"Schulen werden für alles verantwortlich gemacht"

19. Oktober 2012, 15:35
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Die Finanzwirtschaft fordert von den Schulen mehr Bildung im Bereich Wirtschaft und Kapitalmarkt. Die Schulen lassen sich das nicht gerne diktieren

"Wir müssen den Privatanlegern von morgen durch Aufklärung und bessere Bildung die Angst vor Aktien nehmen." Diese Worte hat Birgit Kuras, seit März im Vorstand der Wiener Börse, bei ihrer Antrittsrede zu Protokoll gegeben. Die Verankerung der Kapitalmarktbildung im österreichischen Schulwesen gehöre gestärkt und gefördert. "Ich wünsche mir, dass Aktien künftig fix in den Lehrplan aufgenommen werden und es somit bald nicht mehr möglich sein kann, dass Maturanten während ihrer Schulzeit kaum in Berührung mit Aktien kommen", sagte Kuras damals.

Damit hat die Kapitalmarktexpertin eine Diskussion angestoßen, in die immer mehr Interessenvertreter aus der Finanzwelt einsteigen. Sie fordern die Schulen auf, die Bereiche Geld und Kapitalmarkt stärker in den Lehrplänen zu verankern.

Eine Forderung, die Vertreter von Schulen nicht unkommentiert auf sich sitzen lassen. "Mir ist es ein Anliegen, dass in allen Gegenständen, die es betrifft, eine fundierte Ausbildung zu den Themen Wirtschaft und Finanzbildung erfolgt", sagt Claudia Schmied (SPÖ), Ministerin für Unterricht, Kunst und Kultur - die ihre Karriere 1993 im Bankwesen (Firmenkundenbetreuerin bei der Investkredit) begonnen hat.

"Die Schulen werden mittlerweile für alles verantwortlich gemacht", heißt es von anderer Stelle aus dem Ministerium. Selbst für das schlechte Abschneiden bei den Olympischen Sommerspielen in London musste das Bildungssystem herhalten - eine Ausweitung der Turnstunden wurde gefordert. Jetzt sei es eben die Finanzwirtschaft, die das Bildungssystem zum Sündenbock macht.

Das Schulsystem könne viel leisten, aber nicht alles. Man könne Grundkompetenzen vermitteln, aber nicht mehr, ließ das Unterrichtsministerium gegenüber dem STANDARD verlauten.

Ein eigenes Schulfach, in dem wirtschaftliche Zusammenhänge und kapitalmarktbezogene Fragen behandelt werden, halten Bildungsexperten nicht für sinnvoll. Die Schüler würden ohnehin - je nach Alter und Schultyp - mit diesen Themen konfrontiert. Das Ziel sei, dass Kinder und Jugendliche lernen, dass man sein Geld - wie die eigenen Daten im Internet - nicht jedem zur Verfügung stellt. Sichergestellt gehöre zudem, dass es wirtschaftlich nicht sinnvoll ist, jeder Verlockung des Konsums nachzugeben.

Die Belastung der Schüler durch die vorhandenen Gegenstände sei ohnehin bereits groß genug, und ein Tag hätte auch für Schüler nur 24 Stunden. Zielführender sei es daher, die wirtschaftlichen Gebiete in mehrere Fächer einfließen zu lassen, damit sich das Thema wie ein roter Faden durch den Lehrplan zieht, heißt es aus dem Ministerium. Wert wird dort auch noch darauf gelegt, zu betonen, dass die Lehrpläne und Unterrichtsmaterialen ohnehin laufend angepasst würden.

Gestaltungsspielraum

Die Frage, wie stark der Fokus auf wirtschaftliche Themen gerichtet wird, ist letztlich den einzelnen Lehrern offen gelassen. "Es gibt Rahmenlehrpläne, innerhalb deren die Lehrerschaft selbst Schwerpunkte setzen kann", erklärt Jürgen Rainer, der Vorsitzende der Gewerkschaft für berufsbildende mittlere und höhere Schulen.

Ob man sich zu stark auf Wirtschaftliches spezialisiere, worunter die Allgemeinbildung leide, sei eine Frage, die auch in der Lehrerschaft beispielsweise von Handelsakademien - wo der Fokus ja per se auf der wirtschaftlichen Ausbildung liegt - laufend diskutiert wird, sagt Rainer. Denn die Allgemeinbildung sollte unter den Schwerpunkten nicht leiden.

Einig ist man sich allerdings hinsichtlich des Umstands, dass das aktuelle Geschehen in den Unterricht eingebaut werden soll. Rainer: "Das nimmt aber auch Zeit in der Vorbereitung in Anspruch." Viel mehr gehe da ohnehin nicht mehr.

"Das Interesse der Schüler für Wirtschaft ist da", sagt Herbert Weiß, stellvertretender Vorsitzender der AHS-Gewerkschaft und Lehrer für Mathematik und Geometrische Darstellung am BRG Graz, Oeverseegasse. Am Beispiel Griechenland hätten die Schüler beispielsweise erkannt, wie ohnmächtig der Einzelne sein kann. "Wir werden das ausbaden müssen", sagten seine Schüler. Das hinterlasse auch Frust bei der jungen Generation.

Was Weiß an der Diskussion stört, ist, dass sich Finanzprofis jetzt plötzlich als "Bildungsexperten" hinstellen und über das Schulwesen schimpfen. "Nur weil ich zweimal in der Woche für die Familie einkaufen gehe, bin ich ja auch noch lange kein Wirtschaftsexperte", kontert Weiß. Zudem könne bei vielen oft lediglich auf die eigene Erfahrung als Schüler zurückgegriffen werden, die meist ja viele Jahre zurückliege.

In der Zwischenzeit hätte sich einiges getan. So sei das Fach Geografie um das Themengebiet der Wirtschaftskunde erweitert worden. Außerdem würde über Projektwochen viel in den Unterricht geholt, das früher an den Schulen keinen Platz gefunden habe.

Falle Zentralmatura

In der Zentralmatura (gilt für Sprachen und Mathematik) sieht Weiß aber ein Problem für die Gestaltungsfreiheit der Lehrer. Um die Schüler fit für den einheitlichen Lehrstoff zu machen, müsse man sich straff am Lehrplan orientieren. Welcher Teil des Lehrplans als fixer Bestandteil für die Zentralmatura gilt, sei jedoch nicht klar definiert. Für Sonderthemen bleibe daher kaum Spielraum.

Eckehard Quin, Vorsitzender der AHS-Gewerkschaft, hat zwar Verständnis dafür, dass ein wahrgenommener Mangel den Schulen umgehängt werde, er könne jedoch auch den Wunsch nach mehr Finanzbildung verstehen.

Was bei der Diskussion aber immer außer Acht gelassen wird: "Es wird nie darüber gesprochen, was dafür an anderer Stelle gestrichen werden soll oder ob das Stundenkonzept ausgeweitet werden soll." Da höre sich die Diskussion dann immer rasch auf, weil die Kosten dafür niemand tragen wolle. (Bettina Pfluger, DER STANDARD; 19.10.2012)

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    Geht es nach der Finanzwirtschaft, gehört die wirtschaftliche Bildung an den Schulen verbessert.

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