Die Natur zum Beruf machen

19. Oktober 2012, 17:01
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Nationalpark-Ranger vermitteln nicht nur Besuchern die Natur als Erlebnis

An manchen Tagen fängt Theresia Markut im Nationalpark Thayatal mit einer Horde von Schulkindern mit kleinen Fangnetzen Edelkrebse aus dem Kayabach. Sorge um die Tierchen, die durchaus bis zu 20 Zentimeter groß werden können, braucht man aber keine haben: Sie kommen nur kurz unter die Becherlupe, damit die Kinder Scheren, Beinchen und die Struktur des braunen Panzers im Detail betrachten können, und werden dann wieder freigelassen. Im knöcheltiefen Wasser mit Miniaturwasserfällen, unter den unterspülten Wurzeln der Schwarzerlen, die vom dicht umwucherten schattigen Bachufer aus in das kalte Nass ragen, fühlen sich die Edelkrebse am wohlsten.

An anderen Tagen schiebt die 32-jährige Rangerin Wachedienst, wandert durch den Nationalpark und macht Blumenpflücker, Schwammerlsucher und Besitzer von freilaufenden Hunden darauf aufmerksam, dass das verboten ist. An der Mündung, an der die Kaya in die Thaya fließt, wird zurzeit interessierten Wanderern Wissenswertes über die Laubverfärbungen vermittelt. Diese entfaltet sich hier im Nationalpark Thayatal mit dem knalligen Rot des Spitzahorns, dem Orangegelb der Eichen und dem Graugrün der Schwarzerlen in überaus großer Vielfalt.

Vermitteln und bewachen

"Es gibt keinen typischen Arbeitstag einer Rangerin", erklärt Markut. Sie ermöglicht sich damit einen Ausgleich zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit als Bio- und Ökologin am Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Es ist kein "Nine to five"-Job, "in den letzten Schulwochen gibt es eine extreme Hochphase mit acht Stunden Führung täglich", sagt sie. Im Frühling und Herbst ist generell mehr Betrieb, "im Sommer konzentriert sich die Arbeit eher an den Wochenenden", und von November bis März machen die Ranger im Thayatal Pause. Dazwischen vermitteln die insgesamt fünfzehn zertifizierten Ranger des Nationalparks Thayatal Gruppen vom Kindergarten- bis zum Seniorenalter Naturhighlights und sorgen dafür, dass das strenge Nationalparkgesetz eingehalten wird, damit die Wildtiere möglichst ungestört leben können.

Damit das professionell gelingt, haben sie eine Ausbildung zum Nationalpark-Ranger absolviert, dadurch sind sie in den Grundlagen des Naturschutzes, der Zoologie und Botanik, aber auch in naturpädagogischen Vermittlungsmethoden und der Exkursionsdidaktik kundig (s. Wissen). Markuts Kollege Bernhard Schedlmayer hat sich damit zusätzlich zu Gewaltpräventionsseminaren und den Spezialfällungen von Bäumen ein weiteres berufliches Standbein geschaffen. Insbesondere das Fachwissen um Tier- und Pflanzenwelt war für den 52-jährigen ehemaligen Manager wichtig, um seine Naturbegeisterung zum Beruf machen zu können. Schedlmayer schätzt sogar Wind und Wetter, dem er als Ranger ausgesetzt ist: "Regen ist eine sehr feine Angelegenheit. Er entspannt unglaublich, außerdem sind andere Tiere unterwegs. Wenn man dann einen Feuersalamander nach dem anderen sieht, ist das schon einer dieser besonderen Momente."

Als "sehr flexibel und abwechslungsreich" schätzt auch Andreas Angermann seinen Beruf. Er ist Ranger im Nationalpark Hohe Tauern und teilt sich mit zirka vierzig Kollegen einen Arbeitsplatz, der sich auf mehr als 183 Hektar über die Grenzen von Salzburg, Kärnten und Tirol hinweg erstreckt. Mit dabei sind mehr als 240 Dreitausender, auch der Großglockner und der Großvenediger. Die Ranger-Basis-Ausbildung wird hier folglich durch jene zum Bergwanderführer ergänzt. Bei den Wildtierbeobachtungen oder zwei- bis viertägigen Trackingtouren sehen Ranger und Besucher Murmeltiere, Steinböcke und mit etwas Glück auch einen Steinadler. Das Erfassen und Dokumentieren der Tier- und Planzenarten ist ebenfalls Bestandteil seiner Arbeit. Ranger zu sein ist im Nationalpark Hohe Tauern ein Fulltime-Job, den Beruf könne man, weil er fit hält, bis zur Pension ausüben, erklärt Angermann. Gearbeitet wird das ganze Jahr über, auch im Winter: "Die 80 Paar Schneeschuhe, die wir für Wanderungen haben, sind bei uns beinahe permanent im Einsatz."

Bewusstsein schaffen

Die Arbeit eines Rangers beschreibt der 32-Jährige, der selbst gelernter Förster ist, wie "das, was der Förster Rombach in der Fernsehserie macht" . Im Unterschied zum tatsächlichen Förster, der sich mehr mit der Bewirtschaftung des Waldes und juristischen Fragen rund um Grund und Boden auseinandersetzt, beschäftigen sich Ranger mehr mit der Natur im eigentlichen Sinne: Ranger ermöglichen den Besuchern nicht nur Natur zu erleben, sie schaffen auch Bewusstsein für natürliche Ressourcen, machen in den Hohen Tauern etwa auf den Rückgang der Gletscher aufmerksam. Angermann will aber auch auf die kleinen, weniger Aufmerksamkeit erregenden Dinge, die die Natur bietet, nicht vergessen. Daher hat er eine Zusatzausbildung zu Schmetterlingen. Sein persönlicher Favorit ist der Hochalpen-Apollo. Wer den Falter mit weißen Flügeln und roten wie schwarzen Punkten sehen will, sollte den Nationalpark Hohe Tauern am besten im August besuchen. (Martina Madner, DER STANDARD, 20./21.10.2012)

Wie man Nationalpark-Ranger wird

Seit 2010 absolvieren angehende Ranger einen eigenen Lehrgang mit Zertifikat als Voraussetzung für die Arbeit in den österreichischen Nationalparks zu erlangen. Die dreijährige berufsbegleitende Ausbildung besteht aus drei Teilen: An den 17 Ausbildungstagen des Grundmoduls geht es um Grundlagen der Kommunikation, Naturpädagogik und Basiswissen über Natur und Landschaft. Dazu kommen rechtliche Grundlagen und das Management von Notfällen. Im 25 Tage umfassenden Aufbaumodul wird das spezifische Wissen über Flora und Fauna des konkreten Nationalparks, in dem man später arbeitet, vermittelt.

Mit einer Prüfung und einer Abschlussarbeit gibt es das Zertifikat zum Österreichischen Nationalpark-Ranger. Damit es seine Gültigkeit nicht verliert, sind mindestens zwei Fortbildungstage pro Jahr verpflichtend. Dabei können die Ranger ihren Wissensstand in speziellen Bereichen erweitern und sich im Nationalpark-Management schulen lassen. (mma)

Link
www.nationalparksaustria.at

 

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    Nationalpark-Ranger: Kein Tag gleicht dem anderen.

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