"Und heute stehe ich vor einer Wand"

Reportage |

Sie fühlen konservativ und wählen demokratisch: Die Latinos könnten das Duell ums Weiße Haus entscheiden

Es ist ein ziemlich grobkörniges Foto, mit den Jahren vergilbt. Doch für Maria Mayela Rocha, die es säuberlich herausgeschnitten hat aus der Standard-Radio Post in Fredericksburg, Texas, ist es viel mehr: Damals, am 3. März 1993, war das Mädchen ausgesucht worden, um George und Barbara Bush im Rahmen einer Museumseröffnung mit artigem Knicks einen Blumenstrauß zu überreichen. Der Präsident nahm sie auf seinen Arm, beide lächelten um die Wette in die Kamera. Damals lebten die Bushs schon nicht mehr im Weißen Haus, aber was machte das schon? Für Maria war er immer noch "El Presidente".

Das Leben in der neuen Heimat schien eine gute Wendung zu nehmen. "Doch heute stehe ich vor einer Wand", sagt sie und versucht, nicht allzu verbittert zu klingen. "Vor einer Mauer, über die du nicht klettern kannst."

1990, als Mario und Rosa Rocha ohne Greencard aus Mexiko nach Texas zogen, die dreijährige Tochter im Schlepptau, fragte niemand groß nach Papieren. Texas brauchte billige Arbeitskräfte. In der Schule gehörte Maria immer zu den Besten. Später konnte sie Pädagogik studieren, weil die Eltern alle Ersparnisse zusammenkratzten. Nun will Maria Lehrerin werden - nur muss sie erst das Examen bestehen, und fürs Examen wird sie nicht zugelassen, weil sie keine Dokumente besitzt. Keine Sozialversicherungsnummer, um genauer zu sein. "Verrückt. Die Lehrer haben dir immer erzählt, in Amerika kannst du alles schaffen, wenn du es wirklich willst. Und dann scheitert es an einer Nummer."

Als Barack Obama Präsident wurde, hofften die Latinos auf eine Einwanderungsreform, de facto eine Amnestie, die zwölf Millionen Immigranten aus der Grauzone holen sollte. Vergeblich. Nach dem Gezerre um die Gesundheitsreform glaubte Obama, kein Kapital mehr für einen weiteren Kraftakt zu haben. Im Juni folgte eine Order, in der nicht nur Obamas Kritiker ein Wahlkampfmanöver sahen: Junge Hispanics, die mit ihren Eltern in die USA gekommen waren, sollten bleiben dürfen, zunächst für zwei Jahre. Ein Provisorium, aber auch eine Atempause. "Wir arbeiten mit dem, was wir kriegen können", sagt Alfredo Lozano, Marias Anwalt in San Antonio. Immerhin: Obamas Weg führe nach vorn.

Die Republikaner dagegen haben einen derart rabiaten Ton gegenüber den Latinos angeschlagen, dass Maria Rocha fürchtet, ein Präsident Mitt Romney könnte sie tatsächlich aus dem Land jagen.

Die Hispanics werden bei der Wahl die Königsmacher sein, die entscheiden, wer im Weißen Haus regieren wird. Obama braucht sie, um den zu erwartenden Einbruch im Milieu weißhäutiger Männer auszugleichen. Romney muss sie umwerben, denn mit den laut Umfragen nur 27 Prozent aus ihrem Elektorat kann er kaum gewinnen.

"El Presidente 2016"

Julián Castro lässt an einen blitzgescheiten Studenten denken, an eines dieser Genies, die mit ihren Professoren mindestens mithalten können. Er ist 38, steht in einem historischen Saal, einem umgebauten Pferdestall, vor einem Präsidium von Grauschöpfen und spricht über erneuerbare Energien. Es ist die Welt des Julián Castro, der im Übrigen mit typisch amerikanischer Großspurigkeit verkündet, San Antonio bis 2020 zur kreativsten Stadt der Welt machen zu wollen.

Aus Mexiko stammend, brach Castros Großmutter Victoria die Schule nach vier Klassen ab, um fortan für reiche Leute zu kochen. Victorias Tochter Rosie stieß zu La Raza Unida, der Bürgerrechtspartei der Mexican-Americans.

Julián studierte Jus in Harvard, mit 34 wurde er Bürgermeister San Antonios, der siebtgrößten Stadt der USA. Ihr Wahrzeichen ist die frühere Missionsstation Alamo, für stolze Texaner ein Heldenschrein: 1836 hielten dort 189 Freischärler 13 Tage die Stellung, um nicht vor dem mexikanischen General Antonio López de Santa Anna kapitulieren zu müssen. Am Ende wurden sie überrannt und getötet und mit der Zeit immer patriotischer verklärt - jedenfalls von den Anglos, den Angelsachsen. Rosie Castro sprach hingegen von einer "Bande von Betrunkenen und Betrügern und sklavenhaltenden Imperialisten". Ju lián gibt sich cool und neutral: "Alamo ist Texas' wichtigste Touristenattraktion."

In dem Mann mit dem Burschengesicht sehen seine Fans den ersten Hispanic, der es ins Oval Office schaffen könnte. Maria Rocha nennt ihn bereits? "El Presidente 2016", mit einem leicht spöttischen Lächeln, weil es doch recht verwegen klingt. Ein Präsident namens Castro - allein schon der Gedanke mache ihr Mut. Die Zeit, so hofft Maria, arbeitet für sie. (Frank Herrmann aus San Antonio, DER STANDARD, 20.10.2012)

Wissen: Die Latinos in Texas

Texas ist nach Kalifornien der US-Staat mit der zweithöchsten Zahl an Latinos: Rund 9,4 Millionen Latinos leben im an Mexiko grenzenden Staat, das macht ebenso wie bei Kalifornien einen Bevölkerungsanteil von 37,6 Prozent aus.

Ihre Arbeitslosenquote liegt mit 25,3 Prozent viel höher als im texanischen Durchschnitt (17,2). Auch verfügen über 39 Prozent der hispanischstämmigen Wähler in Texas über keinen High-School-Abschluss (Matura). Im bundesstaatlichen Mittel sind es bloß 15 Prozent.

Texas, seit 1845 Teil der USA, nahm erstmals 1848 an Präsidentenwahlen teil und wählte bis 1928 ausschließlich - und danach vorwiegend - demokratisch. Erst Ronald Reagan läutete 1980 die Wende ein: Heute gilt Texas als republikanisches Kernland. (gian)

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