Warum brauchen wir "zweite Welten"?

  • Ein junger Mann am Ego-Shooter: "Wir müssten das Recht  zu träumen  
vehement  einfordern:  Damit wir nicht gezwungen sind, das Ungeträumte 
in der Wirklichkeit auszuagieren."
    foto: ap/joerg sarbach

    Ein junger Mann am Ego-Shooter: "Wir müssten das Recht zu träumen vehement einfordern: Damit wir nicht gezwungen sind, das Ungeträumte in der Wirklichkeit auszuagieren."

Erwartungen ans Leben: Ob Liebesbeziehungen oder Arbeitsverhältnisse, scheinen wir alle unsere zweiten Welten zu benötigen

"Das Leben ist das, was passiert, während man auf etwas anderes wartet", sagt ein französisches Sprichwort. Das vermeintlich Provisorische, sozusagen das Wartezimmer, ist demnach in Wahrheit schon das Definitive, gleichsam der Behandlungsraum. In der Gegenrichtung gelesen, sagt das Sprichwort aber noch etwas anderes, Zusätzliches, ein wenig Verstörendes - nämlich: Ohne dass man auf etwas anderes wartet, würde gar nichts passieren.

Die abweichende Erwartung ist eine Bedingung des Lebens. Hier blitzt das auf, was man die Idee von der Notwendigkeit einer zweiten Welt nennen könnte: Wir brauchen eine bestimmte Vorstellung, eine bestimmte Erwartung an das Leben, damit sich ganz gegen diese Vorstellung plötzlich, während wir noch warten, etwas Unerwartetes, Lebendiges einstellen kann.

Das bedeutet freilich, dass wir offenbar mit Notwendigkeit etwas komplizierter sind, als uns lieb ist. Entweder versäumen wir es, eine Vorstellung vom Leben auszubilden, und dann gibt es gar kein Leben. Oder wir entwickeln eine Vorstellung, aber dann erscheint uns das wahre Leben als das falsche. Wenn wir das alles jedoch wissen, dann haben wir vielleicht die Möglichkeit, sozusagen unser Schicksal zu überlisten: Vielleicht sind wir dann fähig, das eine zu erwarten und doch mit dem anderen zufrieden zu sein.

Das wäre nicht unwichtig - zum Beispiel in Bezug auf unser Liebesleben. Da lebt nämlich, wie leicht zu beobachten ist, kaum jemand so, wie er oder sie es sich vorstellt. Der treue Ehemann träumt vom Seitensprung; der untreue von der Treue. Eine Frau, die in kurzfristigen seriellen Monogamien lebt, träumt von der dauerhaften Liebe. Ihre beste Freundin, die in einer Langzeitbeziehung lebt, empfindet dagegen die serielle Abwechslung als verlockende Perspektive. Ein Paar trennt sich, weil die Frau ein Kind will, und der Mann nicht. Kurz darauf wird er in einer neuen Beziehung Vater, und sie wird glücklich in einer neuen, kinderlosen Beziehung.

Gerade gegenwärtig fallen solche Dinge offenbar besonders schwer zu denken. Eine postmoderne "Verhandlungsmoral" zum Beispiel legt uns nahe, unsere Wünsche offen zu deklarieren und aufeinander abzustimmen. Was aber, wenn unsere Wünsche genau darin bestehen, das nicht zu tun? Ja, wenn wir nicht einmal diesen Umstand deklarieren möchten?

Das könnte gute Gründe haben. Wenn zwischen zwei Menschen zum Beispiel nach einem Rendezvous die Frage ansteht, ob man die kommende Nacht zusammen verbringen wird, dann kann man diese Frage bezeichnenderweise niemals wörtlich stellen, ohne das, worauf sie abzielt, zunichtezu machen. Hier ist eine zweite Welt vonnöten. Man muss zum Beispiel sagen: "Kommst du noch mit auf einen Tee?" Obwohl beide Anwesenden sehr genau wissen, welche erste Welt damit gemeint ist, können sie nicht anders, als diese mithilfe einer zweiten Welt zu benennen und möglich zu machen. Auch hier würde nichts passieren, würde man nicht listig so tun, als erwartete man etwas anderes.

Möglicherweise rührt daher die unglückliche Unabschließbarkeit der sogenannten "Selbstkonstruktionen", mit der viele Individuen derzeit beschäftigt scheinen: Es gelingt ihnen bezeichnenderweise kaum jemals, jenes mythische Eine zu finden, das sie angeblich voll und ganz sein könnten und sollten. Sie vergessen eben, in ihrer Konstruktion eine zweite Etage vorzusehen - etwas, das man in einer älteren philosophischen Sprache als einen "Überbau" bezeichnet hätte.

Dasselbe passiert in vielen Liebesbeziehungen, die derzeit massiv unter dem Phänomen zu leiden scheinen, dass gesteigerte Intimität regelmäßig den Reiz der anderen Person zunichtemacht. Wir fordern zum Beispiel Treue im Sinn sexueller Ausschließlichkeit, fürchten aber in Wahrheit nichts mehr, als uns dieser Ausschließlichkeit gewiss zu sein. Denn dann verliert der Geliebte seinen letzten Reiz.

Der Verzicht auf jegliche Fiktion bringt auch die Wirklichkeit des Liebes- und Sexuallebens zum Erliegen. Wenn der andere wirklich kein Geheimnis hat, dann sollte man darum lieber wenigstens genau das sein Geheimnis bleiben lassen.

Dieselbe Eindimensionalität befällt uns, wenn zum Beispiel ein Cover der aktuellen Vogue Homme verboten werden soll, das eine Frau und einen Mann in leidenschaftlicher, ungestümer Umarmung zeigt. Die Kritiker dieses Bildes meinen, dass hier Gewalt dargestellt sei und dass eine solche Darstellung andere Menschen zur Ausübung wirklicher Gewalt veranlassen könnte. Hier stellt sich allerdings die Frage: Wovon dürfen wir eigentlich noch träumen? Und warum haben wir solche Angst, dass wir, wenn wir etwas mehr oder weniger Böses träumen, es dann auch tun werden? Sigmund Freud hat, unter Verweis auf Platon, geschrieben, "dass der Tugendhafte sich begnügt, von dem zu träumen, was der Böse im Leben tut". Ist Träumen also immer Vorbereitung einer Tat? Ist es denn nicht mindestens ebenso wahrscheinlich, dass das Träumen einer bösen Sache die Menschen davon abhält, sie wirklich zu verüben?

Auch das Träumen guter Dinge hält manche Menschen doch oft davon ab, sie wirklich umzusetzen: Haben wir in den letzten Jahren nicht immer wieder Politiker gesehen, die zu den opportunistischsten Kompromissen fähig waren, während sie dachten, in ihrem Herzen wären sie große Revolutionäre? Und gibt es einen Kitschromancier, der sich nicht in seiner stillen Selbstbetrachtung einbildet, er wäre ein großer Lyriker?

Sollte das also nicht auch umgekehrt gelten? So, dass das Träumen schlechter Dinge deren Verüben verhindert? Seltsamerweise neigen wir derzeit kaum dazu, dem bösen Träumen eine solche Funktion zuzugestehen. Wenn zum Beispiel Gymnasiasten Amok laufen und ihre Mitschüler und Lehrer erschießen, dann sehen wir als Erstes nach, ob sie nicht irgendwelche Ego-Shooter-Spiele auf dem Computer haben. Und wenn wir solche finden, dann schlussfolgern wir messerscharf, das Schießen auf dem Computer hätte die Schüler zum Schießen in der Wirklichkeit veranlasst. Aber könnte es nicht genau umgekehrt gewesen sein? Könnten die Schüler sich nicht vielleicht durch virtuelles Schießen lange Zeit erfolgreich vom realen Schießen abgehalten haben? (So lange, bis die realen Gründe zu drückend wurden?)

Genau darin bestand die "kathartische Funktion", die Aristoteles der Kunst (als einer zweiten Welt) zuerkannte: Durch Darstellung des Schlechten in der Kunst sollte dieses (quasi exkrementell) "abgeführt" und dafür gesorgt werden, dass es in der Wirklichkeit keine Rolle spielt. Anstatt Kunst- und Traumverbote zu verhängen, müssten wir demnach vielmehr vehement das Recht zu träumen einfordern: Damit wir nicht gezwungen sind, das Ungeträumte in der Wirklichkeit auszuagieren.

Schwarze Schafe

Meist begnügen wir uns übrigens ohnehin damit, uns von anderen etwas vorträumen zu lassen, das wir selbst gar nicht haben wollen. Davon leben Realityformate und Talkshows: Dort sehen wir schwarze Schafe, die wir neugierig beobachten, um nur ja nicht so zu werden wie sie. Wir putzen uns sozusagen an ihnen ab und zeigen mit dem Finger auf sie. Wir wollen von ihnen ein bestimmtes Glück (wie z. B. Trinken, Sex, Prominenz) derart abstoßend vorgeführt bekommen, dass wir erleichtert darüber sind, es selbst nicht zu besitzen.

Freilich gibt es allerdings auch Beispiele, auf die dieses komplementäre Verhältnis von Fantasie und Wirklichkeit nicht zuzutreffen scheint - Menschen, die ganz offensichtlich ohne jede zweite Welt ihr Auskommen finden: Sie sind zum Beispiel ganz Primitive (etwa als rückhaltlose Komatrinker), total Schamlose (in Gestalt pornofixierter Unterschichtler), völlige Idioten (als Talkshow gäste), vollkommen Hilflose und Schwache (als sozial Benachteiligte) etc. Allerdings sind diese neuen Phänomene, wie wir zeigen möchten, immer Effekte ihrer Betrachtung. Diese Leute "sind" deshalb so, weil sie das Gefühl haben, dass es jemanden gibt, der sie gerne so sehen möchte. Solches Verhalten für den Blick eines anderen nannte Sigmund Freud "Übertragung". Alle vermeintlich Einfachen haben also einen Zweiten, der von ihrer Einfachheit mindestens ebenso profitiert wie sie selbst. Und diese Zweiten sind nicht nur wir, die unterhaltungssüchtigen und ersparungswilligen Fernsehzuschauer. Auch eine ganze Apparatur von pseudopolitischen Institutionen verdankt ihre Existenz der Berufung auf diese "Neuen Einfachen": Diese Institutionen gaben uns hübsche, angeblich nicht verächtliche Namen und angeblich schützende Verbote, und dafür verloren wir Jobs, Gehaltsanteile, Pensionen und Zugang zu Bildung.

Allem, was heute so fürsorglich daherkommt und uns alle zu armen, kleinen, hilfsbedürftigen Wesen vereinheitlicht, müssen wir darum zutiefst misstrauen: Es ist selbst die zweite Welt einer Politik, die uns die Grundlagen guten Lebens und geselligen Austauschs zerstört. (Robert Pfaller, Album, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

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