"Die Unentschlossenen und Unabhängigen bringen den Wahlsieg"

Chat23. Oktober 2012, 13:02
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STANDARD-Redakteur Christoph Prantner analysierte das letzte TV-Duell im Speziellen und den US-Wahlkampf im Allgemeinen

Die dritte und letzte TV-Debatte der Kandidaten im US-Wahlkampf ist geschlagen, Amtsinhaber Barack Obama gilt als Sieger nach Punkten. Allerdings, so meint STANDARD-Redakteur Christoph Prantner, der die Debatte vor Ort verfolgte, dient die letzte Debatte meist nur mehr zur Festigung der Meinungen, ist also nicht mehr wahlentscheidend.

Das Rennen werde auf alle Fälle bis zum Schluss spannend sein, vor allem in Bezug auf "Swing-States" wie Ohio und Florida. In Florida könnten laut Prantner neue Wahlregeln, die es Minderheiten und sozial Schwächeren sehr viel schwerer machen, zu den Urnen zu gehen, den Republikanern nutzen. In der Wahlschlacht rechnet Prantner noch mit "November surprises".

ModeratorIn: Lieber Christoph Prantner in Florida, liebe User und Userinnen weltweit. Ich begrüße alle herzlich im Chat zum US-Wahlkampf nach der letzten Debatte zwischen den US-Präsidentschaftskandidaten. Es kann losgehen.

Christoph Prantner: Guten Morgen aus Boca Raton!

herewegoagain: Wie wichtig sind dieses TV-Duelle wirklich für die Wahlentschiedung?

Christoph Prantner: Das kommt auf das Timing an. Das erste war das wichtigste, weil es Anfang Oktober noch viel mehr unentschlossene Wähler gab. Das Duell gestern hat wohl nur noch wenige ihre Meinung ändern lassen oder bei der Entscheidung geholfen. Es hat vielmehr Überzeugungen verstärkt.

yucca: Spielt die US-Außenpolitik überhaupt eine große Rolle in der Wahlentscheidung der Amerikaner?

Christoph Prantner: Ganz klar: Nein. All politics is local. Die Debatte gestern ist dementsprechend auch nach einer halben STunde zur Innenpolitk mit Steuerfragen, Bildung, Helath Care und dergleichen abgebogen.

sebastianscheinsteiger: Lieber Herr Prantner, was halten Sie von dem Gerede, dass Obama die erste Debatte absichtlich verpatzt hat?

Christoph Prantner: Darüber kann man nur spekulieren. Wenn er das tatsächlich getan haben sollte, war das ein Hochrisikomanöver, denn jetzt besteht eine viel größere Gefahr für ihn, die Wahl zu verlieren, als noch Anfang des Monats.

AUA232: Wie groß ist eigentlich das Interesse an diesen TV-Duellen bei den US-Amerikanern? Vergleichbar mit den Sommergesprächen im ORF?

Christoph Prantner: Größer. Die erste Debatte hatte annähernd 70 Millionen Zuseher, das sind mehr als 20 Prozent der US-Bevölkerung. Bei den SOmmergesprächen waren es weniger, wenn ich mich nicht irre.

Walter KURTZ: Waren Sie im gestern Spinroom und wenn ja - wen getroffen, welche Erfahrungen gemacht?

Christoph Prantner: Ja, war dort. Habe kurz mit Dave Axelrod, David Plouffe, Jim Messina und Debbie Wasserman von den Dems gesprochen und bei den Reps mit Marco Rubio, Portman, Fehrnstrom. Der Interessanteste war aber Bill Schneider, der Pollster von CNN, der die Zahlen sehr gut einordnet. Interview kommt demnächst im Standard.

hp17: Was tut sich in Florida? Ist der Wahlkampf im Alltag sichtbar?

Christoph Prantner: Absolut. Sie können nicht Radio hören oder fernsehen ohne von Spots bombardiert zu werden, überall Plakate und Kundgebungen. Ich fahre morgen nach Zentralflorida. Dort entscheidet sich, wer den Bundesstaat gewinnt. Und dort wird es noch einmal intensiver sein. Allein Obama hat zwischen Tampa und Orlando in diesem Jahr 30 Mio Dollar für seinen Wahlkampf ausgegeben.

Servus nach Österreich: Falls es Mitt Romney doch noch schaffen sollte: welchen außenpolitischen Kurs erwarten Sie sich von ihm? Gestern hat er ja gemeint, Syrien sei wichtig, weil Irans Meereszugang durch dieses Land führe ...

Christoph Prantner: Es war gut zu erkennen, dass es einen großen Unterschied im außenpolitischen Ton der beiden Kandidaten gibt, aber in der Sache waren sich die beiden Herren einig: Keine Intervention in Syrien, Angriff auf den Iran als letztes Mittel, Partnerschaft mit China, ein strakes Militär, unverbrüchliches Bündnis mit Israel. Wird Romney Präsident, wird er die Realpolitik Obamas fortführen, die dieser aus den letzten beiden Bush-Jahren übernommen hat.

hp17: Nehmen die Wähler Romney die Wandlung zum Kandidat der Mitte ab?

Christoph Prantner: Ich denke ja. Vor allem, wenn man ihn mit dem Rest der Republikanern vergleicht. Romney hat gestern vor allem danach getrachtet, präsidiabel und moderat zu wirken. Das ist ihm gelungen. Sonst würde er in den Umfragen seit Wochen nicht gleichauf mit Obama liegen.

scheinbarselbstverliebt: Was sagt denn Bill Schneider?

Christoph Prantner: Er meint, dass das erste TV-Duell den Eindruck entstehen hat lassen, die Wahl sei ein Referendum über Obama. Genau das wollten die Demokraten immer vermeiden. Er hält es derzeit dennoch für wahrscheinlicher, dass der Präsident gewinnt, weil er im wahlentscheidenden Ohio trotz allem noch immer voran ist.

peter schmidt: Es gibt ja zur Zeit eine kleine Divergenz. Bei den Umfragen ist Romney knapp vorne. Trotzdem gilt Obama immer noch irgendwie als Favorit. Wie sehen Sie das?

Christoph Prantner: Kommt darauf an, welche Umfragen man sich ansieht. In den nationalen Polls war die Dynamik zuletzt auf Romneys Seite. Aber weil der US-Präsident mit einem Elektorensystem gewählt wird, zählen wenige Bundesstaaten, in denen das Rennen tatsächlich entschieden wird. Dort liegt Obama noch immer besser. Die New York Times setzt in ihren Berechnungen eine Wahlwahrschenlichkeit von etwa zwei Drittel für Obama zu einem Drittel für Romney an. Das letzte Mal lagen sie damit sehr gut.

nils_holgersson: As Ohio goes, so goes the nation. Wie schätzen Sie die Lage in Ohio derzeit ein? Wissen Sie wie das Obama- bzw. Romney-Lager Ohio derzeit einschätzen?

Christoph Prantner: Ich war im März beim Super-Tuesday dort. Damals war die Lage noch nicht so gut für Obama wie heute. Ohio hat sich ökonomisch etwas von den USA abgekoppelt, die Wirtschaft läuft dort deutlich besser als anderswo, die Arbeitslosenrate ist niedriger, es gibt neuerdings sogar Stahlwerke, die nach China exportieren. Das hilft dem Präsidenten natürlich. Die meisten Demoskopen (auch Schneider) glauben, dass Obama dort gewinnen wird. Das Obama-Lager hat dort sein stärkstes Wahkampfteam in einem Bundesstaat stationiert. Aber die Republikaner haben beim "ground game" aufgeholt, Senator Rob Portman gestern: "Wir haben dort 25 Mal mehr Wählerkontakte gehabt als letztes Mal.

Zitronengras: Bei der vergangenen Wahl konnte Obama viel in bzw durch Social Media und neue Medien generell punkten. Ist das diesmal wieder so stark Thema?

Christoph Prantner: Ja. Und zwar, weil er einfach die jüngere Wählerschaft hat. Eine genauere Twitter-Auswertung der Tweet liegt erst für die zweite Debatte vor, von insgesamt 7,2 Mio Tweets waren jene der Obama-Anhänger damals in der Mehrheit. Obama hat etwa 15 Millionen Follower auf Facebook und noch einmal ebensoviele E-mail-adressen. Diese Datenbanken sind für seine Wahlkämpfer Goldgruben.

scheinbarselbstverliebt: Wie stark war denn diesmal Obamas Erfolg, was Eintreiben von Kleinstspenden betrifft? Letztes Mal wurde er ja derart dafür gelobt ..

Christoph Prantner: Obama war diesmal sogar noch erfolgreicher. Im September zählte seine Organisation vier Millionen Menschen, die für ihn Geld gaben. So viel wie noch nie. Mehr als 90 Prozent davon sind so genannte Kleinspender unter 250 Dollar, bei Romney ist das Verhältnis genau umgekehrt.

peter schmidt: Sehen Sie es als Misserfolg der Tea Party Fraktion an, dass einerseits mit Romney ein absoluter Zentrist Kandidat ist, und dass eigentlich im Wahlkampf mit Obama kaum über die berühmten Values geredet wird. Bzw. ist mein Eindruck falsch, dass es zu

Christoph Prantner: Romney ist nur im Vergleich mit den Tea Baggern ein Zentrist, für unsere Verhältnisse ist er ziemlich konservativ. In den letzten Wochen hat er sich allerdings sehr viel Mühe gegeben, nach den Vorwahlen wieder in die Mitte zu rücken. Denn die Unentschlossenen und die Unabhängigen bringen den Wahlsieg. Über Wertefragen haben diesmal mehr die Demokraten gesprochen, Z.B. Frauenrechte und Abtreibung. Aber die Wirtschaft ist einfach das alles überdeckende Thema. Noch immer gilt: It's the economy, ...

Blockmalzmann: Wie schätzen Sie die Hürden ein, überhaupt wählen zu können - mancherorts gilt ja nur mehr ein Ausweis mit Photo und Adresse. Sind die Reps damit im Vorteil?

Christoph Prantner: Die Republikaner haben in vielen Bundesstaaten Wahlgesetze forciert, die es Minderheiten und sozial Schwächeren sehr viel schwerer machen, zu den Urnen zu gehen. Ein gutes Beispiel ist Florida. Hier haben das letzte Mal 60.000 Stimmen den Bundesstaat entschieden. Das konnte mit den neuen Regeln diesmal für die Republikaner reichen.

Blockmalzmann: Obama dürfte gewinnen, aber bleibt der Senate demokratisch - und wie schauts mit dem Repräsentantenhaus aus, wird da gewählt bzw ist eine Änderung der Mehrheiten in Sicht?

Christoph Prantner: Noch einmal Bill Schneiders Einschätzung: Repräsentantenhaus bleibt republikanisch, mit leichten Abstrichen für die GOP. Der Senat behält seine demokratische Mehrheit, mit leichten Abstrichen für die Demokraten.

Ado Annie: Glauben Sie, dass die diversen Berichte über betrügerische Machenschaften bei der Wählerregistrierung, die Rolle des Romney-Sohnes beim Kauf von Wahlautomaten, etc., das Wahlergebnis zugunsten Obamas beeinflussen können, oder gehören solche Berichte

Christoph Prantner: Ich glaube nicht, dass das großen Einfluss auf den Wahlausgang haben wird. Es gehört zum Tagesgeschäft der Spin-Doktoren, solche Geschichten in Umlauf zu bringen und zu halten. Solche Dinge sind dazu da, die eigene Basis zu motivieren. Gelingt das, ist das insbesondere für Obama gut, denn er muss seine winning coalition aus Jungen, Minderheiten und Liberalen auch diesmal wieder zu den Urnen bringen.

Dimple: Ich hatte am Anfang den Eindruck, dass die GOP wirklich starke KandidatInnen für in 4 Jahren zurückhält (so wie zB. die Dems 1992 Mario Cuomo) und Romney nur der beste der schlechten ist - Wie sehen Sie das?

Christoph Prantner: Viele potenzielle Kandidaten der GOP haben ein Kosten-Nutzen-Kalkül gemacht: Zahlt es sich aus gegen einen amtierenden Präsidenten anzutreten und wahrscheinlich zu verlieren? Senator Marco Rubio und andere haben entschieden, dass sie es 2016 wissen wollen - gegen einen ebenfalls neuen Demokraten. Viel von dem, was hier passiert, ist Schaulaufen für 2016.

Dimple: Meine Erwartung ist seit einem Jahr, dass Obama mind. rd. 305-310 von 538 Wahlmännern erreichen wird - und dass der jetzt ausgerufene knappe Kampf aus Sicht der Dem. nur zur Aktivierung der WählerInnen dient und nicht tatsächlich knapp ist. Wie ist

Christoph Prantner: Ja, Obamas Wahlkampf leidet schon das ganze Jahr über an einem sogenannten enthusiasm gap. Seine Wähler sind nicht mehr so leidenschaftlich wie noch 2008. Und der Präsident muss sich alle Mühe geben, sie zur Wahl zu bekommen. Das knappe Rennen nützt den Demokraten mit Sicherheit, aber dass es so knapp werden würde, haben sie wahrscheinlich auch nicht gewollt/geplant. Entscheidend ist einfach Ohio. Wenn Obama dort gewinnt, kann Romney Florida und Virginia gewinnen und hat trotzdem kaum eine Chance auf 270 Wahlmänner zu kommen.

peter schmidt: Denken Sie eine Seite hat noch irgendwas echt spektakuläres im Köcher (z.b. einen Skandal) oder sind beide Kandidaten einfach schon vollständig untersucht worden?

Christoph Prantner: Mit Sicherheit. Es wird October surprises geben und auch November surprises. Die Frage ist nur, was sie noch bewirken können. Die letzten Berechnungen der Demoskopen sehen die Zahl der Unentschlossenen bei etwa 3 Prozent der potenziellen Wählerschaft, alle anderen haben ihre Entscheidung schon getroffen. Da müssten die Wahlkampfteams schon einen echten Knaller im Talon haben, dass sich hier noch viel bewegt.

d_dd: Gibt es bereits Spekulationen, wen die Demokraten zur nächsten Wahl ins Rennen schicken könnten?

Christoph Prantner: Hillary Clinton. Sie, sagen mir Leute, die ihr nahestehen, will es unbedingt noch einmal wissen.

d_dd: würde dieses ins-zentrum-rücken romneys auch falls er präsident wird spürbar sein, oder hat sich die welt im fall seiner wahl auf einen besonders wertekonservativen kandidaten einzustellen?

Christoph Prantner: Da muss man Innen- und Außenpolitik unterscheiden: Außenpolitisch würden sich sicher keine plattentektonischen Verschiebungen ergeben. Innenpolitisch kann das schon anders sein: ewta wenn es darum geht, Sozialprogramme an die Bundesstaaten weiterzugeben. In vielen republikanischen Bundesstaaten wäre das für die Betroffenen eine schwere Drohung.

Blockmalzmann: Stimmt die Wahrnehmung, dass Europa oder die EU wenn dann nur in einem negativen Kontext im Wahlkampf vorkommen?

Christoph Prantner: Ja, Romney nimmt das immer als Schreckensbeispiel. Die USA dürften nicht Europa werden, sagt er bei jeder Gelegenheit. Gestern kam Europa praktisch gar nicht vor. Kein Wort über die Eurokrise, das transatlantische Bündnis und dergleichen. Die Amerikaner beider Parteien schauen schon lange ber den Pazifik nach China.

ModeratorIn: Leider ist die Chatstunde auch schon wieder um. DAnke an Christoph Prantner für seine Einschätzungen und an unsere User für die Fragen. Noch einen schönen Nachmittag hierzulande und "Good morning, Florida".

Christoph Prantner: Danke für die sehr interessanten Fragen, guten Abend Wien!

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