Denken zwischen da und dort

    20. Oktober 2012, 10:03
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    Konrad Paul Liessmann zieht in seinem neuen Buch Grenzen: Für den Philosophen ist das eine gerade in Systemkrisen unabdingbare Tätigkeit

    Schön, dass Konrad Paul Liessmann neben all seinen Aktivitäten als einer der rührigsten "Public Intellectuals" Österreichs auch noch die Zeit zum Bücherschreiben findet. Liessmann verdanken wir - um nur ein Beispiel zu nennen - die wunderbare Theorie der Unbildung (2006), immer noch eines der besten Bücher zur "Wissensgesellschaft" und zum Bologna-Prozess überhaupt. Auch Liessmanns neuestes Opus, Lob der Grenze. Kritik der politischen Urteilskraft, ist ein Buch, das jedem, der gewillt ist, sich auf denkerische Abenteuer einzulassen, fast unbegrenzt Anregung und Vergnügen bietet.

    Lob der Grenze ist eine Sammlung von einem Dutzend aus unterschiedlichen Anlässen geschriebenen und in unterschiedlichen publizistischen Umfel- dern (darunter auch in dieser Wochenendbeilage) veröffentlichten Arbeiten Liessmanns. Diese a posteriori unter einem thematische Einheitlichkeit suggerierenden Buchtitel zusammenzufügen ist kein ganz risikoloses Unternehmen. Im Wesentlichen hat sich Liessmanns Hoffnung, dass seine Essays in dieser Formation "neue Stringenz und Plausibilität" gewinnen, aber erfüllt. Dafür sorgt eine clevere Zusammenstellung und Redaktion der Texte - und der titelprägende Begriff der Grenze ist weit und philosophisch zentral genug, um ihnen ein gutes Gehäuse zu sein.

    Grenzziehung, begriffliche Unterscheidung, erläutert Liessmann in seiner Einleitung, ist nicht nur eine elementare Tätigkeit des Philosophen, sondern auch die des Zeitdiagnostikers, dem aber eine "aktuelle Inklusionsrhetorik" das Handwerk erschwere. Dabei wäre aber gerade in der aktuellen Systemkrise ein "Bewusstsein von Grenzen und von Differenzen" dringend vonnöten, um die Balance zwischen "privaten Interessen und öffentlichem Wohl, zwischen Markt und Staat, individueller Freiheit und sozialer Sicherheit" wiederherzustellen. Ebenso herausgefordert ist der Begriff der "Grenze" auch durch die Biotechnologie und Anthropotechnik, wo neue technologische Möglichkeiten die Schranken zwischen Mensch und Tier und Mensch und Maschine schon längst brüchig gemacht haben. Liessmann, ein ausgewiesener Kenner von Günther Anders, dekliniert hier mehrfach das "prometheische Gefälle" durch, jene These des Wiener Philosophen (Die Antiquiertheit des Menschen), wonach der Mensch immer weiter hinter sein technisches Vermögen zurückfällt.

    Im Fortgang des Buches durchpflügt Liessmann viele teils voneinander entfernte, teils aneinander angrenzende, immer aber bedeutende Themenfelder: Staat, Risikogesellschaft, Urbanität, Arbeitswelt, Ökologie, Lebensalter. Dabei stellt er einmal mehr seine Fähigkeit unter Beweis, originell und in verständlicher Weise den unerschöpflichen Fundus des philosophischen Erbes für die Gegenwartsdiagnose fruchtbar zu machen und mit seiner eigenen Analyse und seinen eigenen Ansichten anzureichern. Im letzten Beitrag des Bandes führt er etwa Gedanken von Aristoteles, Cicero, Montaigne, Schopenhauer, Simone de Beauvoir und Jean Améry zum Alter zusammen, geht zugleich aber auch kritisch (und sarkastisch) mit einer jugendfixierten Gesellschaft ins Gericht, die zwar rapide altert, aber noch keinen triftigen Weg gefunden hat, mit diesem Umstand human umzugehen.

    Dem technoiden Schlagwort vom "lebenslangen Lernen" hält Liessmann den " klassischen Bildungsbegriff" entgegen, "der die geistige, seelische und kulturelle Selbstformung des Menschen als Selbstzweck intendierte. Er entspräche dem legitimen Bildungsinteressen altender Menschen viel besser als ein auf Effizienz, Employability und Funktionalität abgestimmter Lernbegriff, der unsere Bildungsinstitutionen dominiert."

    Solange solch menschenfreundliche Vorstellungen freilich nicht in die Praxis umgesetzt sind, werden die Menschen weder daran interessiert noch dazu fähig sein, "in Würde" zu altern: "Wir wollen nicht in einer körperlichen und geistigen Verfassung altern, die uns die Vorzüge und Möglichkeiten des Alters leben und erleben ließe, sondern wir wollen gar nicht altern." Auch dem eng mit (politischen) Grenzen assoziierten Thema " Europa" widmet der Philosoph sein Augenmerk. Ausgehend von Ferdinand Tönnies' Unterscheidung zwischen "Gemeinschaft" und "Gesellschaft" stellt Liessmann fest, dass Europa nie ein stillschweigendes, keiner weiteren Erläuterung bedürftiges gemeinschaftliches Vorverständnis von dem hatte, was den Kontinent im Innersten zusammenhält.

    So gesehen wird er weiterhin gezwungen sein, sich "gesellschaftlich" zu definieren, als ein Konstrukt, bei dem stets neu zu verhandeln ist, wie das Zusammenleben aussehen soll, was man einbezieht und wogegen man sich abgrenzt. Dabei erweist sich Liessmann als erstaunlich skeptisch gegenüber aller gängiger Europa-Rhetorik: Die "Mission" eines Friedensprojektes oder eines europäischen Zivilisationskonzeptes haben für ihn ihre gestaltende Kraft verloren, paradoxerweise gerade deshalb, weil sie erfolgreich umgesetzt wurden. Auch dem Konzept einer "Hyper-" oder "Supernation" Europa begegnet Liessmann mit Zurückhaltung: "Warum es aus mittlerweile einsehbaren Gründen lächerlich ist, sich als glühenden Deutschen oder glühenden Österreicher zu bezeichnen, der glühende Europäer sich aber des Beifalls sicher sein kann, bleibt schleierhaft."

    Das ist ebenso witzig formuliert wie der Beitrag zur "Nachhaltigkeit", jenem anheimelnden Wohlfühl-Begriff, der sich als sympathisches, aber wenig durchdachtes Zukunftsideal in vielen Köpfen eingenistet hat und den Liessmann nach allen Regeln der Kunst demontiert. Nachdrückliche Lektüreempfehlung! (Christoph Winder/DER STANDARD, 20./21. 10. 2012)


    Konrad Paul Liessmann: "Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft". € 18,90 / 208 Seiten. Zsolnay-Verlag, Wien 2012

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