Schwarze Löcher für den Hausgebrauch

  • Die Arche 2012 bittet vor der Apokalypse zur "Letzten Weltausstellung".
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    foto: kurt prinz

    Die Arche 2012 bittet vor der Apokalypse zur "Letzten Weltausstellung".

"Die letzte Weltausstellung" im Wiener Gschwandner

Wien - Das alte Vorstadtvergnügungslokal Gschwandner erfüllt für diese Veranstaltung alle Voraussetzungen. Das riesige "Etablissement", das ursprünglich ein Heuriger im Grünen war und jetzt in einer abgerockten Wohngegend steht, war jahrzehntelang leergestanden und bröselte bausubstanzmäßig total berlinerisch dahin. In jüngster Zeit steht das Gschwandner allerdings beinahe so wie früher wieder eher für jene Kunstformen offen, die auch schon vor den großen Kriegen innerhalb des Gürtels keinen Platz gefunden hätten. Okay, Nackttanz jetzt einmal ausgenommen.

Das Impulstanz-Festival war heuer da, das Volxkino, die Vienna Design Week sowie eine Verkaufsausstellung von Vintage-Möbeln. Bevor das Gschwandner nun saniert und zu einem irgendwie offiziellen Kulturzentrum umgebaut wird oder die supersensiblen Nachbarn wegen angeblicher Ruhestörungen auf die Wachstube in der Nähe eine Standleitung installieren, geht aber ohnehin erst einmal die Welt unter.

Mit (jungen) Wiener Künstlern und Künstlergruppen wie der Spaß-Guerrilla verpflichteten Grafikergruppe Atzgerei, dem Stirn Prumzer, Fotograf Kurt Prinz, der Performancegruppe Toxic Dreams, den guten alten Musikungustln und Chefauszuckern Fuckhead (Achtung, die schmutzen live mit Farbschüttungen!), Anna-Maria Bogner, der Gruppe Uno Wien oder Paul Busk lädt die Selbsthilfegruppe Arche 2012 nun über eine Woche lang zur Letzten Weltausstellung.

Im idyllisch-tristen Ambiente einer ehemaligen Ausschweifungshütte, in der sich nun ein Dauerkater breitgemacht hat, sieht man etwa in Kinderpizzenkartons verpackte schwarze Löcher, die man käuflich erwerben kann. Endzeit-Fastfood. Weltuntergang für den Hausgebrauch. In einem Nebenraum leuchtet im kalten Weiß ein Labor, von dem man nicht wissen möchte, was darin untersucht wird. Eine soft-versaute Holzhüttenaustobstuben-Installation von Stirn Prumzer weist deutlich daraufhin, dass den Mitgliedern von Fuckhead nach ihrer Performance hoffentlich eine Dusche zur Verfügung steht.

Im Keller wurde aus den Matratzen- und Polsterbeständen der Caritas ein Kuschelnest eingerichtet, in das man sich zu romantischer Elektronikmusik zurückziehen kann, wenn oben nach dem Ende die Zombies durch die Straßen torkeln und ein etwas dick und alt gewordener Mad Max keine Steckdose für sein Smart-Solarauto findet und deshalb mächtig sauer wird. Auf einem Gang liegt ein mit einem getrockneten weißen Etwas übergossenes Tier (eh ausgestopft und tot), in einer Plastilininstallation steht der Kasperl im Eck und schämt sich. Die Türme von Gotham City werden daneben von riesigen Flughamstern zerstört.

Dazwischen immer wieder knallig-traurige Siebdruckfotos von Industrie- und Büroruinen am Wiener Stadtrand. Die Apokalypse frisst sich ins Zentrum vor. Auf einem Wandteppich grüßt der ehemalige grüne libysche Diktator. Schluss mit lustig. Das macht großen Spaß. DJs und Konzerte gibt es ab Freitagabend natürlich auch. Was haben Sie gedacht?!    (Christian Schachinger, DER STANDARD, 19.10.2012)

"Die letzte Weltausstellung", ab Freitag, 19. 10., bis 28. 10. im Etablissement Gschwandner, 1170 Wien. Ab 18 Uhr.

 

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