Koji Wakamatsu 76-jährig gestorben

Der japanische Filmregisseur starb infolge eines Unfalls

Tokio - An einem Winternachmittag des Jahres 2008 steht Koji Wakamatsu vor der Leinwand des Berliner Delphi-Kinos. Gerade ist sein Film Tenshi no kokotsu (Ekstase der Engel, 1972) gelaufen, in dem es um eine linksradikale, revolutionäre Gruppe geht und der als Pink Eiga, als Softporno, inszeniert ist. Die Figuren, Frauen wie Männer, tragen Decknamen und debattieren ihre Strategien und Theorien, während sie lustlos, fast gelangweilt Sex haben.

Ein Zuschauer möchte wissen, was Wakamatsu am Genre des Pink Eiga gereizt habe; es sei Mittel zum Zweck gewesen, antwortet er: Für die Produktion eines Softpornos gab es Geld. Auf die Frage, ob Wakamatsu seinerzeit darüber nachgedacht habe, sich der terroristischen Japanischen Roten Armee anzuschließen, meint er "Oh ja", nur habe man ihm zu verstehen gegeben, dass er als Filmemacher der revolutionären Sache besser diene denn als Kämpfer. Man sollte das nicht als Koketterie missverstehen: Wakamatsus Mitstreiter Adachi Masao ging damals in den Untergrund; später schloss er sich in Beirut der Volksfront zur Befreiung Palästinas an.

Die Vorführung und die Diskussion von Tenshi no kokotsu führen mitten hinein in ein OEuvre, das so kontrovers wie umfangreich ist. Über 100 Filme hat der 1936 Geborene gedreht, eine Produktionsfirma aufgebaut, die u. a. Nagisa Oshimas Klassiker Im Reich der Sinne (1976) verantwortet, und immer wieder ist er angeeckt, etwa als er 1965 bei der Berlinale Secrets Behind the Wall vorstellte, ebenfalls ein Pink Eiga, was in Japan für Unmut sorgte. Künstlerische Vollendung ist seine Sache nicht; seinen Filmen eignet etwas Rohes, Ungeschlachtes, was sich im besten Fall als produktive Unruhe auf das Publikum überträgt.

Letzteres gilt zum Beispiel für United Red Army, eine 190-minütige Dokufiction, die sich mit der Selbstzerfleischung der militanten japanischen Linken befasst, oder für Caterpillar (2010), einen rauen, radikalen Antikriegsfilm, in dem ein verstümmelter Veteran nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seiner Frau zur Last fällt. "Ich selbst habe als Kind erlebt, was ich in Caterpillar zeige", sagte Wakamatsu: "Meine Mutter versuchte, sich um alles zu kümmern, während mein Vater fort war. Es gab nicht genug zu essen."

Am Freitagabend wurde Wakamatsu im Tokioter Shinjuku-Viertel von einem Taxi angefahren, am Mittwoch erlag er seinen Verletzungen. Seine Radikalität und seine Produktivität werden fehlen.    (Cristina Nord, DER STANDARD, 19.10.2012)

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