Das dreizehnte Schaltjahr

Glosse19. Oktober 2012, 10:43
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Morgens gegen halb sieben, wenn der Wicht noch schläft, sitze ich auf dem Klo und löse Kreuzworträtsel. Meine Freundin sitzt in der Küche, frühstückt und hilft mir beim Wörtersuchen

An diesem Morgen ist es nicht anders: Dickdarmakrobatik und Gehirntraining. Zwischen zwei Presseinheiten frage ich: "Zeiteinheit mit drei Buchstaben? Was sagst´n du mein Schatz? Tic oder Tac?" Sie atmet saugend ein und ich weiß, dass sie die Augen nach oben rollt. "Du kiffst zu viel!" Na dann muß es wohl "Uhr" sein, denke ich und schreibe es hin. Nun steht sie an der Tür: "Alles Gute zum Geburtstag!". Ich bin ehrlich überrascht: "Wie alt werd ich denn?" Einatmen, Augenrollen: "Zeiteinheit mit drei Buchstaben ist 'Tag', wie in 'Geburts-Tag', du wirst fünfzig und du kiffst zu viel!"

Einmaleins des Lebens

Ich rechne nach: Es sind genau 18.237 Tage und Nächte seit meiner Geburt vergangen. Meine Mutter erzählt mir heute noch alle drei Wochen, dass dieser Tag, vielmehr ein kalter, grauer Morgen in Beograd, so düster ist, dass selbst die Krähen stumm auf den Dächern sitzen. Sie liegt im Gang neben einem zugigen Fenster, weil in den Zimmern kein Platz ist. Meine dünne Mutter liegt über zehn Stunden in den Wehen. Ich komme mit der Nabelschnur um meinen Hals und schon leicht blau im Gesicht zur Welt. Es ist kurz nach fünf Uhr morgens.

Was auch immer das Omentechnisch bedeutet - heute, fünfzig Jahre später, inmitten der globalen Klimaerwärmung, ist es ein sonniger Morgen, der laut Prognose zu einem sonnigen Frühlingstag mitten im Oktober wird. An Zeichen, Wunder und Horoskope glaube ich sowieso nicht.

Mit fünfzehn rechne ich nach, wie alt ich sein werde, wenn das 21. Jahrhundert endlich beginnt. Im Jahr 2000, wenn alle Menschen auf der Erde einen Computer, ein Flugauto und genug zu essen haben werden und die Fußmaroden von der Wiener Gebietskrankenkassa zur Kur auf den Mond geschickt werden, soll ich siebenunddreißig Jahre alt sein. Wenn mein Sohn volljährig ist, bin ich fünfundsechzig und er muss sich in seiner Schule nicht mehr fragen lassen, warum zum Elternsprechtag immer der Opa kommt. Meine Zahnärztin rechnet mir neulich vor, dass mich nur noch fünf Jahre von einer Vollprothese trennen, wenn ich weiter rauche. Zum Lungenfacharzt gehe ich nicht, das ist mir zu viel Mathematik.

Where no man has gone before

Am 21. Juli 1969 landen amerikanische Soldaten auf dem Mond und Ing. Milivoj Jugin, der sozrealistische Raumfahrtexperte erklärt uns, was da auf der Mattscheibe in schwarz-weiß-grau flimmert. Unser TV-Gerät hat ein Gehäuse aus Holz, die Knöpfe sind aus Bakelit und vor der Mattscheibe ist noch eine Glasscheibe montiert. Weil die Röhren erst warm werden müssen, dauert es fast zwei Minuten, bis ein Bild da ist und weil sie keine Schwankungen in der Stromspannung vertragen, ist ein Stabilisator dazwischengeschaltet, der vor dem TV-Gerät eingeschaltet werden muss.

Einige Jahre später, immer mittwochs, wenn um 15 Uhr "Star Trek" läuft, hocken die meisten Kinder Jugoslawiens vor den Holzfernsehern und sind bereit mit Captain Kirk dahin zu gehen, wo noch kein Mensch zuvor gewesen ist. Danach spielen wir mit Kommunikatoren, die aus Streichholzschachteln sind, ballern mit Fasern aus Legosteinen und fliegen durch das All auf der großen Pinie in Sutivan oder darunter, in Opas Militärzelt, die abwechselnd unsere "Enterprise" sind. Da bin ich schon fast Österreicher, weswegen ich oft der außerirdische Schurke sein muss.

Im Sommer 1976 landet Viking 1 auf dem Mars und "Galaksija" das sozrealistische Magazin für nerdige Kids bringt viele Farbfotos von der Oberfläche. Das Fernweh nach dem All und die Lust auf Sci-Fi werden für immer in mein Hirn eingraviert, der Big Bang wird mir viel majestätischer und wunderbarer als ein bärtiger Mann, der alles in sechs Tagen hinkleistert. So kommt es, dass mich mein Idol, Mr. Spock zum Atheisten macht. Logisch, oder?

Auch heute gibt es für mich nichts Spannenderes als eine neue Mission zu den Planeten und ich erwische mich oft beim Pathetikum, unserem Sohn ins Ohr zu flüstern: "Eines Tages fliegst du zum Mars und bringst Mama und Papa einen roten Stein mit."

Piloten, Proleten und Papiertiger

Ein alter Pilot, der noch am Ende des Zweiten Weltkriegs in einer Partisanenstaffel fliegt und später Passagierjets für die JAT, sagt mir, es gebe drei große Zeitabschnitte im Leben des Menschen: In der Kindheit regiert das Heute, in der Jugend das Morgen und im Alter das Gestern. Und wenn ich diese Kolumne durchlese, scheint mir, der alte Luftkommunist behält Recht.

In Jugoslawien ist von Tito abwärts einfach jeder ein Proletarier, man hat keine Vergleichsmöglichkeit mit dem Klassenfeind. In Österreich hingegen wird aus dem Abstraktum Arbeiterklasse ein konkreter Wiener Prolet. Als Vergleich habe ich in Österreich die Klasse der Angestellten und der den Mehrwert verprassenden Kapitalisten. Allerdings macht es mir die Begegnung mit dem österreichischen Proletarier in Zukunft schwer, die Arbeiterklasse zu lieben.

Mein Mitschüler Edi hingegen, Sohn eines Beamten, der mich in der Volksschule traktiert, herumschubst und bepöbelt, weil ich ein Tschusch bin, erfährt seine Grenzen in meinem Schwitzkasten, aus dem ihn erst die Frau Lehrerin befreien kann. Danach ist Edi so klein, wie seine kleingeistige Seele.

Meine letzte Zukunft

Christopher Hitchens sagt in einer Debatte, dass wenn es so etwas wie Unsterblichkeit gibt, oder auch nur einen Seitenblick darauf, dann manifestiert er sich in unseren Kindern. Ich zögere lange, bevor ich dem erpresserischen Verlangen meiner Freundin nach dem ultimativen Liebesbeweis nachgebe. Es ist kein Scheiß, ein guter Vater zu sein. Aber es macht mehr Spaß, als es den Anschein hat. Zudem bietet es, zumindest einem Typen in seinem dreizehnten Schaltjahr, so was wie eine Zukunft 2.0.

Und die beginnt nächstes Jahr im Sommer, wenn ich in Sutivan bei Mate eine Räuse kaufe, sie abends mit unserem Sohn unweit des Strandes im Meer versenke um am nächsten Morgen mit Tauchmaske und Schnorchel, die Beute hebe, während weiter draußen, Ivo Sila, der letzte Fischer von Sutivan mit seiner blauen Gajeta hoffentlich noch immer "in die Fische geht".

Ich kann nicht behaupten, nach einem halben Jahrhundert auf unserem Planeten, irgendeine weltbewegende Erkenntnis erlangt zu haben. Ich weiß nur, was alle anderen auch wissen: wie man einen Joint dreht und dass die Menschen stets den Affen näher sind, als den Affen lieb sein kann. Bomboclat! (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 19.10.2012)

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    foto: franka bruns
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