünglichen Heimatländern nie auf einen grünen Zweig kommen konnten trotz allen Fleißes, ist ein großer Verdienst dieser Nation.

Es sollte so bleiben, es hält eine Gesellschaft dynamisch.

Die Realität sieht anders aus.
Welche Folgen hatte die Einwanderung für die indianische Ursprungsbevölkerung?
Warum gibt es in New York zwischen den Bevölkerungsgruppen immer noch eine so starke Abgrenzung?

Wo gibt es in New York City eine starke Abgrenzung?

wann waren sie das letzte Mal in New York City? Dürfte schon 50 Jahre her sein.

Wer den Amerikanern die Verantwortung für die Indianer immer noch vorhält der kann Ihnen auch immer noch die Verantwortung für die getöteten Juden vorhalten!

Posting 1 bis 25 von 46
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.