Die Inhalte sind unsere Kronjuwelen

Blog22. Oktober 2012, 10:51
7 Postings

Fjum-Geschäftsführerin Daniela Kraus zum Start des neuen Blogs auf derStandard.at/Etat über Innovationsmanagement bei der "New York Times"

Auf Automobilmessen werden jedes Jahr "Concept Cars" präsentiert. Die zeigen, was technisch möglich ist. In Massenproduktion gehen sie nicht. Solch angewandten Möglichkeitssinn gibt es auch im Journalismus. Die "New York Times" hat seit dem Jahr 2006, dem 155. ihres Bestehens (Timeline 1851-1880), eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Rund ein Dutzend Mitarbeiter sind dort dafür zuständig, systematisch Innovationen zu entwickeln.

"Unser Job ist es, hinauszuschauen, Entwicklungen und Trends genau zu beobachten und in die Organisation zu bringen", sagt Michael Zimbalist (@zimbalist), der die Research-&-Development-Abteilung (R&D) seit ihrer Gründung leitet. Dieser Transfer funktioniere nicht "in langweiligen Sitzungen. Deshalb produzieren wir gleich Anschauungsobjekte." Die Kundschaft: seine Mitarbeiter. Zimbalist hat Programmierer, Journalisten, Techniker und Infografiker in seinem Lab, gemeinsam entwickeln sie Prototypen. Die Redaktion darf dann die Testrunden drehen - und arbeitet an der Serienreife.

Kollaboration und Kommunikation

Diese Zusammenarbeit ist besonders wichtig, sagt Zimbalist. Leicht könnten Entwickler sonst die Verbindung zum Tagesgeschäft verlieren, probieren sie doch ständig Neues - und manchmal Abgehobenes. Auch die R&D-Abteilung selbst ist aus einem kommunikationsintensiven Projekt hervorgegangen, aus der Integration der Print- und Online-Newsrooms.


Video: Integrated Newsroom bei der "NYT"

Der nächste logische Schritt in die digitale Zukunft war die Gründung der R&D-Abteilung. Zimbalist und sein Team entwarfen Workflows, Redaktionssysteme und Tools etwa für die gesamte Videoproduktion. Die "Times" sendet mittlerweile über ihre Videoplattform regelmäßig Newscasts, Audioslideshows und Videos aus allen Ressorts. Und: Manch Entwickler zieht dann mit seinem Projekt mit und setzt heute um, was er seinerzeit erfunden hat.

Der ehemalige R&D-Mitarbeiter Bill Horn (@billhorn123) etwa managt den Videodesk und arbeitet noch immer eng mit der Abteilung zusammen. Denn, und das ist ebenso wichtig wie das externe Trendscouting, neue Ideen kommen auch von innen. "Wir haben viel mehr davon, als wir umsetzen können", sagt Zimbalist. Über Wettbewerbe, "Challenges" und informelle Kanäle werden sie gesammelt, sortiert, gewichtet und miteinander verbunden, bevor entschieden wird, woran weitergearbeitet wird.

Mut zum Versuch

Ausprobieren ist dabei alles. Die "New York Times" arbeitet an neuen Plattformen, Analysetools, Workflows, Businessmodellen. Sie gründet oder unterstützt Start-ups, experimentiert mit interaktiven Features, APIs, Apps, Widgets.

  • Zu welchem Zeitpunkt sollen Storys publiziert werden? Die "Times" sieht sich an, wie "Publishing into the interest" - die Veröffentlichung eines Themas zu genau jenem Zeitpunkt, an dem es für das Publikum besonders interessant ist - bei großen Consumer-Brands funktioniert.
  • Wie kann Werbung einzelne "NYT"-Artikel durch soziale Netzwerke begleiten? Die "Times" entwickelt Ricochet, ein neues Social-Media-Werbetool.
  • Wie die Inhalte zahlreicher Experten-Blogs verwerten und für das Publikum der "NYT" aufbereiten? Die "Times" experimentiert mit Blogrunner, einem halbautomatisierten Blog-Aggregator, und kuratiert auf diese Weise Content, der redaktionelle Storys ergänzt.
  • Und wie das alles in Zukunft finanzieren? Das überlegt sich das Business-Development-Department, wo das Paywall-Modell der "Times" entwickelt wurde. Die Selbstdefinition? "Wir sind eine Serviceabteilung für den Newsroom. Denn die Inhalte sind unsere Kronjuwelen."

Innovation ist nichts Neues

Innovation ist nichts Neues. Neu ist, dass sie in Medien systematisch gefördert, gemanagt und implementiert wird. Für den R&D-Leiter ist das schon Gewohnheit: 2006 seien sie Vorreiter gewesen, aber heute habe ja schon jedes Medienunternehmen eine Entwicklungsabteilung. Ist schon möglich. Zumindest in New York. (Daniela Kraus, derStandard.at, 22.10.2012)

Links

nytco.com: New York Times Timeline 1851-1880

twitter.com: @zimbalist und @billhorn123

nytimes.com: Videoplattform

blogrunner.com: New York Times

derStandard.at: "New York Times" stellt neues Social-Media-Werbetool vor

paidcontent.org: Investors like New York Times‘ ‘paywall’ progress

Der Blog ist nach einer New York-Reise im Rahmen des IMIM-Programms entstanden.

IMIM-Programm

Michael Zimbalist, Bill Horn, Jim Roberts und Paul Smurl diskutierten in der "New York Times" mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Masterprogramms International Media Innovation Management über Innovationsstrategien. Das Programm (imim-master.com) wird von fjum_forum journalismus und medien wien (fjum-wien.at) und der Deutschen Universität für Weiterbildung in Berlin (duw-berlin.de) getragen.

  • Die "Grey Lady" hat eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung.
    foto: ap/mark lennihan

    Die "Grey Lady" hat eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung.

  • Managt Innovation bei der "New York Times": Michael Zimbalist.
    foto: medienhaus/patricia käfer

    Managt Innovation bei der "New York Times": Michael Zimbalist.

  • Im Newsroom-Studio.
    foto: fjum/daniela kraus

    Im Newsroom-Studio.

Share if you care.