Das Problem mit dem chinesischen Zeitgeist

19. Oktober 2012, 17:07
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"Chinesische Unternehmen sind flexibler, sie denken mehr wie Guerilla, wie das Wasser", sagt Headhunterin Julia Zhang-Zedrosser

Als sie vor zehn Jahren zum MRI Network in Schanghai stieß, erzählt Julia Zhang-Zedrosser, war sie im dortigen Büro die achte Mitarbeiterin. "Heute sind wir mehr als 65." Der Talentepool, aus dem das MRI Network schöpft, besteht ausschließlich aus Universitätsabsolventen, sagt sie. "Die meisten unserer Kandidaten können Englisch sprechen, zumindest schreiben", erklärt sie in groben Zügen das Umfeld. Und wie viele in der Branche wuchs das Personalberatungsunternehmen mit der Begleitung von Firmen aus dem vornehmlich englischsprachigen Raum, sagt sie. Heute sei der Akquise-Schwerpunkt mehr auf die lokalen Märkte verlagert, die Wirtschaft boome nicht mehr wie in Zeiten vor der Krise oder nur mehr in vereinzelten Branchen. Und chinesische Unternehmen sehen sich - unter den strengen Blicken internationaler Beobachter - zunehmend mit höheren Qualitätskriterien in Recruiting und Retension konfrontiert.

Wirtschaftlich erfolgreich zu sein ist auch in China deutlich schwieriger geworden. Langwierigere, strukturiertere Auswahlprozesse international tätiger Headhunter treffen auf strategisches Kurzfristdenken chinesischer Unternehmenseigner. Das sei nicht immer einfach, so die Headhunterin, diese Flexibilität berge allerdings auch zahlreiche "opportunities", wie sie sagt. Zhang-Zedrosser: "Chinesische Unternehmen sind flexibler, sie denken wie Guerilla, wie das Wasser. Die sehen die Probleme nicht, die wir im Westen sehen."

Bei einer Besetzungspolitik, die Mitarbeiter kurz nach ihrer Anstellung - und ohne sie darauf zu Beginn angesprochen, gar vorbereitet zu haben - von A nach B schicke, sagt Zhang-Zedrosser, sei die Verweildauer entsprechend kurz. Im Jahr 2007, also vor der globalen Finanzkrise, betrug die durchschnittliche Verweildauer von Managern in China zwischen 18 und 24 Monaten. Sehr viele Unternehmen hatten in Zeiten des Booms nur damit zu tun, die Headcounts zu erfüllen, auf Qualität wurde weniger geachtet, sagt sie. "Und so haben die Unternehmen zum Teil auch ausgesehen", sagt sie rückblickend, "da wurde alles eingestellt, was nur Englisch buchstabieren konnte." Was in Zeiten einer boomenden Wirtschaft nicht aufgefallen sei, werde heute zunehmend zum Problem - vor allem bei Mitarbeitern der mittleren Ebene, sagt Zhang-Zedrosser. Viele hielten den gestiegenen Anforderungen nicht mehr stand, könnten nicht mit den Unternehmen mitwachsen. Die Wechselbereitschaft sei immer noch hoch.

Generation "Übervorbereitet"

Dazu komme, dass der chinesische Arbeitsmarkt vor einem vehementen demografischen Problem stehe: Die Ein-Kind-Politik ist 30 Jahre alt. Es kommen also nicht nur weniger Qualifizierte auf den Arbeitsmarkt, sagt Zhang-Zedrosser, die Vertreter der Generation Y - "die Generation der Übervorbereiteten", wie die Headhunterin sie nennt - seien auch bei weitem nicht so überlebenstüchtig wie die der Elterngeneration. "Sie haben eine relativ niedrige Frustrationstoleranzgrenze, da ihnen jeder Weg geebnet wurde", sagt sie. Auch die Nachteile des chinesischen Erziehungs- und Schulsystems, das stark auf "Auswendiglernen" baue, kämen zu tage: "Wenn es darauf ankommt, eine innovative Lösung für ein Problem zu finden, steht die halt nicht im Lehrbuch." Es sei eine Herausforderung für die Arbeitgeber, diese Jungen oft jahrelang aufzubauen, um sie in der Praxis effizient umsetzen zu lassen. Für ausländische Unternehmen in China gebe es nicht mehr ausreichend qualifizierte Kandidaten - und die chinesischen Unternehmen begönnen nun auch, aus demselben Pool zu schöpfen.

Zurzeit die besten Chancen, sagt Zhang-Zedrosser, hätten erfahrene Techniker mit Asien-Erfahrung. Ohne Asien-Erfahrung, sagt die Headhunterin, seien die Chancen selbst für Arrivierte nicht besonders hoch. Aber es gebe sie, sie würden gefunden, "weil es im Rest der Welt auch nicht so gut geht".

Und sie selbst? Selbst nach zehn Jahren Leben und Arbeiten in Schanghai erlebt die Sinologin, mit einem Chinesen verheiratet und Mutter einer Tochter, sich "nicht als Insider". Vom politischen Leben des Landes bekomme sie - zum Teil gewollt - nicht viel mit, sagt sie. Das Wirtschafts- und Alltagsleben sei davon getrennt. "Und ganz ehrlich", sagt sie, "das ganz normale Leben und Arbeiten in Schanghai ist schon so anstrengend, dass man für andere Dinge - neben Familie - oft keine Energie mehr hat." (Heidi Aichinger, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

  • Headhunterin Julia Zhang-Zedrosser sprach bei Train Consulting über den chinesischen Arbeitsmarkt.
    foto: privat

    Headhunterin Julia Zhang-Zedrosser sprach bei Train Consulting über den chinesischen Arbeitsmarkt.

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