"Kurier"-Chefs: "Jeder Journalist hat Fakten der Betriebswirtschaft zu akzeptieren"

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"Kurier"-Geschäftsführer Kralinger und Chefredakteur Brandstätter waren zu Gast im Chat

"Es geht keineswegs darum, Jobs zu streichen, das macht niemand gern", sagt "Kurier"-Geschäftsführer Thomas Kralinger im Chat, "wie alle Medienunternehmen müssen wir aber auf die Entwicklung der Medienlandschaft reagieren. Unsere Einsparungsziele sind kostenseitig determiniert." Kralinger zu den Diskussionen rund um die Verhandlungen eines neuen Kollektivvertrags: "Natürlich sind auch Onlinejournalisten Journalisten." Aber der Tageszeitungs-KV sei "auf die Arbeitsweise der Onlinejournalisten so nicht anwendbar, und als Anachronismus seien hier nur verschiedenste Zulagen erwähnt, die Printjournalisten erhalten, aber Voraussetzung für die Tätigkeit der Onlinejournalisten sind."

Helmut Brandstätter über Unabhängigkeit: "Eine Tageszeitung kann nur dann unabhängig sein, wenn sie wirtschaftlich erfolgreich ist. Ich gehe weder zu Politikern noch zur Wirtschaft 'buckeln', um Inserate zu bekommen, sondern möchte mit den besten Mitarbeitern die bestmögliche Zeitung machen. Noch etwas: Jeder Journalist, auch der Chefredakteur, hat Fakten der Betriebswirtschaft zu akzeptieren. Ein Unternehmen, wo die Kosten steigen, die Erlöse aber fallen, kann auf Dauer nicht oder jedenfalls nicht unabhängig existieren." (red, derStandard.at, 23.10.2012)

ModeratorIn: Wir begrüßen "Kurier"-Geschäftsführer Thomas Kralinger und "Kurier"-Chefredakteur Helmut Brandstätter sehr herzlich zum Chat und freuen uns auf eine spannende Stunde!

Brandstätter, Kralinger: Wir bedanken uns für die Einladung und freuen uns auf viele interessante Fragen!

UserInnenfrage per Mail: Man hört, die externe Unternehmensberatung wollte rund 50 Jobs streichen. Stimmt das? Und wie sind sie dann auf minus 25 Jobs gekommen?

Brandstätter, Kralinger: K: Ich weiß nicht, woher Sie diese Zahl haben. Es geht keines wegs darum, Jobs zu streichen, das macht niemand gern. Wie alle Medienunternehmen müssen wir aber auf die Entwicklung der Medienlandschaft reagieren. Unsere Einsparungsziele sind kostenseitig determiniert. B: Berater können Ideen entwickeln, aber wir haben die Verantwortung zur Entscheidung und nur wir kennen die Arbeit der Redaktion. Mein Ziel ist es, Kosten zu senken, aber die Qualität zu bewahren - das wird uns auch gelingen.

ModeratorIn: Kolportiert werden Einsparungsziele im hohen einstelligen Millionenbereich. Können Sie diese Zahl bestätigen?

Brandstätter, Kralinger: K: ja, wir werden Kosten senken und Erlöse steigern. Das gilt doch für alle Medienunternehmen, dass in den letzten Jahren die Kosten überdurchschnittlich gestiegen sind und die Einnahmen im Idealfall gleich geblieben sind.

nils_holgersson: Anfang November kommt ein Relaunch des Kuriers. 1. Online und Print oder nur online? 2. Was können wir online erwarten? 3. Welche Websites waren Ihre Vorbilder?

Brandstätter, Kralinger: K: Wir relaunchen sowohl das Printprodukt als auch den Onlineauftritt. Wir haben uns hier an internationalen Vorbildern orientiert. Für das Design haben wir Lukas Kircher engagiert, der die internationalen Vorbilder in eine adäquate Optik weiterentwickelt hat. Online können Sie auf der Startseite eine opulentere Optik und wesentlich mehr Inhalt mit einigen innovativen technischen Features erwarten. Das Projekt wird von George Nimeh geleitet, der hier seine langjährige Erfahrung eingebracht hat.

Birgit_Riegler: Der Kurier denkt über Paid Content nach, wie könnte dieser Ihrer Meinung nach ausehen, ohne Leser zu verlieren? Für welche Inhalte wäre das sinnvoll?

Brandstätter, Kralinger: K: Da sprechen Sie eine der interessantesten Aufgabenstellungen an, mit denen sich weltweit Nachrichtenplattformen beschäftigen. Sinnvoll kann es derzeit nur dort sein, wo wir dem Leser einen Mehrwert oder spezialisierte Inhalte anbieten. In Österreich sind unsere Herausforderung einerseits die Marktposition des ORF.at, wie auch das noch zu regelnde Leistungschutzrecht um unsere Inhalte zu schützen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in den nächsten 12 bis 24 Monaten andere Plattformen in Österreich sehen werden, die mit kostenplichtigen Angeboten beginnen.

UserInnenfrage per Mail: Wenn Medien wie derStandard.at, presse.com etc. kostenlos gelesen werden können, wie will es der „Kurier“ schaffen, User zum Zahlen zu bringen?

Brandstätter, Kralinger: B: Mit unseren Exclusivstorys, die jetzt von anderen Plattformen zitiert werden. Ich habe da viele Beispiele mitgebracht. Ich sehe nach wie vor eine Zukunft im Aufdeckungsjournalismus, gerade in Österreich.

meryn: Ressortleiter sollen künftig für Online- und Print zuständig sein. Warum haben Sie sich für diese Verschränkung entschieden? Wie soll das im Alltag beim Arbeitsablauf aussehen?

Brandstätter, Kralinger: B: Die Themen entwickeln sich im Laufe des Tages und da müssen unsere spezialisierten Journalisten den jeweiligen Stand der Dinge online schreiben. Es ist oft undenkbar, wichtige Nachrichten für die Zeitung aufzuheben. Alles erscheint unter der Marke Kurier. Da kann es redaktionell nur eine Verantwortung geben.

Miklova Zala: Im Zuge der Verhandlungen zur Neugestaltung des Journalisten-KV zeigt sich, dass die JournalistInnen zahlreicher Online-Readktionen entweder als "Scheinfreie" beschäftigt sind bzw. in den "Werbung- und Marketing-KV" abgeschoben wurden. Wie sieht es

Brandstätter, Kralinger: K: Der derzeitige Journalistenkollektivvertrag enthält viele Regelungen, die in keinster Weise für den Onlinebetrieb anwendbar sind. Das Berufsbild des Onlinejournalismus hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Genau deswegen verhandeln wir über einen neuen Kollektivvertrag, der auch für den Onlinejournalismus gelten soll. Derzeit wenden wir den KV für Werbung und Marktkommunikation an. Über "Scheinfreie" ist mir beim Kurier nichts bekannt.

Graue Eminenz: Herr Brandstätter hat per Twitter großartig gemeint, er zahlt seinen Journalisten den richtigen Kollektivvertrag. Das stimmt aber so nicht - die Online-Redakteure haben entweder gar keinen oder einen falschen Vertrag! Sie denken über eine integriert

Brandstätter, Kralinger: B: Ich habe von den Kollegen bei Print gesprochen, das inkludiert bei uns etwa, dass wir die Quinquennien auszahlen. Für Nicht-Journalisten, das bedeutet alle 5 Jahre 10% Plus zusätzlich zu den KV-Erhöhungen. Ich höre von anerkannten Qualitätszeitungen des Landes, dass das dort nicht so gehandhabt wird.

ModeratorIn: Wieso sind Regelungen aus dem Journalisten-KV nicht für Onliner anwendbar. Sind das Ihrer Meinung nach keine Journalisten?

Brandstätter, Kralinger: K: Der Journalisten-KV gilt für die bei TZ-Beschäftigen Mitarbeiter. Kurier.at und auch Standard.at sind wie fast alle Nachrichtenplattformen dieses Landes vor Jahren in eigenen Gesellschaft gegründet worden. Natürlich sind auch Onlinejournalisten Journalisten. Aber der TZ-KV ist doch auf die Arbeitsweise der Onlinejournalisten so nicht anwendbar und als Anachronismus seien hier nur verschiedenste Zulagen erwähnt, die Printjournalisten erhalten, aber Voraussetzung für die Tätigkeit der Onlinejournalisten sind. Ich möchte aber betonen, dass die Verleger sich intensiv für einen gemeinsamen, modernen KV einsetzen.

Herman Kragsvei: Junge Journalisten befinden sich prekären Arbeitsverhältnissen und unbezahlten Praktika. Was wird der Kurier im konkreten dagegen tun oder befürwortet er solche Zustände?

Brandstätter, Kralinger: B: Das gibt es bei uns nicht. Wir bezahlen auch Volontäre.

UserInnenfrage per Mail: Wenn Print-Journalisten online arbieten, kannibalisieren sie mittelfristig die Kaufzeitung, oder? Und da reden wir noch nicht davon, dass fürs Recherchieren tagsüber weniger Zeit bleigt, wenn man gleichzeitig online schreibt.

Brandstätter, Kralinger: B: Wir werden uns nicht gegen den technischen Fortschritt wehren, sondern ganz im Gegenteil für uns nützen. Im übrigen haben wir trotz zweistelligen Wachstums im Onlinebereich mit der Zeitung eine leicht steigende Auflage, das gilt insbesondere für das Abo. Wenn wir es richtig machen, ist Print und Online kein Widerspruch.

permanent marker: Was heißt über "Scheinfreie" beim Kurier ist Ihnen nichts bekannt, natürlich gibt es dort "freie" Mitarbeiter, die in Wahrheit die selbe Arbeit machen wie die angestellten.

Brandstätter, Kralinger: B: Es gibt freie Kolumnisten und es gibt eine seit Jahren sinkende Anzahl an Pauschalisten, weil wir in den letzten Jahren junge Journalisten nach KV angestellt haben. Wir haben heute mehr Angestellte als vor fünf Jahren.

Elsa Vladimirow: Man liest, der Kurier plant eine Lehrredaktion. Wie soll die aussehen, was soll sie kosten und wer vor allem soll dort "lehren", wenn doch Personaleinsparungen damit einhergehen sollen?

Brandstätter, Kralinger: B: Die Kosten berechnen wir erst. Ich finde das Modell der Presse nicht schlecht. Aber eine generelle Bemerkung: Ich befürchte dass das Ansehen des Journalismus in Österreich aufgrund verschiedener Erscheinungen eher gesunken ist. Wie in anderen Bereichen kann nur eine bessere Ausbildung helfen. K: Das ist kein Widerspruch, selbst nach der derzeitigen Restrukturierung wird der Kurier eine im österreichischen Vergleich große Redaktion haben. Natürlich müssen wir auch in die Zukunft investieren.

Birgit_Riegler: Auch der IT- und der Werbungs- und Marketing-KV sind auf die Arbeitsweise von Online-Journalisten nicht anwendbar, liegen sogar noch weiter entfernt als Journalisten-KV. Es ist noch in gewissem Maß nachvollziehbar dass die Online-Redaktionen in Anfa

Brandstätter, Kralinger: K: Diese Frage müssen Sie der Arbeitnehmerseite stellen. Wir haben einen deutlich veränderten KV für die kaufmännischen Angestellten in knapp 1 1/2 Jahren verhandelt. Beim JournalistenKV hatten wir mittlerweile 33 Verhandlungsrunden!

Miklova Zala: Das heißt: Auflage steigt, Onlinezahlen auch: warum dann Einsparungen bei Belegschaft. Für noch mehr Profit und Boni?!

Brandstätter, Kralinger: K: Ich würde mir wünschen, dass ich diese Probleme hätte. Tageszeitungen haben 2 Erlösseiten: Anzeigen und Vertriebserlöse. Nachrichtenplattformen haben überhaupt nur Werbeeinnahmen. Personalkosten steigen seit Jahren um rund 5% p.A. . Die Akzeptanz unserer Produkte ist äußerst erfreulich und die Basis für die Zukunft, kann aber das Erlösproblem nicht beseitigen. Und dazu kommt: wir haben seit 2008 eine Wirtschaftentwicklung die auch an den Medien nicht vorrüber geht.

Walter KURTZ: Herr Brandstätter, der Kurier bezeichnet sich immer als Qualitätszeitung. Warum hält man sich dann aber nicht an international übliche Mindeststandards von Qualitätszeitungen, z.B. strikte Trennung von Nachrichten und Kommentaren?

Brandstätter, Kralinger: B: Nennen Sie mir ein Beispiel, bitte.

Miklova Zala: Eine immer wieder offene Kritik an Hernn Brandstätter lautet, er "buckle nur nach oben" und führe Sparvorgaben meisterhaft aus, ohne für die MitarbeiterInnen zu kämpfen. Bitte um Stellungnahme.

Brandstätter, Kralinger: B: Eine Tageszeitung kann nur dann unabhängig sein, wenn sie wirtschaftlich erfolgreich ist. Ich gehe weder zu Politikern noch zur Wirtschaft "buckeln", um Inserate zu bekommen, sondern möchte mit den besten Mitarbeitern die bestmögliche Zeitung machen. Noch etwas: jeder Journalist, auch der Chefredakteur, hat Fakten der Betriebswirtschaft zu akzeptieren. Ein Unternehmen, wo die Kosten steigen, die Erlöse aber fallen, kann auf Dauer nicht oder jedenfalls nicht unabhängig existieren. Und noch etwas: ich habe diese Kritik noch nicht gehört, aber Sie können Sie ja mit Ihrem wirklichen Namen formulieren oder mir ein Mail schreiben.

ModeratorIn: Wie können Sie den Mitarbeitern, die massiv vom Sparpaket betroffen sind erklären, dass gerade Michael Fleischhacker als Kolumnist verpflichtet wurde? Er wird wahrscheinlich nicht gratis arbeiten.

Brandstätter, Kralinger: B: Er wird in der Freizeit einen anderen Kolumnisten ersetzen. Die Kosten bleiben also gleich, die Freizeit - übrigens das erfolgreichste Magazin einer Tageszeitung in Österreich - wird dadurch noch ein Stück abwechslungsreicher.

anton-aus-tyrol: Der Kurier wird oft als Hauszeitung der Raiffeisen Gruppe, auf Grund der Eigentümerverhältnisse, bezeichnet. Muss es nicht Ziel eines Qualitätsmediums sein, von solchen Konzernen unabhängig zu sein?

Brandstätter, Kralinger: B: Kennen Sie die Eigentumsverhältnisse? Der Kurier gehört zu etwas mehr als 50% Raiffeisen und zu etwas weniger als 50% der deutschen WAZ-Gruppe (dort war übrigens bis vor kurzem ein ehemaliger SPD-Minister einer der Geschäftsführer). Wenn Sie am vergangenen Sonntag den Kurier geslesen haben, ist Ihnen hoffentlich aufgefallen, dasss wir über FMA- Untersuchungen gegen Raiffeisenmitarbeiter berichtet haben. Unser Redakteurstatut garantiert die Unabhängigkeit vom Eigentümer in der täglichen journalistischen Arbeit.

ModeratorIn: Die Zeit ist leider um. Wir bedanken uns bei Herrn Kralinger und Herrn Brandstätter für den Besuch im Chat und bei den Usern für die vielen Fragen.

Brandstätter, Kralinger: B+K: Wir danken für das rege Interesse.

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