"Speichelleckerei liegt wieder in der Luft"

Interview |
  • Wider die Verklärung des Stalinismus und der Sowjetunion: die große Romanautorin Ljudmila Ulitzkaja.
    foto: annette pohnert/carl hanser verlag

    Wider die Verklärung des Stalinismus und der Sowjetunion: die große Romanautorin Ljudmila Ulitzkaja.

Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja ist dieses Jahr Ehrengast der Veranstaltungsreihe "Literatur im Nebel" in Heidenreichstein

STANDARD: Im letzten Jahr haben auch Sie sich politisch engagiert, waren Mitbegründerin einer Plattform zur Wahlbeobachtung. Nichtsdestrotrotz wurden neue represssive Gesetze beschlossen, laufen politisch motivierte Strafprozesse, kommen immer weniger Menschen zu Demos der Opposition. Haben auch Ihre Bemühungen versagt?

Ljudmila Ulitzkaja: Nein, ich hatte keinerlei Illusionen, was die Resultate dieses Protests betrifft. Unsere Zivilgesellschaft ist erst im Entstehen. Und dieser Prozess dauert. Mit sich ausweitenden Bewegungen, die sich für Rechte unterschiedlicher Gruppen engagieren, für jene von Wählern, Steuerzahlern, Soldatenmüttern, betrogenen Anlegern oder Konsumenten, kann sich diese Zivilgesellschaft formen.

STANDARD: Für das Scheitern des Protests gibt es noch einen weiteren Indikator: Lokalwahlen, die am vergangenen Sonntag in vielen Teilen Russlands stattfanden, zeichneten sich durch eine äußerst niedrige Wahlbeteiligung sowie den Sieg der Kremlpartei "Vereintes Russland" aus. Ihre Erklärung?

Ulitzkaja: Die Menschen sind enttäuscht. Gewählt haben vor allem jene, die direkt von der Politik abhängig sind: Beamte und Lehrer, die unter Druck gesetzt wurden. Der Protest, so scheint mir, drückt sich aber direkt in der niedrigen Beteiligung aus. Die Leute wollen an keinem Schwindel teilnehmen.

STANDARD: An dem Wochenende, an dem Sie in Heidenreichstein sind, nämlich am 20. und 21. Oktober, wird ein "Koordinationsrat" der Opposition gewählt, 88.000 "Wähler" haben sich bisher im Internet registriert, 45 Vertreter werden gewählt, Sie sind eine von 200 Kandidaten, die zur Wahl stehen. Was wollen Sie in diesem Gremium machen?

Ulizkaja: Die Opposition in unserem Land ist schwach. Ihr fehlen formale Strukturen. Der Sinn dieses neuen Koordinationsrates besteht darin, dass die Opposition sich mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, Positionen deutlich formuliert und stärker wird. Nachwuchspolitiker sollen sich hier profilieren können. Das braucht Zeit, nicht bloß ein oder zwei Monate. In Europa dauerte dieser Prozess Jahrzehnte.

STANDARD: Bedeutet Ihre Teilnahme, dass Sie vorhaben, Berufspolitikerin zu werden?

Ulizkaja: Nein! Ich denke daran, meine Kandidatur zurückzuziehen. In Debatten zu dieser Abstimmung wurde deutlich, dass es viele junge Menschen voller Energie gibt, die sich politisch betätigen möchten. Und in diesem Milieu sollen auch künftige Präsidenten und führende Politiker heranwachsen.

STANDARD: Dieser Tage erschien in Russland ein Band mit autobiografischer Prosa, der Roman "Das grüne Zelt" kam kürzlich in deutscher Übersetzung heraus - er erzählt aus Sicht von Dissidenten über die Geschichte Ihres Landes. In der russischen Kritik war davon die Rede, dass Sie mit diesem Roman der Literatur erneut eine ideologische Funktion zuweisen und der Schriftsteller erneut zu einem "Herrscher über Gedanken" avanciert. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ulizkaja: Ich möchte hoffen, dass dieses Buch zumindest dazu führt, dass über gesellschaftliche Entwicklungen der 1960er und 1970er nachgedacht wird. Mir fehlt derzeit jedes Verständnis dafür, dass Spitzenpolitiker versuchen, Stalin zu rehabilitieren. Dieser Tage wurde berichtet, dass eine Umbenennung von Wolgograd in Stalingrad diskutiert wird. Ich erachte jene Stalinisierung, die von der Staatsspitze vertreten wird, als gefährlich für Russlands Zukunft.

STANDARD: 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion sehen Sie noch immer die Notwendigkeit, Geschichten aus dissidenter Sichtweise zu erzählen. Hat die Literatur der Perestrojka-Zeit nicht überzeugend genug über die Sowjetunion aufgeklärt? Zu einer Immunisierung vor autoritären Tendenzen ist es nicht gekommen: 2000 hat eine Mehrheit für den KGB-Major Wladimir Putin gestimmt. Seine Dienststelle hatte zehn bis 15 Jahre davor noch Dissidenten verfolgt.

Ulizkaja: Sie nennen ja selbst den Grund, warum mich diese Thematik beschäftigt. Diese ziemlich traurige Entwicklung zeugt in erster Linie davon, wie wenig Literatur bewirken kann. Solschenizyns "Der Archipel Gulag" kam 1991 in Russland in einer riesigen Auflage heraus. Doch auch diese vernichtenden schriftstellerischen Worte hielten eine sehr große Zahl von Menschen nicht davon ab, einen Mitarbeiter des Geheimdienstes zum Staatschef zu küren. Wenn ein so wichtiges Buch nicht immunisieren konnte, was kann dann ich tun? Versuchen, wirklich nur versuchen, von der eigenen Sichtweise zu erzählen.

STANDARD: "Das grüne Zelt" kam im größten russischen Verlag heraus. Gleichzeitig handelt es sich um engagierte Prosa einer politisch deutlich positionierten Schriftstellerin. Hat man Ihrem Verleger noch nicht "empfohlen", sich andere Autoren zu suchen? Glauben die Mächtigem in Ihrem Lande nicht an jene Kraft der Literatur, von der "Das grüne Zelt" letztendlich handelt?

Ulizkaja: Offen gesagt warte ich schon darauf, dass Verleger meine Bücher nicht mehr veröffentlichen wollen. "Markt" ist aber heute in unserem Land noch stärker als "Ideologie". Derselbe Verlag publiziert neben meinen Büchern auch eines, in dem nicht nur Stalin, sondern auch andere Henker wie Berija bejubelt werden. Reputationsfragen interessieren Verleger nicht, es geht um den Gewinn: Solange Stalinismus gefragt ist, werden solche Bücher auch gedruckt werden. In manchen Buchhandlungen lässt sich selbst "Mein Kampf" finden!

Aber Zensur ist ein diffiziles Thema. Denn dann würden Orwell und Solschenyzin wieder verboten - nicht aber Hitler oder Stalin. Und Sie haben recht: Die politischen Eliten glauben nicht an die Kraft des Wortes. Das bedeutet aber keineswegs, dass man schweigen muss und all die unschönen Dinge, die sich ereignen, akzeptieren soll.

STANDARD: Russische Intellektuelle suchen derzeit gerne nach historischen Parallelen zu Putins repressivem Russland. Insbesondere jenes Kapitel in "Das grüne Zelt", das von der Aburteilung eines Dissidenten handelt, erinnert sehr an die aktuelle Geschichte mit Pussy Riot. Haben Sie über diese Parallelen nachgedacht, als Sie Ihr Buch schrieben?

Ulizkaja: Nein. Den Prozess gegen Pussy Riot konnte ich unmöglich vorhersehen, auch wenn sich die Tendenzen erkennen lassen. Und diese gefallen mir gar nicht. Es gibt eine Parallele, so würde ich meinen, was die Atmosphäre betrifft: Übertriebenes Pathos, Lüge, Speichelleckerei - all das liegt wieder in der Luft.

STANDARD: Im "Zelt" gibt es ein kleines österreichisches Moment: Sie erwähnen Wien mehrmals als jene Stadt, über die sowjetische Juden ins Ausland emigrierten. Weshalb gibt es keine detaillierten Wien-Episoden?

Ulizkaja: Ich weiß natürlich sehr viel über diese Bewegung Richtung Westen, über Details der Emigration. Aber ich musste wohl 30 Prozent des Romantextes kürzen. In gewissem Sinn bin ich Minimalistin: Ich schreibe lieber Erzählungen als Romane. Jedes Mal, wenn ich mir einen neuen Roman ausdenke, setze ich mir deutliche Grenzen. Die Menschen haben immer weniger Zeit. Ich komprimiere daher maximal.

STANDARD: Sie kommen dieser Tage als Ehrengast von "Literatur im Nebel" in das idyllische Heidenreichstein. Wie fühlt sich dieser Kontrast zu Russland an?

Ulizkaja: Ich bin glücklich über diese Möglichkeit, aus meinem furchtbar engen Zeitkorsett, in dem ich seit einigen Jahren lebe, auszubrechen. Heute habe ich darüber nachgedacht, wie idiotisch das ist: Ich fahre zwar nach Österreich, werde es aber nicht schaffen, ein paar Tage in Wiens wunderbaren Museen zu verbringen. Ich sage mir selbst: Ich gehe in Pension, und dann ... (Herwig Höller, DER STANDARD, Langfassung, 20./21.10.2012)

Ljudmila Ulitzkaja (69) lebt und arbeitet in Moskau. Sie schreibt Romane, Novellen und Theaterstücke. Internationalen Durchbruch erlebte sie 1992 mit ihrem Erzählband "Sonetschka". Es folgten u. a. "Ein fröhliches Begräbnis" (1998), "Die Lügen der Frauen" (2003); "Ergebendst, Euer Schurik" (2004); "Daniel Stein" (2006); "Das grüne Zelt" (2012). Ihre Prosa ist oft im russischen Künstler- und Akademikermilieu angesiedelt.

"Literatur im Nebel". 19./20.10., ab 17 Uhr lesen in der Margithalle in Heidenreichstein, NÖ, Schauspieler und Schriftstellerkollegen aus Ljudmila Ulitzkajas Werk. www.literaturimnebel.at

Zum Weiterlesen
Der dunkelgraue Paradiesgarten

Share if you care