"4 Wände 4 Hände": Kampagnenstart am Wiener Equal Pay Day

19. Oktober 2012, 17:37
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Die Aktion der Stadt Wien setzt sich für die gerechtere Verteilung unbezahlter Arbeit ein

Alle Jahre kehrt er wieder - der Equal Pay Day. An diesem Tag erreichen Männer jenes durchschnittliche Einkommen, für das Frauen noch bis Ende des Jahres arbeiten müssen. Anders gesagt: Ab diesem Tag hackeln Frauen im Vergleich zu Männern bis Jahresende "gratis". Je nach Lohnunterschied findet der Equal Pay Day in den einzelnen Bundesländern an verschiedenen Tagen statt. In Wien entfällt dieser heuer auf den 19. Oktober: Das sind nicht nur fünf Tage früher als 2011, sondern auch 14 Tage später als in den anderen Bundesländern. Schlusslichter bilden dabei Oberösterreich und Vorarlberg - hier wurde der Equal Pay Day bereits am 20. bzw. am 9. September begangen.

Dreckspatz: Arbeitsverteilung

Es ist auch die Bundeshauptstadt, in der die geschlechtsspezifische Einkommensschere mit 21,75 Prozent am geringsten ausfällt. Trotzdem: In Wien verdienen Frauen immer noch 20 Prozent weniger als Männer. Doch nicht nur die Einkommen und Karrierechancen, auch die Verteilung der unbezahlten Arbeit ist ungleich: Frauen arbeiten im Schnitt 65 Stunden pro Woche, davon sind 26 Stunden - also 40 Prozent - Haushaltstätigkeiten. Männer arbeiten insgesamt um zwei Stunden weniger, davon aber mehr bezahlte Stunden: 48 Stunden sind berufliche Tätigkeit, nur 14 Stunden unbezahlte Arbeit.

Einmal mehr wird nun auf dieses Missverhältnis hingewiesen - mit der neuen Kampagne "4 Wände 4 Hände", die von der Frauenabteilung der Stadt Wien initiiert und am Freitag in einem Waschsalon am Urban-Loritz-Platz vorgestellt wurde.

15,2 Staubsauger-Kilometer

Bei laufendem Betrieb und vor neugierigen Waschsalon-KundInnen stellten Frauenstadträtin Sandra Frauenberger, die grüne Gemeinderätin Martina Wurzer und Ingrid Moritz von der Arbeiterkammer die Aktion vor. Auf "moderne und niederschwellige" Art soll dabei die ungleiche Verteilung der reproduktiven Arbeit sichtbar gemacht werden. Um zu messen, wer wieviel Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege in den eigenen vier Wänden übernimmt, gibt es zum Beispiel den "Fleiß-O-Meter" als App fürs Smartphone. Dieser ist reichlich gespickt mit Zahlen und Fakten: 15,2 Kilometer legt etwa eine Frau im Durchschnitt pro Jahr mit dem Staubsauger zurück. Jene, die es lieber analog mögen, können sich mit einem Haushaltsplan, der zum freien Download zur Verfügung steht, einen Überblick über die Arbeitsteilung im Privaten verschaffen.

Mit der Sichtbarmachung allein ist es aber freilich noch nicht getan. Daher richte sich die Kampagne vor allem auch an Männer, so Frauenberger, mit dem Ziel, sie darin positiv zu bestärken, mehr Haus- und Pflegearbeiten zu übernehmen.

Ungerecht verteilte Zeit

Doch noch leisten Frauen einen Großteil der unbezahlten Arbeit. "In mehr als 50 Prozent der Haushalte mit Kindern übernimmt die Frau die gesamte Arbeit. Das führt zu Doppelbelastungen und schlechteren Berufschancen", erklärt Frauenberger. "Windeln wechseln ist daher keine Privatsache, sondern hochpolitisch." Die Zahl entstammt einer repräsentativen Umfrage, die 2010 von der Frauenabteilung der Stadt in Auftrag gegeben wurde. Darin gab mehr als die Hälfte der befragten Frauen an, alleine oder überwiegend für Haushaltstätigkeiten wie Wäsche waschen und Kochen, die Pflege von kranken Kindern und die Organisation von Kinderbetreuung verantwortlich zu sein. "Je mehr unbezahlte Arbeit geleistet wird, desto weniger Zeit fließt in Erwerbsarbeit, in Aus- und Weiterbildung und in Freizeit", kritisiert Gemeinderätin Wurzer. "Nur wer Zeit hat, kann gesellschaftlich teilhaben."

Reality bites

Doch selbst emanzipierte Frauen würden, sobald das erste Kind da ist, oft vom traditionellen Rollenbild eingeholt, wie Ingrid Moritz, Leiterin der AK-Abteilung Frauen-Familie, betont. So gaben in der erwähnten Umfrage 58% der Frauen an, dass vor der Geburt des ersten Kindes die Hausarbeit zwischen den PartnerInnen gleich verteilt war - danach sank der Anteil der gleichberechtigten Haushalte auf 36 Prozent.

Mit Kindern finden sich Frauen öfter in Teilzeit wieder: Bei heterosexuellen Paaren mit Kindern bis 18 Jahren ist die Arbeitsteilung "Mann Vollzeit - Frau Teilzeit" mit 40 Prozent dominierend, gefolgt von der Arbeitsaufteilung "nur Mann erwerbstätig" mit 22 Prozent. In nur 19 Prozent der Paarhaushalte sind beide in Vollzeit, lediglich in zwei Prozent beide in Teilzeit. Unter der ungleichen Arbeitsteilung leiden aber nicht nur die Frauen: "Vätern werden Hürden gelegt, wenn sie alte Rollenmuster durchbrechen wollen", sagt Moritz. Um die partnerschaftliche Teilung von Betreuungspflichten zu erleichtern, gehört nicht zuletzt auch der Ausbau von sozialen Diensten: Nur 15 Prozent aller Kinderbetreuungseinrichtungen in Österreich haben Öffnungszeiten, die mit einer Vollzeitbeschäftigung vereinbar sind.

Damit es zu einer gerechteren Verteilung von bezahlter Erwerbsarbeit wie auch unbezahlter Haushaltsarbeit kommt, muss bekanntermaßen an vielen Schrauben gleichzeitig gedreht werden: wirksame Frauenförderung, Überwinden traditioneller Geschlechterrollen, gerechtere Entlohnung entlang der Neubewertung von (Frauen-)Arbeit. Dann kann der Equal Pay Day vielleicht endlich zu Silvester gefeiert werden. (viyu, dieStandard.at, 19.10.2012)

  • Im Durchschnitt leisten Männer nur 14 Stunden unbezahlte Hausarbeit pro Woche.
    foto: dpa/dpaweb/holger hollemann

    Im Durchschnitt leisten Männer nur 14 Stunden unbezahlte Hausarbeit pro Woche.

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