Ein letzter Wunsch, ein weiteres Spiel

Bert Rebhandl
18. Oktober 2012, 20:37
  • Bewährte Mitglieder einer Filmfamilie, die sich noch einmal auf einer fiktiven Bühne versammelt: Sabine Azéma und Pierre Arditi in Alain Resnais' "Vous n'avez encore rien vu".
    vergrößern 600x400
    foto: a. borrel

    Bewährte Mitglieder einer Filmfamilie, die sich noch einmal auf einer fiktiven Bühne versammelt: Sabine Azéma und Pierre Arditi in Alain Resnais' "Vous n'avez encore rien vu".

Der große alte französische Meister Alain Resnais verspricht mit seinem neuen Film: "Vous n' avez encore rien vu / Ihr werdet euch noch wundern"

 Eine Handvoll Schauspieler wird darin mit einem Todesfall und einem Stück eigener Geschichte konfrontiert.

Was mag passiert sein, wenn bei einer ganzen Riege erstrangiger französischer Schauspieler das Telefon klingelt? Sie bekommen alle dieselbe Nachricht: Antoine d'Anthac ist gestorben, ein renommierter Dramatiker, der allerdings anscheinend zuletzt mit einer neuen Partnerin ein wenig Skandal gemacht hat. Das darf aber jetzt keine Rolle spielen, denn alle müssen Koffer packen, Mantel anziehen, und sich auf den Weg machen zu einem Anwesen, von dem Alain Resnais in seinem neuen Film Vous n'avez encore rien vu nur einen kurzen Establishment Shot zeigt, und dann auch schon eine seltsam gruftige Halle, in der zahlreiche Fauteuils auf die Gäste warten. Sie müssen vor der Grablegung noch einen Wunsch des Verschiedenen erfüllen.

Er hat verfügt, dass sie sich Filmaufnahmen zu einer neuen Inszenierung seines Stücks Eurydice ansehen, mit denen eine junge Theatergruppe sich um das Einverständnis des Autors bemüht hat. Von den Anwesenden haben alle eine besondere Beziehung zu diesem Stück: Sie haben es selbst einmal gespielt, vor allem die weiblichen Stars Sabine Azéma und Anne Consigny sind mit der Titelrolle fest verwachsen.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Bilder, die auf eine in die Steinmauer eingelassene Leinwand geworfen werden, werden für die angereisten Schauspieler zu einem Spiegel, vor dem sie sich an ihr früheres Spiel erinnern. Sie leben sich hinein in ein Stück, das auf diese Weise unvermutet neu entsteht. Michel Piccoli tritt als Vater des Orpheus auf, Mathieu Amalric spielt einen geheimnisvollen Fädenzieher, Lambert Wilson spielt den jüngeren, Pierre Arditi den älteren Orpheus.

Das Stück, das Alain Resnais und sein Drehbuchpartner Laurent Herbier hier im Kopf haben, stammt von Jean Anouilh. Es geht auf die Zeit der Besatzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg zurück, aber nach politischen oder zeithistorischen Facetten wird man vergeblich suchen. Alain Resnais baut in seinem ebenso persönlichen wie artifiziellen Werk einen rein ästhetischen Erfahrungsraum, in dem es eher darum geht, ein Stück von Anouilh mit einem zweiten zu kombinieren, als den garstigen historischen Graben zu überbrücken, der uns schon vom französischen Drama, geschweige denn von der ihm zugrunde liegenden griechischen Mythologie trennt.

So geht es hier vor allem auch darum, die Familie, die Resnais in den letzten Jahren um sich versammelt hat, noch einmal zusammenzubringen, ihr neue Mitglieder zuzuführen und sie bei einem Spiel unwillkürlicher Mimesis zu beobachten. Der Text sucht sich gewissermaßen seinen Resonanzraum in den Körpern und Geschichten der Stars, und es überrascht nicht, dass sich das ganze Experiment schließlich als eine raffiniert eingefädelte narzisstische Manipulation erweist.

In dieser Spannung zwischen schauspielerischer Entäußerung und auktorialer Verfügung liegt ein wesentliches Moment von Vous n'avez encore rien vu, mit dem der inzwischen 90-jährige Alain Resnais konsequent bei den wichtigen Themen seines künstlerischen Lebens bleibt: das Theater ist bei ihm der privilegierte Ort einer Ästhetik der Wiederholung, in der es darauf ankommt, in den Nuancen die Freiräume zu finden, die erst der befremdliche Epilog noch einmal ganz neu andeutet.    (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 19.10.2012)

26. 10., Metro, 11.00
27. 10., 18.30

Share if you care
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.