Lieder vom Fortgehen und dem Tod

  • Leichen pflasterten ihren Weg. Mick Harvey und Rosie Westbrook 
verhandelten in der Szene Wien die Endlichkeit. Das war durchaus unterhaltsam.
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    foto: standard/christian fischer

    Leichen pflasterten ihren Weg. Mick Harvey und Rosie Westbrook verhandelten in der Szene Wien die Endlichkeit. Das war durchaus unterhaltsam.

Schwere Kost in leichter Besetzung. Der australische Musiker Mick Harvey gastierte in Duo-Besetzung in der Szene Wien

Zwischen Liedern über Tod und Abschied verbreitete man beste Laune.

Wien - Früher einmal dachte man bei Mick Harvey an den Mann mit der Gitarre links von Nick Cave. Neben dem stand er lange Jahre als musikalisches Mastermind der Bad Seeds auf der Bühne - und auch schon davor. Der heute 54-jährige Multiinstrumentalist aus Australien gründete mit Cave Mitte der 1970er-Jahre die Boys Next Door, aus denen die radikalere Birthday Party hervorging, aus deren Resten Cave mit Harvey 1984 die Bad Seeds formierte, eine der wichtigsten Bands der letzten 25 Jahre.

Nach über drei Jahrzehnten so rumpeliger wie erfolgreicher Symbiose trennte sich Harvey 2009 von der Band und stand nun erstmals als Solokünstler auf einer Wiener Bühne.

Langweilig wurde ihm und dem Publikum trotz schlanker Besetzung von Gitarre und Stehbass nicht. Immerhin hat Harvey schon während seiner Zeit bei den Bad Seeds in anderen Bands gespielt und Soloalben veröffentlicht; das jüngste war das im Vorjahr erschienene Sketches from the Book of the Dead, das den Abend am Donnerstag in der Szene Wien inhaltlich prägte.

Eröffnet hat er sein Set mit einer Coverversion von Lee Hazlewoods First Street Blues. Ein vergleichsweise fröhliches Lied über einen Alkoholiker in einer Kleinstadt. Die Ökonomie dieses Blues - präziser Text, keine Note zu viel - stand stellvertretend für die Darbietung der beiden, Hazlewoods trockener Humor schimmerte auch in Harveys Songs durch.

Während Stücke wie das dem vor drei Jahren verstorbenen Gitarristen Rowland S. Howard zugedachte October Boy um Trauer und Erinnerung kreisten, witzelte Harvey zwischen den Songs über Wiener Souveniershops - "No Kangaroos in Austria" - und entschuldigte sich natürlich gleich dafür. Man könnte sagen, während seine Kunst im Keller spielt, geht er zum Lachen nach oben ans Tageslicht.

Auch Rosie Westbrook am Bass charmierte mit souveräner Verwendung von Einheimischensprache wie "Leiwaund" oder "Waunsinn". Anscheinend hatte sie in den 1980er-Jahren in Wien nicht nur eine klassische Ausbildung genossen, sondern auch Kontakt zum Volke gepflegt.

In den Stücken wich derlei Profanes einer elementaren Düsternis, die dennoch nicht bleiern wirkte. Harvey und Westbrook produzierten gemeinsam einen zart gespenstischen Sound aus Feedback und Brummen, der als Basis für Harveys Vortrag diente, nur selten wurde es richtig laut, etwa in Famous Last Words.

Hoffnungen und Ängste

Neben eigenen Songs spielte das Duo stimmiges Fremdmaterial wie den Abschiedsklassiker Mother of Earth von The Gun Club, das Harvey seinem Schöpfer Jeffrey Lee Pierce widmete. Noch so ein Toter an einem daran nicht armen Abend.

Schließlich gaben die beiden ein Lied der eben wiedervereinten Band Crime and the City Solution, in der Harvey ebenfalls musikalisch federführend war: Auch in Home Is Far From Here geht es um Abschied, um den Aufbruch ins Unbekannte, Hoffnungen und Ängste teilen sich den Platz im Gepäck.

Zwar drohte angesichts von so viel Moritat, Krankheit und Tod die Gemütsverdunklung, doch das Duo hielt dieser eine Leichtigkeit entgegen, die der Instrumentierung geschuldet war. Manche Songs hätte man zwar gerne mit Unterstützung eines Schlagzeugers gehört, dennoch ereilte einen nie das Gefühl, hier würde etwas fehlen. (Karl Fluch, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

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