Hollandes Träume, Merkels Realismus

Thomas Mayer, 18. Oktober 2012, 19:03

Bankenaufsicht, gemeinsame Anleihen, Eurobudget: Aus dieser Wunschtüte sollen die Regierungschefs eine große EU-Reform basteln

Euro-Bankenaufsicht, Stärkung der Eurozone, gemeinsame Anleihen, Währungskommissar mit Zähnen, Schuldenfonds, Eurobudget: Die Wunschtüte des EU-Gipfels war so prall wie nie: Daraus soll eine große EU-Reform werden.

Brüssel - Ginge es allein nach dem französischen Staatspräsidenten, hätten er und die übrigen Regierungschefs den EU-Gipfel Donnerstag im Eiltempo erledigen können: "Die einzige Entscheidung, die wir heute treffen, die wir bestätigen müssen, ist die Einführung einer Bankenunion bis Jahresende", gab François Hollande einen Takt vor.

Eine solche neue strenge Bankenaufsicht über 6000 Institute im Euroraum unter der Patronanz der Zentralbank (EZB) zu schaffen, war Ende Juni im Prinzip vereinbart worden. Zweck des Ganzen ist, dass marode Banken in den 17 Ländern der Währungsunion damit auf die Milliardenhilfen des am 8. Oktober gestarteten Euro-Stabilitätsfonds (ESM) direkt zugreifen können. In der Lesart des Franzosen wäre das schon in zehn Wochen, ab 1. Jänner 2013.

Sein Pech: Er ist bei dieser Interpretation früherer Beschlüsse ein wenig Opfer seiner eigenen, ideologisch geprägten Wunschvorstellungen geworden. Im Juni hieß es nur, man wolle das "dringlich bis Jahresende prüfen". Kein Wort von Umsetzung.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel machte Stunden vor Beginn des Gipfels im Bundestag in Berlin deutlich, dass es Bankenhilfe (und deutsche Garantien) erst geben werde, wenn die Aufsicht operativ funktioniere - nicht wenn legistische Bedingungen auf dem Weg seien.

Nur für Spanien hat man eine (dringliche) Ausnahme gemacht.

Berlin will nicht Milliarden in Banken anderer Länder stecken, bevor Regeln und Strukturen klar sind. Davon kann vorerst keine Rede sein. Einen Vorschlag der EU-Kommission hat die EZB noch nicht einmal erläutert, geschweige denn sind irgendwelche Maßnahmen getroffen, wie tausende Prüfer bis 1. Jänner ihre Arbeit aufnehmen sollen.

Alles kommt etwas später

Diplomaten sagen, ein Start der Bankenunion Mitte 2013 wäre ein schönes Ziel. Denn es bedarf dafür auch noch der Zustimmung aller EU-Länder, die den Euro nicht haben; die nicht in der EZB vertreten sind, und daher befürchten, dass sie ausgetrickst werden. Tschechien droht mit Veto.

Österreich möchte, dass möglichst viele Oststaaten in die neue Aufsicht eingebunden werden.

So sollte es beim ersten Hauptthema des Gipfels zwar zu kontroversiellen Debatten kommen (Großbritannien lehnt alles ab), aber nicht zu konkreten Beschlüssen. Ähnliches galt für zwei weitere damit verbundene Konzepte, die der Stabilisierung des Euro und einzelner Krisenländer dienten: Einführung eines Schuldentilgungsfonds im Euroraum einerseits, Eurobonds andererseits.

Die gemeinsame Schuldenübernahme, für die sich auch Bundeskanzler Werner Faymann aussprach, soll helfen, überschuldeten Krisenstaaten mehr Luft zu verschaffen. Zinsen für Staatsanleihen sollen auf vertretbares Maß gebracht, Marktdruck genommen werden. Gemeinsamen Anleihen ("Eurobonds") könnten große Projekte billig finanziert werden, so das Kalkül. Letzteres vertritt Hollande vehement. Aber auch da ist Merkel vor. Sie lehnt den Schuldenfonds ab, solange nicht sichergestellt wird, dass Eurostaaten sich ernsthaft reformieren, wettbewerbsfähiger werden, Budgetdefizite einer gestärkten Kontrolle durch Brüssel unterzogen werden. 

Eurobudget gegen Jugendarbeitslosigkeit

Das Stichwort dazu heißt Fiskalunion. EU-Präsident Herman Van Rompuy legte dazu einen Zwischenbericht vor, wie man zu einer viel engerer Kooperation in der Wirtschafts- und Währungsunion käme. Darin deutete er die Schaffung eines Eurobudgets für gezielte Maßnahmen etwa gegen Jugendarbeitslosigkeit an (hier erfahren Sie mehr zum Eurobudget). Eurostaaten könnten sich freiwillig in Verträgen zu mehr Fiskaldisziplin verpflichten. Bis Dezember will er "einen präzisen und zeitlich verbindlichen Fahrplan".

Deutschland, das sich für einen gestärkten Währungskommissar mit Durchgriffsrecht ausspricht, hofft darauf, dass man bis Dezember sogar einen "Konvent" zur umfassenden Erneuerung der EU-Verträge einberufen kann. Die Pläne für ein "Kerneuropa" sind umstritten. Bundeskanzler Werner Faymann sagte, er würde ein einheitliches Vorgehen aller EU-Staaten bevorzugen, Spaltung sollte vermieden werden. (Thomas Mayer, DER STANDARD, 19.10.2012)

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GB lehnt alles ab?
dann kannst die Regulierungen eh schon vergessen :D
Wann sagt endlich einer: " raus aus dem Verrein, entweder tragen die Briten ALLES mit, oder NICHTS!"?

also bitte, das ist ein griff ins unterste klischeeladl.

sozialdemokraten sind 'träumer', cdu-politiker 'realisten'. geht's noch? andererseits: das lässt einen objektivitätsverdacht erst gar nicht aufkommen.

merkels "realismus" und kompetenz läßt sich an einem beispiel perfekt bemessen:

an der öffentlich getätigten aussage "ihre spareinlagen sind sicher"

seit damals ist die sockenpuppe nicht mal mehr ansatzweise ernstzunehmen

Gott sei Dank haben wir die Frau Merkel in der EU, die mit Hirn und Sachverstand die Debatten immer wieder in vernünftigen Bahnen hält. Der Sozialist Hollande stellt sich unverständlicherweise ganz auf die Seite der Banken denen er freien Zugriff auf EU-Gelder verschaffen will.

Ja völlig unverständlich, dass Holland

keine tiefe Rezession haben will und nicht in der Liquiditätsfalle verenden! Da muß schon der 'Realitätssinn' von Angela her um Ihm diese Flausen auszutreiben!

Merkels sogenanter Realismus schickt die EU mindestens für die

nächsten paar Jahre in die Depression. Wenigstens braucht man sich da über Inflationsgefahren keine Sorgen machen, und alle die jetzt Gold horten und sich überteuerte Immoblilien kaufen haben aufs völlig falsche Pferd gesetzt.

Erst wird schon jetzt Inflationiert auf Teufel komm raus nur durch Inflation

kann man das System wieder stabilisieren. Die Amis haben nach dem 2 WK die 5000 Milliarden Dollar Rechnung des Krieges weginflationiert ergebnis 50 % Kaufkraftverlust in der Nachkriegszeit, das haben wir zu erwarten mit ohne ohne Merkel

Kann schon sein, aber solange die EU in der Depression

ist gibt es sicher keine Inflation sondern viel eher eine Deflation, und unsere teutonische Angie wird durch ihren 'Realitässinn' schon dafür sorgen, dass wir in den nächsten paar Jahren schön tief in der Rezession bleiben. Auf den deutschen Wahnsinn können Sie ruhig bauen! Auf den können Sie sich verlassen!

Lesen sie nach über Infla-deflation

wahrscheinlich ist beides zugleich.

Inflation und Deflation können höchstens

hintereinander, aber niemals zugleich auftreten, weil die Inflation als Gegenteil der Deflation definiert ist. Was sie vieleicht meinen ist die Stagflation= Stagnation + Inflation.

Danke sie haben recht

An Banken anderer Länder hat Deutschland ja schon Milliarden

verloren, nämlich an die Kärntner Hypovereinsbank, weshalb jetzt der bayrische Finanzminister von Österreich auch dieses Geld wieder zurück haben will.

Europapolitisch ist Faymann

mit dem Bürgermeister von Hintertupfing vergleichbar.

Der Bürgermeister von Hintertupfing möge mir diesen Vergleich verzeihen.

Sie wissen, daß er den Brief an die "Krone" geschickt hat.

Ich glaube eher, daß wenn 2 Europapolitiker sprechen und der Faymann kommt dazu, sie nur nett lächeln und untereinander weitersprechen...

Deshalb ist er ja früher nie hingegangen. Und deshalb, um sich etwas Aufmerksamkeit zu verschaffen, winkt er immer mit österreichischem Geld. Das nehmen die anderen gerne...

und wo ist Faymann?

gestern noch war er auf der Seite von Merkel. Heute schwänzelt er schon dem Hollande nach.

Die EU lacht über Österreich, Dank Faymann, unseres Wendehalses.

So ist es doch immer:

Die Linken träumen und die Konservativen denken.

danke, kriegst an einser, ...

... weilst den titel so brav gelesen und nachgebetet hast!

Ein Einser von einem Träumer ist aber nicht viel wert...

Und die Superreichen lenken

wann werden ...

... die Betrügereien Barrosos weiterbehandelt?

Er ist bei dieser Interpretation früherer Beschlüsse ein wenig Opfer seiner eigenen, ideologisch geprägten Wunschvorstellungen geworden. Im Juni hieß es nur, man wolle das "dringlich bis Jahresende prüfen". Kein Wort von Umsetzung.

echt, herr mayer?

hat nicht die eu-kommission selber vorschläge gemacht, wie die ezb ab 1.1.2013 mit der bankenaufsicht anfangen soll?

http://www.spiegel.de/wirtschaf... 55259.html

leidet die komission etwa unter den selben ideologischen vorurteilen wie herr hollande?

oder haben sie als korrespondent einfach ein wenig verschlafen, was sich in brüssel so in den letzten wochen getan hat?

Von dem Gipfel erwarte ich ja nix. Angst hab ich ja nur davor, wieviele Milliarden wir nach dem Gipfel wieder überweisen dürfen?

Thomas Mayer, DER STANDARD
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19.10.2012, 01:06
Hollande hat sich nicht durchgesetzt

Die EU-Kommission hat diesen Vorschlag nach der Aufforderung des EU-Gipfels vom 29. Juni nach dem Sommer präsentiert. Der Ecofin hat ihn in Nicosia am 14. September ausführlich erörtert, und es war damals schon klar, dass die BA nicht am 1. Jänner starten kann: aus technisch-organisatorischen Gründen. Hollande wollte nun beim EU-Gipfel nachkarteln, würde sagen von innenpolit. Problemen ablenken. Ist ihm nicht gelungen.

Deine Antwort klingt geil und könnte glatt von Merkels PR-Abteilung stammen, hat aber nichts mit meinem Kommentar zu tun. Muß es auch nicht, ich wollte es nur erwähnen.

... und unser Faymann hat sich wieder einmal an den Loser rangeschmissen.
Erbärmlich, seine Europapolitk!

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